Samstag, 17. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 89

Kapitel 89
Brunner erschien über die Nachricht nicht gerade erfreut und forderte Paul auf, ihn zur Leiche zu führen. Gleichzeitig verlangte er einen Abriss der vorangegangenen Ereignisse. Glasscherben knirschten unter ihren Stiefeln, während sie sich zu dem Fahrstuhl begaben, der sie näher an die Oberfläche führen sollte. Wieder passierte Paul seinen toten Freund und erneut stieg in ihm ein Gefühl der Hilflosigkeit empor. Es war unnötig, so unnötig. Das alles hier.
Der Oberstleutnant blieb bei den drei Leichnamen stehen und bat um die Herausgabe des Chips, der in Horsts Nacken gesteckt hatte. Eine Bitte, der Paul erst mal nicht so ohne Weiteres nachkommen konnte. Paul musste erst überlegen, bevor ihm wieder einfiel, dass Horst den Chip in seiner Hand hielt, als er verstarb. Traurig wandte er sich seinem Freund zu, öffnete seine Hand, fand darin den Fingernagel großen Chip und überreichte ihn Brunner. Der besah sich das elektronische Wunderwerk, drehte es etwas, bevor er einen Soldaten herbeirief und es ihm zur Verwahrung und Sicherung übergab.
Mit der Karte öffnete Paul erneut die Fahrstuhltür. Wie ein offener Schlund lag sie vor ihm, bereit ihn und alle, die bei ihm waren zu verschlucken. Sein Hals wurde trocken und nur widerwillig konnte er seinen Körper in die plötzlich viel zu kleine Kabine bewegen. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er durch Watte stapfen. Alle im Raum befindlichen Elemente schienen ihn plötzlich davon abzuhalten wollen, diese Kabine zu betreten. Paul kämpfte dagegen an, zwang seinen Körper weiter nach vorne und rang das Gefühl der Angst nieder. Wie ein Insekt verkroch es sich wieder in sein Unterbewusstsein und verharrte dort, bereit zu einem unpassenden Zeitpunkt wieder hervor zu preschen.
Obwohl es sich für Paul wie eine Ewigkeit anfühlte, waren nur wenige Sekunden vergangen. Brunner hatte mit vier Männern bereits den Fahrstuhl betreten und starrte etwas ratlos auf den Beamten, der wie in Trance und fernab seiner Gedanken in den Fahrstuhl zu schweben schien. Doch schnell verschwand der träumerische Ausdruck aus seinen Augen und machte dem scharfen und geschulten Blick eines langjährigen Polizeibeamten Platz. Entschlossen, als wäre nie etwas gewesen, drückte Paul den Knopf und fast lautlos rauschte die Kabine nach oben.
Die Fahrstuhltür öffnete sich und gab den Blick auf den trostlosen Flur frei. Wortlos setzten sich der Trupp in Bewegung und folgten dem Gang. Als sie um die zweite Ecke bogen sahen sie dort, wo eigentlich Brauns Leiche liegen sollte, nur die Spuren der vorigen Auseinandersetzung. Körpersäfte und Einschusslöcher im Boden waren zu sehen, aber von der Leiche fehlte jede Spur.
Brunner beugte sich hinunter und tauchte seine in einen Handschuh gekleideten Finger in die am Boden klebende Flüssigkeit. Mit den Fingern rieb er sie, roch daran und sah zu Paul hoch.
„Wo ist jetzt ihre Leiche?“
„Die Leiche von Braun sollte hier liegen.“, antwortete Paul. „Ich habe ein ganzes Magazin in seinen Körper gejagt, er ist tot.“ Seine Stimme hatte etwas leicht verzweifeltes.
„Haben Sie ihm auch eine Kugel in den Kopf verpasst?“
„In den Kopf? Ich, ich weiß nicht. Ich glaube nicht. Warum in den Kopf, er war doch nicht infiziert.“ Die Verzweiflung in Pauls Stimme nahm weiter zu.
„Und wenn doch? Gut, im schlimmsten Fall irrt er hier unten als Untoter herum. Die Gänge bieten ja nicht sehr viele Möglichkeiten sich zu verstecken. Wir folgen dem Verlauf des Gangs und suchen ihn, bringen ihn zu Fall und entscheiden dann, was wir mit seinen Überresten machen.“, erwiderte Brunner emotionslos.
Bei Paul nahm derweil die Verzweiflung weiter zu. Eine Erkenntnis machte sich ihn ihm breit.
„Oh Gott, mein Blut. Er hat sich mein Blut injiziert. Irgendetwas ist in meinem Blut. Und das ist jetzt auch in seinem Blut.“
Etwas Wirres trat in Pauls Augen und Brunner befürchtete für einen Moment, dass er sich die Pulsadern aufreißen könnte, um das, was auch immer sich in seinem Blut befand, aus seinem Körper zu reißen. Stattdessen schlug er sich die Hände vor die Augen und fiel auf den Boden. Erstickte Laute drangen nach außen. Der Oberstleutnant war kurz unschlüssig, gab einem der Soldaten den Befehl bei dem Beamten zu warten und marschierte mit den anderen weiter.
Wieder bog der Gang um eine Ecke, nur befand sich diesmal eine Tür hinter der Biegung. Die Tür stand offen und offenbarte den Blick in eine unbeleuchtete Höhle. Durch die Höhle drang das Geräusch von brandendem Wasser nach innen. Ein Licht am Ende der Höhle bedeutete, dass es dort ins Freie ging. Wenn jemand die Leiche dorthin geschafft hatte, oder womöglich Braun ein Zombie war und allein hierher gewankt ist, war er möglicherweise schon längst außer Reichweite.
Um keine weitere Zeit zu verlieren, jagte der Oberstleutnant die Soldaten durch die Tür und in die dunkle Höhle. Nachtsichtgeräte waren nicht ausgegeben worden und die Strahlen der Taschenlampen huschten hektisch an den Höhlenwänden umher. Schatten täuschten Bedrohungen vor, die es nicht gab und Stellen, die nicht erleuchtet wurden, hielten ihre Bedrohung verborgen. Als die Männer 100 Meter in die Höhle vorgedrungen waren, fiel die schwere Tür hinter ihnen ins Schloss.

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