Sonntag, 18. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 90

Kapitel 90
Die schwere Tür bewegte sich beinah lautlos, das fast unhörbare Quietschen ging im lauter werdenden Rauschen des Meeres unter. Der Knall, als sich die Tür endgültig schloss, war dagegen deutlich zu hören und blieb auch dem kleinen Trupp nicht verborgen. Ohne Verzögerung wirbelten sie herum und starrten in das dunkle Loch. Die Strahlen der Taschenlampen versuchten verzweifelt etwas einzufangen, huschten herum und tasteten flächendeckend Boden und Wände ab.
Sie waren unvorsichtig gewesen. Der Jagdinstinkt hatte Brunners Verstand ausgehebelt und die möglichen Gefahren ausgeblendet. Mit minimaler Feuerkraft waren er und seine Leute in unbekanntes Gebiet vorgestoßen. Und sie waren bisher alleine gewesen. Der Gang war leer, auch in der Höhle hatten sie keine Anzeichen von Leben oder Toten gefunden. Vielleicht hatte der Durchzug die Tür zugeworfen? Eine schwere Eisentür? Nein, absolut unmöglich. Wahrscheinlicher war, dass die Tür über eine Elektronik gesteuert wurde.
So oder so erschien ein weiteres Vorgehen plötzlich riskanter als zuvor. Brunner befahl den langsamen Rückzug. So leise wie möglich marschierte der Trupp geduckt zur Tür zurück, ständig darauf bedacht, sich nach allen Richtungen abzusichern. Meter um Meter legten sie zurück, bevor sie an der Tür zum Stehen kamen. Zwei Männer mühten sich ab, die Tür zu öffnen, konnten das Rad aber nicht ansatzweise bewegen. Es war, als wäre das Rad seit Jahren nicht gedreht worden und daher von salziger Meeresluft eingerostet.
Während sich die Männer weiter abmühten, sicherte Brunner den Höhleneingang. Etwas tropfte dabei stetig auf seinen Helm. Eine Kleinigkeit daran irritierte Brunner. Mit einem platschenden Geräusch landete abermals ein Tropfen auf dem Helm und plötzlich wusste er, was ihn daran störte. Die Höhlenwände waren eigentlich trocken. Wieder ein Platschen. Trotz der Nähe zum Meer waren die Wände definitiv trocken. Das Geräusch glich auch weniger einem Tropfen Wasser. Platsch. Es klang dickflüssiger.
Plötzlich fühlte sich Brunners Hals trocken an und Schweiß sammelte sich in seinem Nacken. Es war mehr ein Gefühl, aber sollte sich die Vermutung als richtig erweisen, hätten sie jetzt ein gewaltiges Problem. Seine Gedanken überschlugen sich und er plante krampfhaft sein weiteres Vorgehen. Er wusste nicht, wie viel Zeit im blieb. Aber er musste sicher schnell reagieren. Wahrscheinlich hatte er nur Sekundenbruchteile. Platsch. Etwas von der Flüssigkeit löste sich von seinem Helm und tropfte ihm auf die Jacke. Aus den Augenwinkeln betrachtete er die rot gelbe Masse, wie sie nun langsam und zäh an dem wasserabweisenden Material nach unten lief. Er hörte ein Knurren.
Es war Zeit zu handeln. Er hatte nur eine Chance und war bereit, diese auch voll zu nutzen. Mit einem Sprung hechtete er zur Seite und warf sich auf den Boden. Dabei schwang er das Gewehr nach oben und gab einen Feuerstoß auf die Höhlendecke ab. Keine Schussgeräusche hallten durch die Höhle und kein Mündungsfeuer erhellte die Decke. Ein dumpfer Schlag zeugte aber davon, dass eine der Kugeln vor dem Aufschlag auf dem nackten Stein noch etwas anderes getroffen haben muss.
Noch während die anderen Soldaten perplex abwechselnd auf ihren Befehlshaber und nach oben starrten, löste sich ein Schatten von der Höhlendecke. Etwas sehr Unförmiges schwang herunter und krachte auf den Boden. Schemenhaft stand es da und bewegte sich nicht. Erst als der Oberstleutnant wieder zu sich gefunden hatte und den Feuerbefehl ausstieß, erwachten die Männer aus ihrer Trance und feuerten auf das Wesen.
Die Kugeln zerfetzten dessen Fleisch, Knochen und Gewebe. Sie drangen vorne ein, kamen rückwärtig wieder raus und zischten als Querschläger über die Wand davon. Doch nichts davon brachte den Schatten zu Fall. Einer der Soldaten fasste  Mut und richtete den Strahl seiner Lampe auf das Ding. Er wünschte sich, er hätte es nicht getan. Das Licht der Lampe legte etwas frei, was nur noch entfernt an einen Menschen erinnerte.
Brunner glaubte Brauns Züge zwischen den Wucherungen im Gesicht zu erkennen, welches wie eine Grimasse verzogen war. Riesige Eiterbeulen überzogen Kopf, Nacken und die Stellen, die nicht weiter von Kleidung bedeckt waren. An den meisten Stellen war diese bereits aufgeplatzt. Die von innen herausgewachsenen Verformungen hatten den Stoff so stark beansprucht, bis er der Belastung nicht mehr stand hielt.
Trotz seines wachsenden Ekels ließ der Soldat das Licht noch weiter nach oben wandern, bis er die Augen des Wesens fand. Diese waren voller Leben, beobachteten alles und wichen auch nicht dem Licht aus. Brunner sah in die Augen, stellte Augenkontakt her und er erkannte darin ein Raubtier, das bereit zum Sprung ist. Unfähig den Blick wieder zu lösen feuerte er geradewegs auf den Kopf und sah Flüssigkeiten und Gewebe auf der anderen Seite im schwachen Schein der Taschenlampe weg spritzen. Braun fiel allerdings nicht.
Es war offensichtlich, dass dieses Ding immer noch am Leben war. Dessen Augen glänzten förmlich. Nein, sie leuchteten, bemerkte Brunner. Sie leuchteten wie ein Feuer, sie flackerten, bereit alle die ihnen im Weg standen aufzufressen. Schon meinte der Oberstleutnant die Feuerzungen an sich hinauf lecken zu spüren, als er sich aus dem Bann reißen konnte. Ruckartig erlosch das Feuer. Das Leuchten war aus den Augen verschwunden und im nächsten Augenblick waren auch die Augen nicht mehr da. An ihrer Stelle war nur noch Dunkelheit.
Ein lauter Schrei tönte durch die Höhle.

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