Donnerstag, 22. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 94

Kapitel 94

Obwohl die Füße sein Gewicht kaum mehr tragen konnten und die Lungen unter dem Mangel an Luft schmerzten, schleppte Paul sich weiter die Treppen hinauf. Unendlich schienen sich die Stufen hinzuziehen bei jeder Biegung hoffte er das Ende der Treppen zu erspähen. Schwer atmend legte Paul eine Pause ein, lehnte sich an das Geländer und widerstand der Versuchung, sich einfach auf den Boden zu setzen. Nein! Er musste weiter. Er war noch nicht in Sicherheit.

Gerade als er sich wieder aufraffte, klang ein dumpfer Schrei durch das Treppenhaus.

„Bäääääääärrrraaaaaaa“

Die Wände reflektierten den Ton des Gebrülls und Paul erschien er, als wenn er von allen Seiten gleichzeitig auf ihn einhämmerte. Sein Magen und sein Zwerchfell vibrierten durch die tiefen Töne, setzten aber in ihm nochmal Energiereserven frei. Eilig löste er sich von dem Geländer und setzte an, den Aufstieg fortzusetzen. Nach nur einer Minute konnte er endlich das Ende erkennen. Erleichterung und Hoffnung durchströmten ihn, gaben ihm neue Kraft und erhöhten noch einmal sein Tempo.

Am Ende angekommen ließ er sich gegen die Tür fallen und war überrascht, dass sie sofort unter seinem Gewicht nachgab und nach außen aufschwang. Draußen erwartete ihn ein Schlachtfeld. Der Empfangsbereich war durch die vorangegangenen Kämpfe gezeichnet. Der Boden war mit Blut und Scherben übersät, viele Fensterscheiben waren zu Bruch gegangen und Schreibtische, die als provisorische Deckung genutzt wurden, waren von Kugeln durchsiebt worden. Offensichtlich keine gute Idee seitens der Verteidiger, dachte Paul.

Aber statt länger darüber nachzudenken, lief er weiter. Nur weg. Weg von diesem Monster. In Sicherheit? Gab es überhaupt einen Ort, an dem er jetzt noch in Sicherheit sein könnte? Egal. Nur weg von hier. Vor dem Gebäude standen Militärfahrzeuge. Einige davon würden sicher nicht mehr benötigt werden. Ein Knall. Er lief weiter. Noch ein Knall und etwas schlug unweit von ihm auf den Boden ein. Es dauerte eine Weile bis er begriff, dass gerade ein Warnschuss auf ihn abgegeben wurde.

Das Blut in seinen Ohren pulsierte und erst als er seinen Lauf stoppte und seine Atmung sich wieder beruhigte, hörte er die Schreie der Soldaten. Er hörte sie, verstand aber den Sinn der Worte noch nicht. Er musste weiter. Woher kamen diese Soldaten? Natürlich, die Nachhut. Die mussten auch die Leichen und Verwundeten weggebracht haben, nachdem oben die Gefechte abgeebbt waren. Der Druck ihm Ohr ließ langsam nach und jetzt drangen die Worte zu ihm durch. Sie befahlen ihm, sich auf den Boden zu legen.

Nicht jetzt. Paul drehte die Handflächen nach außen und ging langsam weiter auf die Stellung zu. Als er näher kam, sah er das Grauen in ihren Gesichtern. Er benötigte einige Zeit um zu begreifen, dass das Grauen nicht ihm galt, sondern jemand, oder etwas, hinter ihm. Tatsächlich feuerten sie bereits auf seinen monströsen Verfolger und konnten ihn damit vorerst aufhalten. Doch schon bald würden sich wieder dessen Wunden verschließen und dann würde das Ungetüm weiter auf sie zu stürmen.

Ein Soldat hatte sich aus seiner Deckung gelöst und winkte Paul zu. Er erkannte in dem Soldaten Feldwebel Urban, der sie von der vorgelagerten Stellung hergebracht hatte. Für den Einsatz waren wohl auch Streitkräfte aus den vorgelagerten Stellungen herangezogen worden. Nachdem er sich vergewisserte, dass die gesamte Aufmerksamkeit der schießenden Soldaten dem Mutanten galt, nahm er seinen Mut und seine verbliebene Kraft zusammen und rannte zu Urbans Stellung. Dort angekommen ließ er sich auf den Boden fallen.

„Was zur Hölle ist da drin vorgefallen? Wir haben vor einigen Minuten den Kontakt zum Kommando verloren. Die letzte vollständige Meldung war, dass Sie zusammen mit dem Oberstleutnant etwas überprüfen wollten und jetzt ist hier der Teufel los. Im wahrsten Sinn des Wortes. Wer oder was ist das?“

Urbans Fragen prasselten auf den Beamten ein. Noch immer von seinem Kraftakt erschöpft füllte er nach und nach seine Lungen mit Luft. Die Worte kamen ihm nur abgehackt über die Lippen.

„Tot“, keuchte er. „Brunner. Alle tot.“, presste er zwischen zwei Atemzügen heraus.



Urban erkannte, dass er seine Fragen noch etwas zurückhalten musste. Überraschend bäumte sich Paul auf und zog Urban zu sich nach unten.

„Müssen weg.“

Verdutzt blickte Urban auf den Polizisten und starrte dann auf das Monster. Trotz des Beschusses war dieses näher gekommen und er konnte beobachten, wie sich die von unzähligen Geschossen beigebrachten Wunden wieder schlossen. Wieder. Und immer wieder.

„Verdammt. Den Typen haut ja nichts um. Hat der da unten unsere Männer auf dem Gewissen?“, presste Urban hervor. Obwohl er es unterdrückte, war ihm deutlich anzusehen, dass er Angst hatte. Seine Lippen bebten leicht, während er sprach und seine Augen waren geweitet.

„Lauf.“, presste Paul hervor, während er weiter um Luft rang.

Gerade wollte Urban etwas erwidern, als ihn neuer Lärm aufschrecken ließ. Vorsichtig hob er den Kopf an und zog ihn sogleich erschrocken zurück. Braun hatte die Stellung erreicht und gerade einen Geländewagen gerammt. Der Wagen überschlug sich und die dahinter Deckung suchenden Soldaten wurden bei dem Manöver getötet oder verletzt. Blutend und schreiend lagen sie jetzt unter dem Fahrzeug, während der Mutant auf die nächsten Verteidiger losging. Urban hob sein Gewehr und feuerte. Er schoss unaufhaltsam bis sein Magazin leer war. Noch während sich abermals die Wunden des Monsters schlossen, drehte es sich um und hielt direkt auf Urban zu.

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