Sonntag, 25. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 97

Kapitel 97

Um ihn herum hörte Paul Stimmen. Viele Stimmen. Irgendjemand redete scheinbar mit ihm. Jemand erkundigte sich nach seinem Namen. Paul öffnete den Mund, brachte aber keine Antwort heraus. Schmerz durchzuckte seinen geschundenen Körper und wieder Schwärze. Sie umhüllte ihn, umschmeichelte ihn und gab ihm Wärme. Ein Blitz. Licht. Zu viel Licht. Brennt in den Augen. Wieder Dunkelheit. Gedämpfte Stimmen. Schwärze.

Er wusste nicht wo er sich befand und wie viel Zeit vergangen ist, seit er bewusstlos geworden war. Seine Hände und Füße waren auf einem Bett festgeschnallt und sein Oberkörper mit einem Riemen fixiert. Eine Infusionsnadel steckte in Pauls Arm und gab Tröpfchenweise eine klare Flüssigkeit in seinen Blutkreislauf. Das monotone Piepen eines Herzfrequenzmessers glitt wie auf Schwingen durch die Stille und bohrte sich in seinen Kopf.

Nur schwerlich vermochte er seinen Blick von der Infusionsflasche zu lösen und in seinem Zimmer auf Wanderschaft zu schicken. Ein kleines Zimmer. Nur ein Bett, viele technische Apparate und eine große Glasscheibe. Gern hätte sich Paul aufgerichtet, wurde aber von den Riemen zurückgehalten. So weit es ging, streckte er seinen Kopf nach oben und versuchte so mehr Eindrücke von seiner Umgebung aufzunehmen.

Als ihm das nicht gelang, zerrte er stärker an seinen Fesseln, bis sie sich in sein Fleisch eingruben. Das Knistern eines Lautsprechers ließ ihn schließlich verharren:

„Oh, willkommen zurück Herr Polizeihauptmeister. Wir freuen uns, dass Sie wieder unter den Lebenden weilen.“

Bei der Betonung seines Ranges zuckte Paul zusammen. Unschöne Erinnerungen an Braun wurden wach und die Angst, von dessen Verbündeten aufgegriffen worden zu sein. Er konnte sich an nichts Genaues mehr erinnern. Von der Nachhut war offenbar nur noch er übrig. Jederzeit hätte ihn jemand Fremdes von der Insel fortbringen können. Ein Gefühl der Ohnmacht überkam ihn, als die Stimme weitersprach.

„Es tut uns leid, dass wir Ihnen einige Unannehmlichkeiten bereiten mussten, aber ich fürchte, wir haben einige Fragen an Sie. Würden es Ihnen etwas ausmachen, das Gespräch unter vier Augen fortzusetzen?“

Paul schüttelte langsam den Kopf um die Frage zu verneinen.

„Sehr schön. Ich bin gleich bei Ihnen. Gehen Sie nicht weg. Oh, wie dumm von mir.“

Ein Witzbold. Ein gottverdammter Witzbold. Das war es, was Paul in diesem Moment gebraucht hatte. Die Sicherheitstür glitt auf und ein in einem Anzug gekleideter Mann trat in den Raum. Von Statur und Aussehen eher unauffällig, strahlte der Mann doch etwas aus, das ihn aus der Masse herausstechen ließ. Die Augen. Irgendetwas war mit den Augen. Scheinbar ruhelos wanderten sie umher und doch fixierten sie dabei immer wieder Paul.

„Schön, dass wir uns endlich persönlich kennen lernen. Mein Name tut nicht viel zur Sache. Nennen Sie mich einfach Meier, wenn Sie unbedingt darauf bestehen, mich mit einem Namen anzureden.“, spulte der Zivilist mit einem süffisanten Unterton ab.

„Angenehm, Bährer.“, krächzte Paul zurück und räusperte sich, um den Klos aus seinem Hals zu vertreiben.

„Oh, Sie müssen sich nicht vorstellen. Wir wissen alles über Sie. Wasser?“

„Ja, bitte.“, antwortete Paul immer noch krächzend, woraufhin sich Tür ein weiteres Mal öffnete und eine attraktive junge Dame mit einem Glas Wasser den Raum betrat. Die Frau war mit einer Schwesternkluft bekleidet und trug ihr blondes Haar streng nach hinten gekämmt und dort zu einem Dutt zusammengebunden. Sie überreichte das Glas dem Zivilisten, versenkte darin einen Strohhalm und schwebte förmlich wieder aus dem Zimmer.

„Ein wahrer Engel, nicht wahr? Beruhigt Sie der Gedanke, dass sich Anja die letzten Stunden um Sie gekümmert hat?“, sprach er ruhig weiter auf Paul ein, während er ihm das Glas so hinhielt, dass er am Strohhalm ziehen konnte. Es fühlte sich gut an, als das kühle Nass die Kehle hinunter lief.

„Langsam, Herr Polizeihauptmeister. Wir wollen doch nicht, dass Sie sich verschlucken.“

Nachdem er das Glas zu drei Viertel geleert hatte, ließ Paul davon ab und räusperte sich erneut, bevor er heiser das Wort ergriff:

„Drei Fragen. Wo bin ich hier, wer sind Sie und warum bin ich gefesselt?“

„Oh, das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal.“ Der Fremde kicherte. „Aber Sie haben natürlich ein Recht darauf zu erfahren, was mit Ihnen passiert. Frage eins darf ich Ihnen leider nicht beantworten, Frage zwei ist vertraulich und Frage drei, nun, Sie erraten es vielleicht schon, unterliegt der Geheimhaltung.“ Wieder kicherte er, als er Pauls wütenden Gesichtsausdruck sah und bemühte sich schnell fortzufahren. „Nein, ich nehme Sie doch nur auf den Arm. Sie sind in einem unterirdischen Bunker, dessen Standort ich Ihnen wirklich nicht verraten darf. Was meine Person angeht, müssen Sie sich weiterhin damit begnügen, dass ich für Sie keinen Namen habe. Ich war aber, nun, sagen wir ein guter Bekannter von Herling und Brunner.“

Bei den Namen zuckte der Polizist merklich zusammen. Eine Reaktion, die Meier nicht entging und ihm erneut ein Grinsen ins Gesicht zauberte.

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