Montag, 26. September 2011

Untot - Band 3 - Kapitel 98

Kapitel 98

„Was hatten Sie mit Bruno zu tun?“, wollte Paul aufgeregt wissen.

„Wie ich schon sagte, wir waren gute Bekannte. Umso mehr bedauere ich dessen Verlust. Mehr brauchen Sie nicht wissen. Kommen wir zur letzten Frage. Sie sind gefesselt, weil etwas in Ihrem Blut ist und wir nicht wissen, ob Sie für uns zur Gefahr werden können. Wir haben Aufnahmen von Rügen gesehen und was noch viel schlimmer war: wir haben gesehen, was dort angerichtet wurde. Noch sind unsere Spezialisten damit beschäftigt, Überwachungsvideos und Daten vor Ort auszuwerten, so dass wir noch nicht genau wissen, womit wir es da eigentlich zu tun hatten. Wir wissen aber, dass Sie uns bei der Lösung des Problems behilflich sein können.“, antwortete der Zivilist diesmal mit ernster Stimme.

„Zuerst möchte ich wissen, was mit Martina... also Martina Stürmer ist.“

„Oh, der geht es gut. Ich kann Sie beruhigen. Auch Lehmann, Förster und Leyrer haben einen feigen Angriff auf das LKA überlebt. Es wird Sie sicher freuen, dass sich Ihre Freundin dabei besonders hervorgetan hat.“

„Meine … Freundin?“, plapperte Paul nach.

„Hahaha, Sie glauben doch nicht, dass uns ihr kleines Tête-à-tête mit Ihrer Kollegin entgangen ist. Ich bitte Sie.“, gab der Fremde wieder mit süffisantem Ton zurück.

„Toller Haufen seid ihr. Aber Brunos Tod habt ihr nicht verhindert.“, ätzte der Beamte zurück.

„Nun ja, da ist uns in der Tat ein schlimmer Fehler unterlaufen. Aber Fehler passieren. Hören Sie, bevor wir uns hier in Kleinigkeiten verlaufen: wir müssen wissen, was auf Rügen passiert ist. Wir benötigen jede Kleinigkeit. Möglicherweise sehen Sie dann Ihre Kollegen sehr schnell wieder. Andernfalls bleiben Sie ein paar Tage länger. Wir sind nicht Ihr Feind und Sie sind nicht unser Feind.“

„Woher weiß ich, dass ich Ihnen trauen kann?“, antwortete Paul und verzog die Stirn.

„Das wissen Sie nicht und ich kann Sie wahrscheinlich auch nicht überzeugen. Aber vielleicht kann sie es. Bringen Sie sie rein.“

Wieder öffnete sich die Sicherheitstür und sie stand in der Tür. Martina. Tränen liefen an ihren Wangen herab und als sie ihrerseits Paul sah, konnte nichts und niemand sie zurückhalten. Sie stürmte an dem Zivilisten vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen und fiel Paul um den Hals. Er erwiderte ihre Zuneigung und eigentlich hätte er gerne alles um sich herum vergessen.

„Ich möchte Sie gerne bitten, Ihr Wiedersehensritual etwas nach hinten zu verschieben. Ich benötige von Ihnen noch einige Details.“, eröffnete der Fremde ihnen leicht barsch.

„Es ist in Ordnung Paul, es ist in Ordnung.“ Noch immer liefen Tränen an ihren Wangen herab. Tränen der Freude, der Zuneigung und der Liebe.

Martinas Tränen überzeugten den Polizisten schließlich und er erzählte dem Zivilisten, was sich an dem Ort zugetragen hatte. Bald schon würden sie Pauls Erzählungen mit den Aufzeichnungen der Überwachungskameras ergänzen und hätten so ein vollständiges Bild von den Vorkommnissen des 08. Juni.

„Was ist mit den Erben?“, fragte Paul nachdem er mit seinen Ausführungen fertig war.

„Läuft natürlich alles unter strengster Geheimhaltung. Da Sie uns aber vermutlich noch lange erhalten bleiben, kann ich Ihnen schon mal einen groben Abriss von der jetzigen Situation geben: Wir gehen davon aus, dass die deutsche Organisation zerschlagen ist und höchstens noch kleinere Splittergruppen existieren, die uns nicht weiter gefährlich werden können. Mit etwas Glück finden wir auf deren Rechnern Hinweise, die uns helfen können die involvierten Personen vollständig zu identifizieren. Wir werden uns dann ihrer in gebührender Form annehmen.

Ich persönlich befürchte allerdings, dass sich in anderen Ländern noch größere Stützpunkte befinden. Durch die Zerstörung der Boote wissen wir leider auch nicht, wohin sich Braun absetzen wollte, vermuten aber England. Sie haben sicher schon davon gehört, dass London gefallen ist?“

Ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort.

„Ja, natürlich haben Sie das. Herling war in der Beziehung ja recht geschwätzig. Vielleicht hat es ihnen aber auch Mewes erzählt, der von der Organisation ständig Informationen erhielt. Wir wissen, dass er auch sehr großzügig mit den Berichten umgegangen ist. Nun, wie auch immer. Der Fall Londons war von der Sekte initiiert. Die Schutzgitter vor der Themse wurden gesprengt und anschließend Lockstoffe eingesetzt, um eine große Masse an Untoten in die Stadt zu lenken. Außerdem wurden gezielt Menschen infiziert. Wir glauben, London war ein Testballon für andere noch immer befestigte Städte. Möglicherweise auch die Generalprobe für Rügen.

Wir befürchten, dass sie bereits seit Anbeginn des Krieges ihre Hände im Spiel hatten. Nur so ist das massive Auftreten und der kontrollierte Vormarsch zu erklären, mit dem wir es zu tun hatten. Das kann nicht allein der Trieb nach dem Fleisch der fliehenden Lebenden gewesen sein. Aber dazu können wir uns in nächster Zeit ja noch häufiger austauschen, nicht wahr?“

„Was meinen sie damit?“, wollte Paul wissen.

„Nun, Herr Polizeihauptmeister, es ist ihr Blut. Wir wissen nicht, was da in Ihrem Blut ist und wir wissen nicht, ob Sie sich irgendwann gegen uns wenden werden, oder sich sogar noch verwandeln. Wir wissen aber, dass alles, was von den Erben Jesus übrig ist, Jagd auf Sie machen wird. Aus dem Grund werden Sie für einige Zeit von der Bildfläche verschwinden, bis wir dieser, nun, Probleme, Herr sind. Sie verstehen das sicher. Es ist zu Ihrer eigenen Sicherheit und der Ihrer Freundin. Für später werden wir uns für Sie eine neue Aufgabe überlegen müssen. Eine Rückkehr in den aktiven Dienst halten wir zum derzeitigen Zeitpunkt für ausgeschlossen.“

„Wie geht es jetzt weiter?“, hakte Paul nach.

„Mit der Technologie der Sekte werden wir schon bald in der Lage sein, weite Teile des Landes zurück zu erobern. Wir werden alle Erkenntnisse, die wir aus dem Hauptquartier der Sekte gewinnen, mit andern Ländern teilen und dann beginnt die Rückeroberung der Welt. Die britische Regierung hat bereits großes Interesse signalisiert, die französische Regierung existiert de Facto nicht mehr. Aber Vertreter einer Übergangsregierung, die nach eigener Aussage noch Kontrolle über einige verstreute Einheiten der französischen Armee innehat, will auch den Kampf mit uns gemeinsam aufnehmen. Ähnliche positive Signale kommen aus Italien, der Schweiz und einigen weiteren Staaten. Die USA, Russland und China werden auch noch von uns kontaktiert, sofern wir dort Repräsentanten ausfindig machen können. Sie sehen, es gibt ein kleines Licht am Ende des Tunnels. Die Dunkelheit ist überwunden, ab heute beginnt eine neue Zeitrechnung. Die Menschheit holt sich zurück, was ihr zusteht.“

Ende

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen