Montag, 14. Mai 2012

Books of the Dead: Das Alphabethaus von Jussi Adler-Olsen

Ich gestehe: mir gefallen die drei Bücher vom Jussi rund um den Kommissar Carl Morck. Ich sag nicht, dass das Weltklasseliteratur ist, oder besonders anspruchsvoll. Aber sie sind spannend zu lesen, sehr bildlich geschrieben und schön kurzweilig. Gekauft hab ich sie mir, weil sie mir von einem Kollegen empfohlen wurden.

Der gleiche Kollege empfahl mir dann auch 'Das Alphabethaus'. "Musst du unbedingt lesen", hat er gemeint. "Zwar war anderes, ohne Morck, aber auch super."

Ich glaub dem Kollegen natürlich und hab zugegriffen. Zur Handlung hab ich mir absichtlich nichts durchgelesen. Ich lese auch keine Klappentexte. Ich will von einem Buch überrascht werden. 

Ja, und jetzt hab ich diesen schwer verdaulichen Klotz von einem Buch am Bein. 

Kurz zur Handlung: 1943 wird ein britischer Flieger über Deutschland abgeschossen. Zwei der Insassen, alte Freunde aus Jugendtagen, können sich retten und gelangen über einen Trick in ein deutsches Lazarett. Dort werden sie von mit einsitzenden Simulanten gequält und gefoltert. Einem der beiden gelingt die Flucht und knapp 30 Jahre später kehrt er zurück, um nach seinem Freund zu suchen. 

Ich hab ja die letzten Jahre relativ viel gelesen. Gutes, weniger Gutes... Aber so ein Schrott ist mir die letzten Jahre nicht untergekommen. Von 'Stolz und Vorurteil und Zombies' vielleicht mal abgesehen. Bei letzterem lag's aber auch daran, dass ich mir was anderes erwartet hab.  

Konnte ich bei 'Stolz und Vorurteile und Zombies' mit dem Schreibstil und den Texten nicht viel anfangen, passt beim Alphabethaus gar nichts. 

Am Anfang ist das Buch "nur" langweilig, später wird's dann auch noch konfus. Sind einem am Anfang die Charaktere noch egal, wünscht man sich später ihren Tod. Selten hab ich so langweilige und profillose 'Helden' in einem Buch erlebt.

Dabei begeht der Jussi auch einige Kapitalfehler. Jetzt versteh ich zum Beispiel auch, warum bei meiner zweiten Untot-Geschichte zurecht kritisiert wurde, dass ich ständig die Sichtweise wechsle, bzw. die Geschichte plötzlich aus der Sicht eines bis dahin unwichtigen Charakters weiter erzähle. Das macht der Jussi hier dauernd.

Oder diese komplett sinnbefreiten Cliffhanger innerhalb einer Geschichte, bzw. angedeutetes Konfliktpotenzial, die sich nach Buck Rogers- (wer die alte s/w-Serie noch kennt...) oder Lindenstraße-Art im nächsten Kapitel in nichts auflösen. Oder mangels Relevanz gar nicht mehr angeschnitten werden.

Dazu ein Charakterewirrwarr mit Namen, falschen Namen, falschen falschen Namen und Spitznamen, dass es eine wahre Freude ist. Nicht für den Leser wohlgemerkt. Da werden dann munter Spitznamen, Decknamen und reale Namen durcheinander geworfen, und zurück bleibt ein verwirrter Leser. Auch schön, dass die Charakterisierung nach Stereotypen vorgenommen wird. Der Pockennarbige ist natürlich der "Böse", der anmutige Brite der "Gute". 

Wie schon erwähnt, ist die erste Hälfte der Geschichte "nur" langweilig. In der zweiten Hälfte besucht einer der Helden erneut den Ort seiner Misshandlungen in Freiburg. 

Dann beginnen die Zufälle. Ständig läuft man sich in Freiburg übern Weg. Klar, ohne die ganzen Zufälle würde die übel konstruierte Geschichte gar keine Fahrt mehr aufnehmen, aber irgendwann ist es echt gut. 

Auch hilfreich ist, dass die Charaktere nicht so agieren, wie Menschen mit gesundem Verstand agieren würden. Ein Kriegsverbrecher? Unter falschem Namen? Polizei? Ach Quatsch, ich stell mich den Leuten, die mich vor 30 Jahren umbringen wollten angeschossen und mit leeren Händen. Alles easy. 

Ich war ja noch nicht in Freiburg, aber selbst in Kleinstädten mit unter 50.000 Einwohnern laufen mir nicht ständig bekannte Gesichter übern Weg. Geschweige denn Kriegsverbrecher, die dort unter falschem Namen residieren.

Der zweite Teil der Handlung spielt dann auch zeitgleich mit den olympischen Spielen in München. Der Terroranschlag findet zwar Erwähnung, wird aber so dermaßen inhaltslos abgefrühstückt, als sei das Thema kaum der Erwähnung wert. Man wird das Gefühl nicht los, dass der Autor das Ereignis größer berücksichtigen wollte, es dann aber lieber doch gelassen hat. Dass ein Lektor da nicht einschreitet, ist mir ein Rätsel. Ja, richtig, Lektor. Da war was. Sollte ein Lektor nicht darüber wachen, dass die Geschichte in sich logisch bleibt? Dass unwichtige Nebenstränge rausfliegen? Dass Sachverhalte irgendwann aufgelöst und nicht einfach fallen gelassen werden? Dass Charaktere sich wie Menschen und nicht wie Schablonen verhalten? 

Es ist ein Trauerspiel.

Vieles davon ist natürlich Geschmackssache, die handwerklichen Fehler lassen sich aber auch damit nicht schönreden. Verständlich also, dass bei den Amazon-Bewertungen tatsächlich mehr Ein-Stern- als Fünf-Stern-Bewertungen abgegeben wurden. 

Nicht so verständlich sind dagegen die bei Amazon gelisteten Pressestimmen. Die einzige meiner Meinung nach wirklich angebrachte Kritik gab's hier:


Ich geb für diesen Mist einen von fünf unglaublichen Zufällen. 

Kommentare:

  1. Mei, wie gesagt: Geschmäcker sind verschieden und irgendwo müssen auch die positiven Bewertungen herkommen. Verstehen kann ich's aber in dem Fall aufgrund der handwerklichen Mängel ehrlich gesagt nicht.

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