Montag, 14. Mai 2012

Wir-haben-das-Internet-nicht-verstanden.de

Wer nicht gerade virtuell unter einem Stein lebt, dürfte die Tage über die Petition Wir sind die Urheber gestolpert sein. 

In dieser sprachlich höchst zweifelhaft formulierten Petition spricht man von öffentlichen Angriffen gegen das Urheberrecht. Welche Angriffe? Die Angriffe von Seiten der Piraten? 

Seien wir doch mal ehrlich: Der Kampf gegen die Verbreitung von kopierten Medien ist verloren. Trotz der jetzt schon überzogenen Abmahnungen, z. B. für die Folge einer Fernsehserie in Höhe von bis zu 800 Euro

Will man die Freiheit im Internet nicht weiter einschränken, sollte, nein muss man sich Gedanken darüber machen, wie man weiter Urheber für ihre Werke entlohnen will. Mit einer Kriminalisierung der Massen ist aber weder den "Urhebern", noch sonst irgend jemand geholfen. Außer vielleicht den Abmahnanwälten.

Illegale Downloads schaden den Newcomern

Ein oft gebrachtes Argument ist ja, dass illegale Downloads vor allem den Jungautoren (bzw. globaler gesehen den Newcomern) schaden. Ein Umstand, den ich nicht bestätigen kann. Ja, auch ich hab schon illegale Downloads von mir entdeckt, aber trotzdem gibt es auch genügend Leute, die bereit sind, Geld dafür auszugeben. 

Die besten Verkaufszahlen hatte ich, als mein Buch hier parallel zum kostenlosen Download bereit stand. Ich hatte auch Anfragen von Leuten, die mir nach dem Download z. B. via Paypal eine Gegenleistung zukommen  lassen wollten. Besteht also allgemein ein Mangel, für Leistung zu bezahlen? Nein. Das glaube ich nicht. 

Man sollte sich auch nicht von den Downloadzahlen verrückt machen lassen. Derjenige, der sich am Tag 20 Bücher runterlädt, wird davon nicht eins komplett lesen. Auf's Monat hochgerechnet sind das keine 600 entgangenen Verkäufe. 

Auf der anderen Seite gibt es mittlerweile mehr Angebot denn je. Es gibt mehr Wege denn je, monatlich sein Geld los zu werden. Apps, Spiele, DVDs, Blu-rays, Bücher, eBooks, MP3s, Amazon, Lovefilm, Napster, Datenflat, Voiceflat... Das Geld, das nicht in Medien zurückfließt, geht dennoch in die Wirtschaft. Das Geld, das heute nicht einem Autoren zugeht, geht vielleicht einem App-Entwickler zu, der eine tolle Idee umgesetzt hat. 

Es mag nicht schön sein, dass Leute die eigene Leistung dadurch goutieren, dass sie nicht dafür bezahlen, aber trotzdem konsumieren, aber Netzsperren, die totale Überwachung und virtuelle Entmündigung der Bürger sind keine Mittel, um dies zu ändern.

Raubkopierer sind Verbrecher

Kennt noch jemand die Raubkopierer-Spots auf DVDs? Ist echt super. Als ehrlicher DVD-Käufer muss ich mir einen Spot anschauen, der mich als ehrlichen Käufer unter den Generalverdacht stellt, die DVD kopieren zu wollen. Der, der keine DVDs kauft, bekommt den Spot nie zu sehen. 

Seit kurzem hat man das anscheinend auch in den Chefetagen der Medienindustrie erkannt. Mittlerweile bedankt man sich bei mir, dem Kunden, für den Kauf der Blu-ray. Natürlich ist auch das generischer Mist, aber ich fühl mich dabei wesentlich besser, wenn eine Torte ins Bild plumpst und mir gedankt wird, als wenn ich mir mit anschauen muss, wie Kinder ihrem Vater vom Gefängniszaun aus ein Geburtstagsständchen bringen.

Meiner Meinung nach ist das der richtige Weg: den Käufer nicht drangsalieren, sondern stattdessen belohnen. Warum muss ich mich als ehrlicher Käufer mit einem Kopierschutz rumärgern? Warum kann ich als ehrlicher Käufer mittlerweile kaum ein PC-Spiel mehr weiterverkaufen? Warum werde ich als ehrlicher Käufer drangsaliert? Die meisten Schutzmechanismen sind für die Katz' und wer es darauf anlegt, findet mittlerweile immer einen Weg, Medien illegal zu konsumieren.

Illegale Downloads legalisieren? 

Nein, natürlich nicht. Und doch vielleicht Wege finden, Urhebern ihren Anteil daran zukommen zu lassen. Wer Monate seines Lebens investiert, einen tollen Roman zu schreiben, der sollte auch dafür entlohnt werden. Ebenso wer Musik oder Filme macht. Immer daran gemessen, dass es die Leute auch wollen, natürlich. Niemand hat etwas von einer Verteilung der Mittel an Urheber, die an den Interessen der Verteiler vorbei-"urheben". 

Das sollte die Aufgabe sein, der wir uns stellen müssen. Ein System, mit dem alle leben können, ohne Überwachung, ohne Kriminalisierung und ohne Generalverdacht. Eine gerechte Verteilung der Mittel an diejenigen, deren Werke genutzt werden. 

Fackel und Heugabel auspacken

Das große Problem daran ist, dass die Fronten derzeit verhärtet scheinen. Es wird munter aneinander vorbei palavert, ein konstruktiver Austausch findet nicht statt. Stattdessen werden virtuelle Fackelzüge initiiert, bei denen zwangsläufig die Gegenseite mit der virtuellen Keule durch die Reihen geht. Aussagen werden aus dem Kontext gerissen, zerfasert und sinn entstellt wieder zusammengesetzt, um der eigenen Argumentation zu dienen. 

Man wirft mit Worten um sich wie "Entrechtung" oder "Angriff". Man wähnt sich in der Opferrolle und gibt sich trotzdem martialisch.

Solange hier kein Umdenken stattfindet, werden weiterhin Tausende unnötig kriminalisiert, verdienen sich weiterhin Anwälte eine goldene Nase und werden weiterhin Medien aus diversen Quellen geladen, ohne dass ein Urheber oder Verwerter daran mit verdient. 

Verwerter braucht kein Mensch?

In dieser ganzen Diskussion nehmen Verwerter gerne die Rolle des Buhmanns ein. Nur Verwerter verdienen an der Kunst, oder sind letztendlich der Sargnagel der Medienbranche. Das ist nur zum Teil richtig. Verwerter sind am Ende die, die einem Künstler das Kapital in die Hand geben, seine Kunst zu verbreiten. Nur wenige Nachwuchsschriftsteller oder -musiker haben die finanziellen Möglichkeiten, eine Veröffentlichung ihres Werks zu stemmen. Vom Vertrieb und der Kalkulation ganz zu schweigen. 

Mittlerweile gibt es auch Künstler, die ihre Werke über Crowdfunding finanzieren lassen. Kickstarter ist ja zum Beispiel seit dem Erfolg des Double Fine-Adventures in aller Munde. 

Der Vorteil: Crowdfunding liefert die Kundschaft gleich mit. 

Der Nachteil: Wer noch keinen Namen hat, tut sich schwer die erforderlichen Unterstützer (Backer) zu mobilisieren. Auch mit dem Vertrieb haben Neulinge natürlich Probleme. Wer kein Vertriebsnetz hat, tut sich schwer, seine Werke im Einzelhandel zu platzieren. 

Das gilt natürlich auch für Bücher. Ein Buch kann ich zwar auch schreiben, ohne dafür Geld investieren zu müssen, aber möcht ich z. B. ein Lektorat, oder ein gscheites Cover, muss ich auch Geld in die Hand nehmen. Vom Druck und Vertrieb ganz zu schweigen, sollte ich planen, mein Buch irgendwann im Laden verkaufen zu wollen. Von Book on Demand reden wir lieber erst gar nicht, wenn wir auch weiterhin Bücher unter 10 Euro kaufen wollen. 

Es ist also meiner Meinung nach nicht alles so schwarz und weiß, wie uns die jeweiligen Fronten momentan weismachen wollen. 

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