Montag, 31. Dezember 2012

A guads neis!

Oder hochdeutsch: Ein gutes neues Jahr.

Es hat sich eingebürgert, am Jahresende das vergangene Jahr nochmal Revue passieren zu lassen.

Das neue Jahr begann für mich mit einem literarischen Durchhänger, der schon letztes Jahr nach der Fertigstellung von Band 3 letztes Jahr seinen Anfang nahm. Das schlimme an solchen Durchhängern ist es, den Kreis zu durchbrechen.

Das war so auch die Zeit, in der ich das Gefühl hatte, dass jede Idee schon niedergeschrieben ist. Noch schlimmer war, dass ich in einigen Büchern Ideen entdeckt hatte, die ich selbst verwenden wollte. Weil man nicht gerne als Plagiator gilt, sind so viele Ideen wieder in der Schublade verschwunden. 

Das Gleiche passierte mir gerade auch wieder mit meiner neuen Geschichte. Einige Elemente davon habe ich jüngst in der dritten Staffel von The Walking Dead entdeckt. Immerhin war ich zeitgleich damit draußen und mein Ansatz ist dieses Mal auch ein ganz anderer, so dass ich mir da jetzt nicht so die Sorgen mache. 

Apropos The Walking Dead. Die Serie konnte sich in der dritten Staffel extrem zur zweiten Staffel hin steigern. Wer die Serie nach eben jener zweiten Staffel abgeschrieben hat, sollte den aktuellen Folgen trotzdem unbedingt eine Chance geben. Die Kompromisslosigkeit der Autoren tut aber schon manchmal weh. 

Dieses Jahr war auch mein Jahr der technischen Gadgets. 

Mit einem Kindle Paperwhite hat mein erster eBook-Reader Einzug in unseren Haushalt gefunden. Bereits am Tag der Vorstellung wusste ich, dass das Gerät ist, auf das ich gewartet habe und hab ohne zu zögern vorbestellt. Was soll ich sagen? Ich bin nicht enttäuscht worden. Blendet man die Abhängigkeit von Amazons Infrastruktur aus und den Umstand, dass man eBooks nicht weiterverschenken oder -verkaufen kann, aus, dann bleibt ein hervorragendes Gerät. Trotzdem ist es für mich irgendwie kein Ersatz für ein Buch. Es fühlt sich sehr komisch an, auf dem Display zu lesen und ich find es auch anstrengender. Allerdings schieb ich das auf die noch laufende Eingewöhnungsphase. 

Neben dem Kindle konnte mich auch Google mit seinem Nexus 7 überzeugen. Nach der Preissenkung hab ich mir das Gerät mit 32 GB direkt bei Google bestellt. Und auch das nicht bereut. Neben dem alten iPad wirkt das Nexus wie eine Rakete und die offene Dateistruktur (erstes Aha-Erlebnis: Film einfach rüberkopiert, VLC installiert, Film gestartet, läuft) begeistern. Tolles Gerät zu einem tollen Preis.

Weil dann am Jahresende noch Geld übrig war, hab ich beim jüngsten PS Vita-Angebot mit Little Big Planet zugeschlagen. Die PSV ist ein sexy Gerät mit atemberaubender Leistung, aber mit zu wenig Spielen. So toll ich das Nexus 7 auch finde, ist es für bestimmte Spiele einfach kein Ersatz für eine "richtige" Konsole. Aus dem Grund hab ich auch meine PSP und den DS noch benutzt, als ich schon längst ein iPhone und Tablet im Haushalt hatte. Für jede Anwendung gibt es eben immer noch das richtige Gerät und zum spielen ist das meiner Meinung nach noch immer eine Spielkonsole. Nur blöd, wenn das Spieleangebot dann noch so dünn ist. 

Dank PSN+ hab ich aber immerhin schon zum Start eine schöne Auswahl an Spielen, mit denen ich bis zur nächsten "Lieferung" im Januar beschäftigt sein sollte. Überhaupt PSN+ - da muss ich echt mal lobende Worte in Sonys Richtung richten. Sony hat in dieser Generation viel falsch gemacht. Die Updates kommen aus der Hölle und der Download von Spielen, oder überhaupt der ganze PSN-Shop kommen mindestens aus den Vorhöfen der Hölle. Da macht ein Angebot wie PSN+ doppelt Spaß. Gut, der Shop ist immer noch scheiße und die Downloads im Vergleich zu XBL oder Steam immer noch lahm (und müssen installiert werden), aber es gibt halt dafür echt viel Spiel für's Geld. Zusammen mit Music Unlimited, dass es für Plus-Mitglieder für 11,99 Jahresbeitrag (!) im Paket gab, aber alles in allem ein echt tolles Paket, das Sony da geschnürt hatte.

Filme waren dieses Jahr bei mir nicht so sehr im Fokus. Im Kino gab's überwiegend Kinderfilme. Umso mehr freue ich mich auf World War Z, von dem ich immer noch hoffe, dass es der beste Zombiefilm aller Zeiten wird. Mindestens.

Kapitel 2 - Teil 2

Jede Erklärung und jedes Gerücht waren gleich gut oder schlecht und am Ende wusste ohnehin niemand mit Sicherheit zu sagen, ob der Tunnel überhaupt existierte. Außer vielleicht dem Oberst, und den bekam keiner von uns zu Gesicht. Auch hier gab es verschiedene Gerüchte, von denen das wildeste besagte, dass er selbst zu einem Monster mutiert war und erschossen wurde. Ein Haufen Menschen in unbekannter Umgebung ohne eine Möglichkeit der Zerstreuung beflügelte nun mal die Phantasie.
 
Die Dauer des Außeneinsatzes war auf acht Stunden festgesetzt worden. Kurz nach Sonnenaufgang brach der Trupp auf und die Rückkehr sollte noch vor Einbruch der Nacht erfolgen. Tatsächlich ertönte nur wenige Minuten nach der vereinbarten Zeit das vereinbarte Signal. Weil die äußere Torsteuerung nicht mehr funktionstüchtig war und die dicken Mauern Funksignale blockierten, hatten Pioniere über die vorhandene Elektrik eine Art Morsegerät auf Lichtbasis installiert, welches von außen gesteuert werden konnte. Anhand der Lichtblitze konnte verifiziert werden, ob es sich bei den Ankömmlingen um die entsandten Truppen handelte, oder sich jemand anders Zutritt verschaffen wollte.
 
Nachdem der letzte Blitz erloschen war, herrschte absolute Ruhe in der Halle bis ein anwesender Feldwebel durch sein Nicken die korrekte Anzahl bestätigte. Sogleich starteten die schweren Motoren des Spähpanzers und setzten das schwere Gerät in Bewegung. Danach sprang eine weitere Maschine an und bewegte das Tor zwar quietschend aber immerhin nach innen. Es war gigantisch. Neben der Größe wies es eine unglaubliche Dicke von geschätzten eineinhalb Metern auf, von der ich annahm, dass sie tatsächlich dem Einschlag einer Atomrakete hätte trotzen können.
 
Um trotz des vereinbarten Signals keine unnötigen Risiken einzugehen, postierten sich eine Reihe Soldaten in sicherem Abstand und teils gedeckt von Fahrzeugen vor dem Tor und waren bereit, jeder unerwarteten Bedrohung von außen zu trotzen, bevor uns das Tor davon wieder abschirmen konnte.
 
Statt einem Rudel der PSGs traf aber tatsächlich der erwartete Konvoi ein. Das heißt, erst stand da nur dieser Oberfeldwebel, der mir bis dato völlig unbekannt war. Abgekämpft sah er aus, und einige Flecken auf seiner Uniform rührten wohl kaum von der grünen Tarnbemalung. Auch wenn wegen des Camouflage-Musters die Farbe der Flecken nicht eindeutig zu bestimmen war, so war ich mir doch sicher, dass es Blut war, so viel ich erkennen konnte, wirkte er aber unverletzt.
 
Dann trat er zur Seite und ein Lastwagen rauschte an ihm vorbei in die Halle und das Fahrzeug war wahrlich in keinem guten Zustand. Die hing in Fetzen an dem Fahrzeug herab, der Kühler war blutverschmiert und die Frontscheibe gesprungen. Nicht viel besser sah der danach einfahrende Begleitjeep aus, dessen Scheiben eingeschlagen waren und der Kühler des nachfolgenden LKWs war mit Innereien besudelt, die schrecklich menschlich aussahen. Die restlichen Fahrzeuge wie der Schützenpanzer blieben draußen und trotz der Sauerei hielt der Schock nur kurz. Der hochgereckte Daumen des inzwischen in die Halle spurtenden Oberfeldwebels signalisierte den Wartenden, dass die Mission trotz des schlechten Zustands der Fahrzeuge ein Erfolg war und begab sich zum Diensthabenden Feldwebel in der Halle.
 
Aus den in der Halle abgestellten Fahrzeugen sprangen erschöpfte, aber glücklich dreinschauende Soldaten, die mit erleichterter Miene zum Laderaum des von der Sauerei abgesehen unbeschädigten LKWs rannte. Der Grund wurde für uns bald offensichtlich, als die Ladefläche geöffnet wurde. Zuerst war da nur der bunte Kontrast zu den verdreckten und teils blutverschmierten Uniformen. Hellblau, rot, pink und gelb leuchtete es dazwischen hervor und noch während die Meisten rätselten, was da Geheimnisvolles von der Ladefläche gehoben wurde schrie eine weiter vorne stehende Frau auf.
 
„Kinder. Mein Gott, sie haben Kinder gefunden.“

Sonntag, 30. Dezember 2012

Kapitel 2 - Teil 1

Nach dem Fehlschlag der letzten Expedition wurde die Rückkehr des Konvois von allen Bewohnern bereits sehnlichste erwartet. Eine Woche lang hatten wir uns komplett zurückgezogen und abgewartet. Umso größer die Neugierde der Insassen auf Neuigkeiten von draußen. Wer halbwegs aufrecht gehen konnte, hielt sich in der großen Vorhalle auf und wartete auf das vereinbarte Signal. Rund 160 Soldaten und doppelt so viele Zivilisten verharrten dort, und unterhielten sich gedämpft. Große Erwartungen ruhten auf dem ausgerückten Zug. Neben Nahrung hofften die meisten, dass der Aufenthalt in dem ungemütlichen Bunker langsam ein Ende nahm. Obwohl die meisten erst zwei Tage hier waren, bildete sich bei einigen bereits ein Lagerkoller und Platzängste. Um zumindest die Soldaten zu entlasten, wurde fast das ganze Vorkommando, das bereits seit rund einer Woche mit der Instandsetzung beschäftigt war, auf Außeneinsatz geschickt, darunter auch Manfred und Josef, sein dunkelhaariger Kamerad. Die hatten, soviel konnte ich schon in Erfahrung bringen, die Aufgabe den Bunker zu warten und wieder in Schuss zu bringen. Von den sich überschlagenden Ereignissen wurden sie aber ebenso überrascht, wie wir, was den aktuell eher schlechten Zustand erklärte.
 
Trotzdem hatten sie in der kurzen Zeit ein kleines Wunder vollbracht und vor allem die hier gelagerten Vorräte sicherten uns das Leben für einen Zeitraum von mindestens einem halben Jahr, auch wenn die Abwechslung zu wünschen übrig ließ. Das waren aber hoffentlich alles nur temporäre Probleme, von der sich die meisten Anwesenden von dem zurück kehrenden Konvoi Verbesserung versprachen.
 
Angesichts dessen was ich erlebt hatte und was dem nochmal ausgerückten Konvoi zugestoßen war, glaubte ich nicht so recht an eine schnelle Rettung. Trotz meiner Bedenken hielt ich mit meiner Meinung aber hinterm Berg, weil ich Martina und Alexander nicht verängstigen wollte. Seit ich wach war, hatten wir jede freie Minute miteinander verbracht. Stunde um Stunde verbrachten sie an meiner Seite und halfen mir bei meinen ersten Schritten, auch wenn Doktor Schleghuber, von allen nur Doc genannt, davon wenig begeistert war. Allein mein Wille war stärker und ein verrosteter Rollstuhl half mir mich zwischendurch auszuruhen. Die Halle mit all den Kranken und im Sterben liegenden deprimierte mich und so war der heutige Ausflug in die Vorhalle eine angenehme Abwechslung.
 

Die Halle selbst war riesig und bot insgesamt sechs Panzern oder mittelgroßen Lastwägen Platz. Entsprechende Dimensionen hatte auch das Tor, das ich mir bis dahin als mannsgroßen Einstieg vorgestellt hatte. Stattdessen hatte es die Dimensionen eines kleinen Hauses und angesichts dessen war die funktionierende Torsteuerung tatsächlich ein Gewinn. Angeblich gab es noch einen zweiten Zugang, der eher meinen Vorstellungen entsprach, dessen Lage aber nicht an die Insassen kommuniziert wurde. Angeblich war der Tunnel einsturzgefährdet, überflutet, oder atomar verstrahlt, wenn man nach den Gerüchten ging, die bereits am ersten Tag zirkulierten. Ein anderes Gerücht besagte, dass der Oberst Angst vor Sabotage hatte, oder einfach eine Massenflucht verhindern wollte.

Samstag, 29. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 24

Nach einem wahrlich emotionalen Empfang, auf den ich aus privaten Gründen nicht näher eingehen will, erzählte mir meine Frau, was seit der Spritze durch den Sanitäter vorgefallen war. Die Explosion der Tür  rührte von einem Schützenpanzer, der zur Unterstützung herangekarrt wurde. Die leichte Kanone säte Tod und Zerstörung in den Reihen der “anderen”. Dummerweise traf ein Schuss die Kirchentüre und tötete zwei der Insassen. Verletzt wurde außer mir die Freundin von Frank, Sarah, wie mir meine Frau erklärte. Der Rest hatte Glück und stand weit genug hinten, bzw. bekam nur leichte Verletzungen durch herumfliegende Splitter ab.
 
Wäre es nicht so tragisch verlaufen, hätte man von Glück im Unglück sprechen können, dass die Verluste so gering ausgefallen waren.
 
Zusammen mit der Verstärkung war es aber immerhin gelungen, die vor der Kirche lauernden Monster zu töten, oder wenigstens zu vertreiben. Da mittlerweile die Überfälle landesweit auftraten und extrem zunahmen, wurde der nationale Notstand ausgerufen und eine militärische Übergangsregierung eingesetzt. Zusammen mit anderen Zivilisten wurden wir in einen Bunker verlegt, der als Übergangsunterkunft dienen sollte. Hinter Toren, die angeblich einer Atomexplosion standgehalten hätten, waren wir geschützt vor den “anderen”, die laut den letzten Berichten über alles und jeden herfielen, die ihnen in ihre gierigen Klauen fielen.
 
Allein auf dem Weg in den Bunker wurde der ständig anwachsende Konvoi mehrmals von den blutrünstigen Wesen überfallen, konnten aber von den begleitenden Soldaten abgewehrt werden. Ein nach der Ankunft erneut nach draußen geschickter Konvoi kam leider nie zurück und über seinen Verbleib ist nichts bekannt, oder wird einfach nichts nach draußen gegeben.
 
Seitdem wir im Bunker waren, wurden die Zivilisten für Aufräum- und Ausbesserungsarbeiten herangezogen, um zumindest die gröbsten Schäden des jahrelangen Verfalls zu kaschieren. Dass sich die verrosteten Tore hinter den Flüchtlingen schlossen war laut Martina auch eher eine Überraschung, die elektronische Verriegelung dagegen versagte ihre Dienste. Aber auch so war es unwahrscheinlich, dass die Kreaturen die Türe würden öffnen können.
 
Mehrere Fahrzeuge befanden sich im Inneren der Anlage und ein schwerer Spähpanzer versperrte von innen das Tor. Über die Lage außerhalb der Anlage war nichts bekannt. Die Funkanlage war ebenso wie ein großer Teil der elektrischen Anlagen defekt, oder Vandalismus zum Opfer gefallen. In den letzten Stunden waren die Zivilisten damit beschäftigt, Kiloweise abgelaufene Medikamente gegen Strahlenkrankheit zu entsorgen und aus schimmligen Beständen brauchbare Bettwäsche und Matratzen auszusortieren. Immerhin lieferte ein funktionstüchtiger Generator ausreichend Strom für die Belüftungsanlage, die das ständige Brummen verursachte, und die Beleuchtung in der Anlage. Auch wenn die Luftfilter mittlerweile keine Giftstoffe mehr filtern würden, wurde immerhin lebensnotwendiger Sauerstoff in die Anlage gepumpt.
 
Dank Zentnerweise NATO-Reserven war die Nahrungsmittelsituation zwar einseitig, aber für Wochen sichergestellt. Um für Abwechslung zu sorgen und zudem die lang haltbaren Reserven zu schonen, wurde für den nächsten Tag ein Außenkommando zusammengestellt. Weitere Ziele waren die Suche nach Überlebenden und Funkkontakt mit dem Hauptquartier herzustellen. Vor allem Medikamente und medizinische Geräte wurden benötigt, wie Martina mit einer ausschweifenden Handbewegung in Richtung der anderen Betten klar stellte. Immerhin stand der Anlage ein Arzt zur Verfügung. Der diensthabende Oberst Kraus war guter Dinge, dass man in wenigen Tagen die provisorische Behausung würde verlassen können.
 
Erstmals musterte ich die Patienten, mit denen ich mir das Zimmer teilte. Ein zugegeben sehr großes Zimmer. Die meisten trugen dicke Verbände und Infusionen, die an verrosteten Konstruktionen hingen. Ein trostloser Anblick und auch ohne nachzufragen, wusste ich, dass die meisten Verletzungen von Bisswunden herrührten. Ich hatte selbst erlebt, wie sie ihre Zähne in Menschenfleisch schlugen, und Fetzen warmen Fleischs aus dem Körper rissen. Was wird eigentlich passieren, wenn sie keine Nahrung mehr finden? Verhungern sie dann, oder fressen sie sich gegenseitig? Ich vertrieb die Gedanken und widmete mich meiner Familie. Vor uns stand eine ungewisse Zukunft, und ich wollte so viel Zeit davon wie möglich mit ihnen verbringen.

Freitag, 28. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 23

Auf dem Gang hallende Schritte rissen mich aus meinen Überlegungen. Zuerst erschien Manfred im Türrahmen, trat dann aber gleich zur Seite und machte Platz für einen älteren Herrn in Weiß, der mir sehr nach Arzt aussah. Der Kittel war zwar eher eilig übergeworfen worden, die Haare standen zerzaust in alle Richtungen ab und das Hemd stand halb aus der Hose heraus. Und doch war er für mich in diesem Moment eine engelsgleiche Erscheinung. Vor allem sein mitgebrachter Koffer versprach Heilung und Linderung der Schmerzen.  
 
Machte er eben noch einen unausgeschlafenen Eindruck, war der müde Blick in dem Moment aus seinen Augen verschwunden, als er anfing, den blutenden Verband zu lösen. Ihm war förmlich anzusehen, wie sich seine Sinne auf die bevorstehende Behandlung zu fokussieren schienen und sein Gehirn vom Standby auf Volllast umschaltete. Statt mich mit Vorwürfen zu bombardieren, blieb er sachlich beruhigend und ließ sich von den beiden anwesenden Soldaten assentieren, während er noch vor Ort alle notwendigen Schritte unternahm, um die Blutung zu stillen. Gegen die Schmerzen spritzte er mir eine klare Flüssigkeit, die sogleich Linderung brachte. Neben den Schmerzen lähmte sie auch meine Zunge und warf mich in einen seltsamen Zustand. Zwischen schlafen und wachen, drangen seltsame Stimmen und Bilder in meinen Kopf. Später erinnerte ich mich nur noch bruchstückhaft an das, was in den Minuten oder Stunden mit mir geschah. Was auch immer der Arzt mit da gespritzt hatte, es schickte mich auf einen seltsamen Trip, aus dem ich gerädert auf meiner Pritsche in der Halle erwachte.
 
Obwohl meine Augen geschlossen waren, erkannte ich, dass die Halle mittlerweile erleuchtet war. Hin und wieder verschwand das Licht für kurze Zeit hinter einem Schatten und prallte dann wieder auf meine geschlossenen Lider. Noch verspürte ich keinerlei Verlangen sie zu öffnen und dem grellen Licht auszusetzen. Alles in mir schrie danach, mein Heil im Schlaf zu suchen und einfach nie wieder aufzuwachen. Einfach weiter dort liegend und darauf hoffend, dass sich die Welt einfach um mich herum weitergedreht hätte.
 
Mit zunehmender Dauer schwand das Gefühl und wurde durch das Verlangen ersetzt, endlich meine nähere Umgebung bei Licht zu erkunden. Erst nur ein schnelles Zwinkern. Licht brannte in meinen Augen, konnte mich aber nicht von einem zweiten Zwinkern abhalten. Mit jedem Augenaufschlag wurde ich weniger geblendet und schon bald erkannte ich Schemen, die um mein Bett herum saßen. Als sich mein Blick schließlich soweit geklärt hatte, dass ich Details wahrnehmen konnte, erkannte ich in den Schemen meine Frau Martina und unseren Sohn Alexander. Mit Tränen in den Augen schloss ich sie in die Arme.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 22

Weder meine Frau, noch mein Sohn sollten als Kletten bezeichnet werden. Zorn und Traurigkeit zogen in mir auf und von einer Sekunde auf die andere war ich ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Jedes Wort wäre jetzt zu einer tödlichen Spitze mutiert und nur schwer konnte ich mich angesichts meiner Situation zurückhalten, diese Aussage mit einer adäquaten Antwort zu bedenken. Also erwiderte ich seinen verbalen Auswurf mit einem bösen Blick, den er anfangs noch geblendet von seinem Stolz und Überlegenheit ungerührt zur Kenntnis nahm. Er als ihn die anklagenden Blicke seines blonden Gegenübers trafen, merkte er, dass er zu weit gegangen war, hob abwehrend die Hände und setzte fort.
“Entschuldigung. War nicht so gemeint. Also, wir mussten die Beiden gewaltsam von Ihnen wegziehen. Aber andernfalls hätten Sie nicht verarztet werden können. Sie haben echt übel ausgesehen, das kann ich Ihnen sagen.”
Langsam hatte ich genug von seinem Gerede. Mich interessierte jetzt nur eins. Auch wenn mein Ärger schon wieder etwas geschwunden war, war noch genügend Zunder vorhanden und meine Geduld aufgebraucht. Man darf auch nicht vergessen, dass sich meine Verletzung auch nicht sonderlich gut angefühlt hat. Da möchte ich wirklich mal jemand Anderen sehen, der massiven Blutverlust hinnehmen musste, höllische Schmerzen verspürt und sich nur in Unterhose und Socken bekleidet von einem Jungspund anhören muss, dass seine Familie wie Kletten an einem hing. 
Vor dem Hintergrund erscheint es hoffentlich nachvollziehbar, dass ich nicht so richtig ruhig bleiben konnte und ihm die nächsten Worte wutentbrannt ins Gesicht brüllte: “Und wo sind sie jetzt?”
“Ach so, ja, beruhigen Sie sich, Mann. Die sind im Familienbereich. Sie sind hier in den Soldatenquartieren und dürften eigentlich gar nicht hier sein. Das hier ist ein Bereich mit militärischem Status nach irgendeinem Recht. Keine Ahnung, ist jetzt aber auch egal. Der Familienbereich liegt auf jeden Fall weiter den Gang hinab. Dazu folgen Sie einfach der gelben Linie. Die grüne führt übrigens in den Versorgungsbereich. Dort wurde auch die Einsatzzentrale eingerichtet. Aber an Ihrer Stelle würd ich heute nicht weiterlaufen.”, sprach der Dunkelhaarige erneut und deutete auf meinen Verband.
Obgleich er mich langsam ankotzte, folgte ich seinem Blick und warf einen kurzen Blick auf das Verbandsmaterial. Der reichte aber schon aus, um den Sinn seiner Worte zu verstehen, so dass der nächste Blick etwas länger wurde. Wo sich zuvor noch blütenweißes Verbandsmaterial über meine Haut spannte, war es jetzt blutrot. So stark war die Blutung, dass das Blut an einer Stelle bereits aus dem Verband heraustrat. Sofern mir der Sanitäter noch einmal über den Weg gelaufen wäre, hätte ich mit ihm ein ernstes Wort reden müssen.
Als erstes löste sich Manfred aus seiner Starre, sprang auf und stürzte zu einem halb offen stehendem Spind. Dort zog er ein kleines Handtuch hervor, warf es mir zu, murmelte etwas von einem Doc und lief davon. Zurück blieben zwei Männer, die sich nicht mehr viel zu sagen hatten. Dazu kam, dass ich jetzt auch noch seinen mitleidigen Blicken ausgesetzt war. Dabei fühlte ich mich nicht wirklich wohler. War er mir zuvor schon unsympathisch gewesen, würde ich lügen, wenn ich behaupten würde, dass ihn mir seine gespielte Anteilnahme in irgendeiner Form sympathischer gemacht hatte. Vielleicht tat ich ihm auch bloß Unrecht, aber die Minuten neben ihm auf dem Stuhl waren für uns beide keine angenehme Erfahrung und bestanden im Großen und Ganzen darin, hin und wieder einen betretenen Blick auszutauschen. Das Handtuch hatte ich derweil auf die Wunde gedrückt und spürte, wie es sich langsam mit Blut vollsog, was mich durchaus mit etwas Nervosität erfüllte. Kam ich in dem Dom kaum dazu, mir darüber Gedanken zu machen, war es hier etwas anderes. Man hält ja nicht jeden Tag ein Handtuch an seine Hüfte, das sich mit dem eigenen Blut vollsaugt.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 21

Meinen skeptischen Blick bemerkend, legte Manfred sein Gewehr zur Seite und nahm einen Lappen zur Hand, um den Stuhl wenigstens vom gröbsten Schmutz zu befreien. Dem Schmutz darauf zu urteilen, wurde der bereits für mehrere Gegenstände in dem Raum genutzt und hatte seitdem kein Wasser gesehen. Trocken und eher hastig wischte er über die Fläche und hinterließ dabei schwarze Streifen, die ihn aber nicht so sehr zu stören schienen. Seinem Blick folgend nahm ich Platz und wurde erneut von Schmerzen in meiner Hüfte gepeinigt. So gut es ging, versuchte ich die Schmerzen zu unterdrücken und setzte ein möglichst teilnahmsloses Gesicht auf, bevor ich mich den Beiden zuwandte.
 
“Das ist alles schön und gut, aber wo sind wir hier?”
 
“Das hier ist ein alter Bunker”, setzte der muskulöse Typ an “der wahrscheinlich in den Sechzigern gebaut wurde. Seit ein paar Jahren wird er nicht mehr gewartet, deswegen schaut’s hier aus wie Arsch. Wenn’s gut läuft, sind wir aber eh bald wieder raus.”
 
Natürlich, ein Bunker. Deswegen auch die vollständige Abwesenheit von Fenstern. Während der 50er und 60er Jahre wurde meistens unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Bau von Bunkeranlagen vorangetrieben, um im Falle eines Kriegs einem Teil der Bevölkerung Zuflucht zu bieten. Dass hierzulande der Ausbau weit hinter dem Ausbau zum Beispiel in der Schweiz zurückstand, ist da angesichts dessen, dass zum Glück die Säbel nur rasselten, aber nicht geschwungen wurden, nur eine unwichtige Fußnote der Geschichte. Nach dem Ende des Kalten Kriegs endete auch die Pflege und Wartung der Bunkeranlagen. Wo zuvor noch regelmäßig Übungen abgehalten und Vorräte erneuert wurden, begannen der Rückbau, Plünderungen und der Verfall. Einige der Anlagen gingen in private Hand über, einige andere wurden zu Anschauungsmaterial darüber, was den glücklichen zwei bis drei Prozent, die sich in solche Anlagen hätten flüchten können, bevorgestanden wäre. So gesehen war der erbärmliche Zustand dieser Anlage ja sogar noch ein Glücksfall, was aber meine Anwesenheit noch lange nicht erklärte.
“Und wie komm ich hier her?“, setzte ich also nach, um mir darüber Klarheit zu verschaffen.
 “Sie kamen mit einem Konvoi. Sie wurden wohl in einer Auseinandersetzung mit den PSGs verwundet. Die genauen Umstände kenne ich auch nicht, das ist aber auch nicht mein Job. Aber sie hatten verdammtes Glück. Die Jungs, die nochmal rausgefahren sind, sind nicht wieder zurück gekehrt. Der Kontakt riss plötzlich ab”, wiegelte er ab.
 
Das tat mir leid und der Gedanke, dass einige unserer Retter darunter waren, die während ihrer Pflichterfüllung den Tod fanden, war natürlich dramatisch. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sie zu einer Mission aufgebrochen waren, bedrängte und verletzte Menschen zu bergen und zu retten. Trotzdem trieb mich im Moment ein anderer Gedanke um:
 
“Was ist mit meiner Frau und meinem Sohn?”
 
“Ach, stimmt, die klebten ja an ihnen wie Kletten”, antwortete der Muskulöse mit einem süffisanten Grinsen.

Dienstag, 25. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 20

“Was machen Sie denn hier?”, fuhr mich der Braungebrannte forsch an und erhob sich gleichzeitig aus seinem Stuhl.
 
“Das wollte ich euch gerade fragen.”, entgegnete ich so beherzt ich konnte und versuchte mir die vorhandene Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.
 
“Sie dürfen nicht hier sein.”, setzte jetzt der Schmächtige nach und erhob sich ebenfalls demonstrativ. Damit kam auch die Beinkleidung besser zur Geltung, die sich in beiden Fällen als topmoderne Militärkleidung herausstellte. Im Schnitt etwas zu viel Spiel, aber dafür unglaublich praktisch im Gefecht. Um den Ersteindruck zu verstärken und quasi zu unterstreichen, hielt er plötzlich und doch relativ unerwartet ein Sturmgewehr in seinen Händen. Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass mir dessen Anwesenheit bis zu jenem Moment verborgen geblieben war.
 
Dass ich in diesem Moment mit meinem Verband, der alten Unterhose und den abgetragenen Socken keine große Bedrohung dargestellt hatte, kam mir auch nicht in den Sinn. Direkt in den Lauf eines Sturmgewehrs zu schauen, das von einem ängstlich dreinschauendem Jungspund mit zitternden Händen gehalten wird, weckt in solchen Momenten eher Gedanken wie „Scheiße, das war’s jetzt. Der pustet dich weg.“
 
“Sie dürfen nicht hier sein.”, wiederholte er stattdessen relativ ungerührt, aber hob das Gewehr dabei ein Stück weiter an. .
 
“Beruhige dich, Manfred. Ich hab gesehen, wie er rein gebracht wurde. Ich glaube unser Gast hat das Beste verschlafen und keine Einweisung erhalten.”, hob der Dunkelhaarige an, während er sanft den Gewehrlauf seines Kameraden nach unten drückte.
 
Jetzt entspannten sich auch die Gesichtszüge seines Schachpartners und ich würde lügen, würd ich behaupten, dass es mir in dem Moment anders ging. Mangels eines Spiegels in diesem Moment kann ich das aber leider nicht verifizieren. Immerhin bewahrte mich die aufkommende Entspannung vor einer noch größeren Peinlichkeit, die sich im letzten Augenblick meines Lebens sicher noch angekündigt hätte. Vielleicht war es der Gedanke daran, oder einfach der von mir abfallende Ballast, aber ich musste plötzlich laut loslachen. Es war, als wäre plötzlich alles von mir abgefallen und die Erleichterung sich auf einen Schlag ein Ventil gesucht hatte, aber Tatsache ist, ich stand da vor zwei Soldaten in Unterhose und Socken und lachte. Meine Hüfte stach und schmerzte, aber ich lachte so herzlich wie schon lange nicht mehr.
 
Erst standen sie ratlos da, sahen mich an, sahen sich an und irgendwann stimmte der Dunkelhaarige in das Gelächter mit ein. Das jetzt doppelt so ratlose Gesicht von Manfred verstärkte den Lachzwang immer weiter und erst als mich die Schmerzen zu übermannen drohten, arbeitete ich ernsthaft daran, den Ansturm zu unterdrücken. Immerhin nahmen sie mir gegenüber jetzt eine freundlichere Haltung an, auch wenn der Schmächtling noch immer nicht wusste, was eben in uns gefahren war.
 
“Sie wurden vor ungefähr 14 Stunden rein gebracht. Das war in meiner Schicht, deswegen erinnere ich mich an Sie.”, erklärte der Braungebrannte, während er mit einer Hand ausholte und auf einen freien Stuhl deutete. Der war ursprünglich mal blau gewesen, war aber wie das Meiste hier von einer dicken Staubschicht bedeckt und überall blätterte die Farbe ab. Insgesamt ein eher trauriger Anblick, genau wie alles andere, was ich bisher zu sehen bekam.

Montag, 24. Dezember 2012

(F)rohes Fest

Ich wünsche euch allen ausreichend Glühwein, Plätzchen und Lesestoff, um den Tag der Geburt des ersten in der Literatur verbrieften Zombies angemessen feiern zu können. 

Kapitel 1 - Teil 19

Halb verblasste bunte Linien waren auf den Boden gezeichnet, von denen eine rote in die Halle mit den Betten führte. Die anderen verliefen weiter den für mich noch unsichtbaren Flur hinunter. Beim näherkommen stellte ich fest, dass die grauen Wände sicher einst weiß gewesen waren. Die grau erscheinende Färbung rührte von Dreck und Spinnweben, die wie ein schmutziger Vorhang an vielen Stellen hingen. Manchenorts zierten gar Löcher den Putz und gaben den Blick auf die darunter liegenden Ziegelsteine frei, über denen ein verrostetes Gitternetz lag. Neben dem roten Strich hatte ich noch die Auswahl zwischen blau, grün und gelb. Meiner ersten Eingebung folgend wählte ich die grüne Linie als zu verfolgendes Ziel aus und machte mich auf den Weg. Um Kraft zu sparen, lehnte ich mich beim gehen an einer Wand an und biss gegen die Schmerzen einfach weiter die Zähne zusammen.
 
Der Flur schien kein Ende zu nehmen. Ohne erkennbare Öffnungen zog er sich weiter dahin und alle paar Meter erleuchtete eine Lampe den weiteren Weg, sofern die Leuchtkörper darin nicht durchgebrannt oder defekt waren. Manche flackerten einfach nur unstet, oder gingen aus und an wie es ihnen gerade zu passen schien. Die unregelmäßige und teils flackernde Beleuchtung machte es mir auch nicht gerade einfacher, den weiteren Verlauf des Wegs zu erkennen..Von Zweifeln geplagt und im Glauben, dass das alles eine schlechte Idee gewesen war und ich wieder umkehren sollte, sah ich eine Öffnung, die vom Flur wegführte. Dass die blaue Linie und nicht die grüne hinein führte, ignorierte ich geflissentlich, als ich dahinter endlich menschliche Laute wahrnahm.
 
Hinter dem Durchlass verbarg sich ein weiterer Flur, von dem auf beiden Seiten in geringen Abständen hässlich grüne Türen abzweigten, von denen der Lack ebenso blätterte wie der Putz von den Wänden. Die meisten waren geschlossen, aber gleich aus der ersten zu meiner Linken fiel ein Lichtschein auf den nur schwach erleuchteten Gang. Ohne zu zögern, oder mir Gedanken darüber zu machen, wem ich dort begegnen könnte, setzte ich meinen Weg fort.
 
An der ersten Tür angekommen lugte ich vorsichtig um die Ecke und sah zwei junge Männer über ein Schachbrett gebeugt. Tief in ihr Spiel versunken saßen sie da und schenkten mir keine Aufmerksamkeit. Fünf Doppelbetten waren in dem Raum aufgestellt und nur alte verrostete Spinde schenkten dem Raum zumindest ansatzweise so etwas Ähnliches wie optische Abwechslung.
 
Der mir Abgewandte hatte dunkles, volles Haar und sah zumindest von hinten eher südländisch aus. Nur ein weit ausgeschnittenes Unterhemd verdeckte seinen Oberkörper und gab den Blick frei auf seinen braungebrannten muskulösen und übermäßig behaarten Oberkörper. Sein Gegenüber hätte unterschiedlicher nicht ausfallen können. Eher dünnes blondes Haar bedeckte den schmalen Kopf und das olivgrüne Shirt bedeckte einen eher wenig trainierten Körper.
 
Zaghaft hob ich zu einem Räuspern an, bis ich genügend Aufmerksamkeit erregt hatte und der Blonde seinen Kopf hob und in meine Richtung sah. Seine Augen weiteten sich und mit offenem Mund starrte er mich an. Das war auch das Signal für sein Gegenüber, der jetzt den Kopf drehte und mich ebenfalls ansah, als hätte er einen Geist gesehen. Davon dann doch etwas verunsichert, brachte ich nur ein zaghaftes ‚Hallo‘ heraus. Während der Schmächtige noch immer starrte und im Gesicht rot wurde, fuhr sein Gegenüber herum.

Sonntag, 23. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 18

So schnell ich weggetreten war, wachte ich auch wieder auf. Ein Jucken an meiner Hüfte war das Wecksignal, der Schmerz beim Versuch mit Kratzen den Juckreiz zu lindern das am Ende ausschlaggebende Argument, dem Wecksignal Folge zu leisten. Noch während die letzten Erinnerungen auf mich eindroschen, begann ich mich zu orientieren. Statt auf dem staubigen Kirchenboden, ruhte ich auf einer Matratze und war mit einer rauen Decke zugedeckt.
 
Nur wenig Licht fand den Weg in den Raum, aber genug  um ein paar Eindrücke aus meiner Umgebung aufzuschnappen. Fleckiger Bezug deutete auf eine nicht als steril zu bezeichnende Unterbringung hin und auch die restliche Umgebung erinnerte eher an eine alte Lagerhalle, als an ein Krankenhaus.
 
Leere Regale lehnten an den Wänden und an manchen Stellen war der Putz abgesprungen. Trotzdem standen Bett um Bett mit mehr oder weniger schwer Verletzten aneinander, dazwischen einige medizinische Instrumente, die ein schwaches Licht von sich gaben. Zumindest in meiner unmittelbaren Umgebung konnte ich kein bekanntes Gesicht ausmachen. Außer einigen Schnarchgeräuschen und einem leichten Brummen herrschte absolute Ruhe in der Halle.

 
Das schwache Licht rührte von einer großen Doppeltür, die aus der Halle in einen Flur zu führen schien. Graue schmucklose Wände zeichneten sich im Türrahmen ab. Über allem lag ein Geruch nach Moder und Krankenhaus, als hätte man eilig versucht, einen lang im Verborgenen liegenden Raum mit dem typischen Krankenhausgeruch zu benetzen. Herausgekommen war ein Aroma, das mir tiefst zuwider war, aktuell aber das kleinere Übel darstellte.

 
Bekleidet war ich nur mit meiner Unterhose und Socken. Ein Jammer. Hätte ich gewusst, wie der Tag enden würde, hätte ich die gute Garnitur aus dem Schrank gezogen, statt dem alten Zeug. Ohne Waschmaschine wurde man aber auch in der Wahl der Kleidung weniger wählerisch, dabei hatte mich meine Mutter immer gewarnt, dass so etwas passieren könnte. Was wohl aus meiner Mutter geworden war? Zum ersten Mal kam ich überhaupt dazu, mir die Geschehnisse durch den Kopf gehen zu lassen. Wenn mir Beethafen keinen Beetbären aufgebunden hatte, dann passierte die Scheiße im ganzen Land. Nicht nur meine Mutter war dann betroffen, sondern auch meine Schwester, meine Nichten und Freunde. Zumindest die, die jetzt nicht selbst mordend und Menschen fressend durch die Gegend liefen.

 
Jetzt war aber keine Zeit für Trauer. Ich musste wissen, wo ich mir hier befand und wo sich meine Familie aufhielt. Zumindest der Teil davon, der hoffentlich noch übrig war. Jede Reise startet mit einem kleinen Schritt und in meinem Fall war das mich aus diesem Bett zu erheben, was sich als nicht so einfach herausstellte. Ein Stich in der Seite und davon ausgehende Schmerzwellen erinnerten mich gepeinigt an meine Verletzung und daran, dass sie wohl noch nicht ausgestanden waren.

 
Den Bemühungen zum Trotz zwangen mich die Qualen keuchend zurück auf die Matratze. So wartete ich, bis sich der Wundschmerz wieder legte  und begutachtete die Wunde. Ein Verband wurde mir angelegt, unter dem eine Binde die Wunde direkt bedeckte. Die Blutung musste entweder von dem Sanitäter oder spätestens hier gestillt worden sein, der Verband fühlte sich nämlich trocken an. Dieses Mal die Schmerzen erwartend wagte ich einen erneuten Anlauf und kam dieses Mal sogar auf die Füße.

 
Wieder wogten Wellen von der Hüfte aus durch den Körper und wieder schrie alles in mir mich wieder auf das Bett zu legen. Den inneren Schweinehund ignorierend glitt ich mit dem Hintern von der Matratze und spürte den harten kalten Boden unter mir. Erst wacklig, dann immer sicherer setzte ich einen Fuß vor den anderen und nach einigen Schritten bildete ich mir ein, dass die Schmerzen langsam nachließen. Schritt für Schritt näherte ich mich dem erleuchteten Rechteck und erkannte immer mehr Details.

Samstag, 22. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 17


Das sah seine weibliche Bekannte freilich anders, die in Tränen aufgelöst neben dem Leichnam kniete und noch immer die tote Hand in ihre presste. Natürlich war es für sie nicht leicht und der Tod eines lieben Menschen war nicht einfach zu verdauen, aber in dem Moment fühlte ich mich förmlich von ihrer Reaktion verletzt. Natürlich ist das jetzt im Nachhinein eine komische Reaktion, aber ich war stinksauer, dass sie sich statt sich um mich zu kümmern, einem Toten die Hand hielt. Eigentlich bin ich kein Egomane und erkläre mir das mit den Schmerzen und dem fortschreitenden Blutverlust, der langsam mein Denken beeinträchtigte.

Nun, auf jeden Fall lag ich da, blutete und krümmte mich innerlich vor Schmerzen, während ich diese Kuh verfluchte. Gern hätt ich ihr zugerufen, die Toten ruhen zu lassen und sich stattdessen um die Lebenden zu kümmern. Retrospektiv betrachtet bin ich froh, das nicht getan zu haben, dieser Frau in ihrem Schmerz einen weiteren Pflock ins Herz zu rammen. Bei ihrem Freund hatte das ohnehin schon jemand anders erledigt.

Noch immer unter den schrecklichen Eindrücken stehend und in Selbstmitleid schwelgend bemerkte ich erst gar nicht, dass die Kampfhandlungen mittlerweile eingestellt wurden. Erst als sich die Arme meiner Frau um mich schlossen und sie mich mit Küssen übersäte wurde mir bewusst, dass sich etwas verändert hatte. Mühsam hob ich den Kopf und sah neben den bekannten Soldaten mir bis dahin unbekannte Gesichter, die sofort begannen in der Kirche auszuschwärmen und die Leute nach draußen zu bringen.

Jetzt kam auch mein Sohn gelaufen und ich wusste trotz des Blutverlusts und meines immer schlechter werdenden Zustands, dass ich ihn nicht mehr vor dem Grauen würde beschützen können. Heulend warf er sich auf mich und bettelte um Schutz, den ich ihm nicht geben konnte. Als ein Sanitäter endlich zu mir kam, gaben mich Frau und Kind schweren Herzens frei und dem Sanitäter den nötigen Platz, um meine Wunde zu versorgen. Neben dem Splitter in der Hüfte war mein Gesicht von kleinen und größeren Schürfwunden in Mitleidenschaft gezogen worden, von denen ich aber erst später Notiz nahm, als sie von einem anderen dazu geeilten Sanitäter notdürftig gesäubert wurden. Zum Glück keine weiteren ernsthaften Verletzungen war für mich das einzige, das zählte.

Als der Sanitäter ungeschickt an der Wunde hantierte, stöhnte ich kurz auf, wofür er sich eilig entschuldigte. Er wäre kein Arzt, erklärte er kurz angebunden, aber für ihn sähe es so aus, als wären keine inneren Organe verletzt worden. Zumindest keine wichtigen, fügte er mit dem Versuch eines Lächelns hinzu. Mein genervter Gesichtsausdruck war ausreichend um ihn davon zu überzeugen, dass mir nicht der Sinn nach dummen Sprüchen stand. - zumindest nicht von anderen - was von ihm sofort mit ernster Miene quittiert wurde. Die Blutung sei auch nicht so schlimm und könne von ihm gestillt werden. Überhaupt stellte er mir ein hervorragendes Attest aus und ich bin heute nicht verwundert, dass ich nicht sofort als geheilt entlassen wurde.

Gut, da waren natürlich noch die Schmerzen, die durch sein Gerede nicht an Heftigkeit abnahmen, was ich ihm auch klar und unmissverständlich klar machte. Zurückblickend war ich etwas arg forsch und ungerecht zu ihm, aber die Schmerzen. Und das Blut. Weil ich ihn nie wieder sah, konnte ich ihn auch nie fragen, ob ihn meine forsche Art verletzt hatte, oder mich nachträglich entschuldigen. Auf jeden Fall blieb er professionell und zog wegen der Schmerzen eine Spritze aus seiner Tasche und jagte sie mir ohne Vorwarnung in den Arm. Ob aus Zeitmangel oder aus Rache für den bösen Spruch werde ich nicht mehr erfahren, weil nur wenige Sekunden später wurden meine Augenlider schwer, die Welt verschwand hinter einem schwarzen Schleier und ich fiel in einen traumlosen Schlaf.

Freitag, 21. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 16


Die Welt um mich drohte in Schwarz zu versinken und mit aller Kraft kämpfte ich gegen eine drohende Ohnmacht an. Schwarze Punkte führten vor meinen Augen einen Veitstanz auf, Schwindel überfiel mich und die zuvor noch immer nur gedämpften Geräusche verstummten zur Gänze. Stattdessen pochte mein Pulsschlag überlaut in meinen Ohren. Mit jedem Schlag meines Herzens wurde er lauter und pumpte die Schmerzen von meiner Hüfte in den restlichen Körper, so als würde er durch Blut übertragen.

Dann verschwanden die Punkte, mein pulsierendes Blut rauschte nicht länger überlaut in meinen Ohren und auch der Schmerz ließ nach, bis er wieder auf das Maß vor meiner Aktion zurück gegangen war. Mit den schwindenden Qualen, schwand auch die Ohnmacht. Wütend hob ich das Stück Holz auf und schleuderte es in Richtung der zerstörten Tür. Auch wenn das nicht ohne Konsequenzen blieb, verschaffte es mir ungeheure Befriedigung. Um die Schwere der Verletzung besser einschätzen zu können, presste ich mit der freien Hand auf die Wunde.

Feuchtes, warmes, zähflüssiges Blut sickerte dazwischen hervor und verklebte meine Hand. Tat ich den Blutverlust zuvor noch als überschaubar ab, machte ich mir jetzt doch ernsthafte Sorgen, ob nicht doch eine wichtige Arterie verletzt worden war. Doch gleichzeitig ebbte der Schmerz immer weiter ab, und zurück blieben nur die pochenden aus der Leiste ausgehenden Schmerzwellen. Davon ermutigt, legte ich alle verfügbaren Energiereserven in meine Rettung  und schob mich mit den Füßen aus der unmittelbaren Gefahrenzone. Natürlich tat es erneut verdammt weh, aber verglichen mit den zuvor empfundenen Qualen eine deutliche Verbesserung. 

Obwohl ich mich nur wenige Meter bewegt hatte, war es, als wäre ich aus einer Parallelwelt gekommen. Eben noch von feinen Wirbeln durchzogene Wolken über mir und im nächsten Moment klare Sicht. Mit einer nie gekannten Deutlichkeit breitete sich vor mir das ganze stattfindende Drama aus. Hinter den Bänken kniende Soldaten feuerten auf Verdacht in die Öffnung, die die Sprengung der Türen hinterlassen hatte und von Zeit war darin ein Schatten zu sehen, der unter den Schüssen förmlich zerrissen wurde.

Nicht unweit von mir entfernt lag mit Frank ein anderer alter Bekannter. Obwohl anzunehmen war, dass sein Zustand bereits zuvor beschissen war, hatte sich dieser mittlerweile eindeutig zu seinem Nachteil verändert. Statt weiter zu knien, lag er schräg auf der Seite, umringt von einer riesigen Blutlache, die wegen dem Staub, Mörtel und Holzsplittern kaum mehr als solche zu erkennen war.

Das Blut selbst stammte aus einer riesigen Wunde, die ein Fetzen in der Größe einer Männerfaust von hinten in seinen Körper gerissen hatte. Dort wo vorher sein Brustkorb war, klaffte ein riesiges Loch, aus dem die kaum mehr zu identifizierenden Innereien nach außen gedrückt worden waren und sich rotschwarz vor ihm auf dem Boden und der Spitze des Holzstücks verteilten, der den Körper weiter in der Schräge hielt.

Auf seinem Gesicht war der letzte Moment seines Lebens eingefroren. Ungläubig geweitete Augen und ein zu einem letzten Schrei geformter Mund waren sein Abschied von dieser Welt. So unglaublich es auch klingen mag, aber seine Gesichtsfarbe war jetzt tatsächlich noch farbloser, als just zuvor. Aber immerhin war mein Handabdruck aus dem Gesicht verschwunden.

Noch immer mit den eigenen Schmerzen kämpfend versuchte ich seinen Tod so gut es ging zu ignorieren, um mich weiter meiner eigenen Rettung widmen zu können. Der Tod war heute unser ständiger Begleiter und irgendwann werde ich die Scheiße aufarbeiten müssen, aber das war definitiv der falsche Moment dafür.