Donnerstag, 6. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 1



Kapitel 1

20.09.2013

Es war ein schöner Tag, den wir notgedrungen größtenteils zu Hause verbringen mussten. Die Ausgangssperre hatte mittlerweile fast den ganzen Tag umfasst und wer ohne Genehmigung außerhalb seiner Wohnung angetroffen wurde, wurde umgehend festgenommen und interniert. Einige kamen zurück und erzählten von menschenunwürdigen Zuständen in den Internierungslagern. Die “anderen” wurden in Käfigen gehalten, wo sie halb wahnsinnig vor sich hinvegetierten. Die “anderen” - so wurden die genannt, die der Musik von Satanic Whisper verfallen waren. Offiziell wurden sie als Psychisch gestörte Opfer bezeichnet und als PSGs in den Lagern geführt.

Manche schrien und stöhnten in Gefangenschaft seltsame Wörter, die keiner bekannten Sprache zuzuordnen waren und versuchten sich daran, diese in ein melodisches Gewand zu packen. Fing einer an, stimmten alle mit ein und ließen ein unheimliches Geheul anstimmen, welches sich unheimlich über das Lager legte. Daneben waren sie nur noch zur Nahrungsaufnahme fähig. Seltsamerweise veränderten sie sich auch physisch. Neben den Auswirkungen des Schlafentzugs verloren sie nach und nach ihre Haare. Ob sie sich derer selbst entledigten wussten die ehemals internierten nicht zu sagen, aber tatsächlich waren die meisten von ihnen kahl. So wie die Haare ausfielen, wuchsen die Zähne an. Von Hauern wurde berichtet, die sich in das Fleisch von unvorsichtigen Aufsehern bohrten und klaffende Wunden hinterließen.

Die Nahrungsmittellieferungen fielen in ein Zeitfenster, in dem die Ausgangssperre außer Kraft war. Flugblätter informierten die Bevölkerung über die Zeiten und die Orte, an denen die Nahrung aufgenommen werden konnte. Eine Abgabe erfolgte ausschließlich gegen Vorlage eines gültigen Ausweises, über den die jeweiligen Rationen nach Haushaltsgröße ausgegeben wurden. Wer seinen Haushalt ordentlich angemeldet hatte, musste nicht jedes Mal mit Kind und Kegel dort auflaufen, was die Situation vor Ort wesentlich angenehmer gestaltete. Weil es aber ein so schöner Tag war, beschloss ich mit Frau und Kind zur Ausgabe zu pilgern. Wer die meiste Zeit in geschlossenen Räumen verbringen muss, weiß erst die Vorzüge von frischer Luft und Sonne zu genießen.

Wie gesagt: es war ein schöner Tag. Es schien, als wollte uns die Natur verhöhnen für unsere jahrelange Ignoranz ihr gegenüber. Die Vögel sangen aus voller Kehle und die Sonne warf spätsommerliche Strahlen auf die Erde. Langsam verloren die Bäume ihre Pracht und bunte Blätter säumten unseren Weg. Weil sie keiner aufkehrte, waren die Straßen voll von ihnen.

Ein leichtes Lüftchen wirbelte sie immer wieder auf und legte sie neu ab. Ständig entstanden neue Muster und Farben wie in einem Kaleidoskop. In jedem anderen Jahr hätten die Passanten den Kopf gehoben, um sich den Wind um die Nase blasen zu lassen und das bunte Spiel der liegen gebliebenen Blätter zu bewundern. Nicht so an diesem Tag im September.

Einzig die Kinder waren ausgelassen und stürmten spielerisch durch die bunte Pracht. Auch wenn sie die Betroffenheit spüren konnten, waren sie doch unwissend darüber, was auf der Welt gerade vor sich ging. Die Erwachsenen begegneten sich dagegen nur misstrauisch und mit gesenktem Blick. Gesprochen wurde nur das Nötigste und bekannte Gesichter wurden mit einem knappen Nicken begrüßt, bevor man weiter seiner Wege ging.

Die Stimmung war spürbar angespannt und auch ein kleines Ungeschick konnte schnell in gewalttätigen Ausbrüchen enden. Wer sich eines Nachbarn entledigen wollte, denunzierte ihn bei einer der zahlreichen Meldestellen als PSG-Verdächtigen, was wenigstens eine zeitweise Internierung zur Folge hatte. An diesem schönen Tag war aber niemand auf Handgreiflichkeiten aus und alle kannten nur ein Ziel.

Kommentare:

  1. Hi,

    zweiter Absatz, vorletzte Zeile: "Von Hauern wurde berichtigt", sollte es nicht berichtet heißen?
    Ich hatte in letzter Zeit, keine Zeit zum Lesen hole das aber die Tage nach :)

    Ein frohes neues Jahr
    Thex

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    1. Danke. Also für deine Korrekturen und die Glückwünsche.

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