Sonntag, 16. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 11


Zumindest der Unteroffizier wollte sich darauf nicht verlassen und riss mich am Ärmel wieder in Richtung der Tür. Zwei weitere männliche Freiwillige wurden ebenso rüde angeworben und in meine Richtung befördert. Die Auswahl war wenig ansprechend. Ein schlaksiger schwarzhaariger Mann Anfang 20, mit blassem Gesicht, der mir zuvor auf dem Parkplatz schon negativ aufgefallen war, weil er statt zu helfen, einer Frau – seiner Freundin? – nur dumme Ratschläge erteilt hatte. Beim zweiten Helfer war es eigentlich ein Wunder, dass er nicht das Schicksal mit den zwei Alten draußen geteilt hatte. Sein Kopf war hochrot und sein Speckgürtel vibrierte bei jedem Schritt, den er tat. Uns allen gemein war, dass wir spontan nicht wussten, was von uns erwartet wurde und barsch wurde unser ratloses Gesicht von dem Soldaten quittiert:

„Türe verbarrikadieren, na los. Oder wollt ihr, dass ihr und eure Verwandten von den Dingern aufgefressen werden. Na los jetzt, verdammt.“

Schon im nächsten Moment krachten von draußen unter dumpfen Schlägen schwere Körper gegen die massiven Holztüren. Ein kleiner Spalt spendete gerade genügend Licht um Staub und kleine Mörtelteilchen dabei zu beobachten, wie sie zu Boden rieselten, wo sie sich vor der unter den Stößen bebenden Tür verteilten. Wieder und wieder schlugen die Körper auf das harte Holz und der Spalt schien mit jedem Aufprall zu wachsen und doch hatten wir noch Glück, dass sie vorerst nur Gewalt anwandten, das Hindernis zu beseitigen. 

Fast schon panisch hielten wir nach geeigneten Materialien, oder Gegenständen Ausschau, die die Türen zusammen halten konnten. Das Weihwasserbecken schied als erstes aus, weil es entweder mit dem Boden verwachsen war, oder so schwer, dass wir einen Gabelstapler für den Transport benötigt hätten. Die Bänke waren mit dem Boden verschraubt, der Opferstock ebenfalls und der Rollschrank, in dem die Gesangsbücher aufbewahrt wurden, würde nach der Tür auch kein ernsthaftes Hindernis mehr darstellen.

Mangels passender Alternativen warfen wir uns also selbst davor. Drei Männer und zwei Türen gegen eine Horde von diesen Monstern. Noch immer donnerten die Schläge ihrer auf der Tür aufprallen Körper durch das Kirchengewölbe und trotz aller Anstrengungen dehnte sich der Spalt immer weiter aus.

Mit schussbereiten Gewehren waren die Soldaten ein paar Meter hinter der Tür in Stellung gegangen und verharrten dort gespannt und bereit, die Kreaturen unter allen Umständen aufzuhalten. Nach einiger Zeit wurde jeder Schlag zu einer kleinen Explosion, die in meinem Körper explodierte. Muskeln rebellierten und jede Faser meines Körpers schrie mich an, mich endlich von dieser Tür zu verpissen.  

Dann, von einer Sekunde auf die andere war der Spuk wieder vorbei und eine gespenstische Ruhe breitete sich aus. Es war die Art von Stille, bei der man eine Nadel fallen hört und man sich förmlich davor fürchtet, als erster diesen vollkommenen Moment mit einem Geräusch zu zerstören. Selbst die eben noch heulenden Kinder schienen den Atem anzuhalten und verharrten in Erwartung des Donners.

Doch der ließ auf sich warten. Stattdessen erklangen von außen Stimmen. Undeutlich und gedämpft drangen sie durch das massive Holz der Kirchentür. Definitiv menschlich und doch klangen die Worte wie nicht von dieser Welt. Sie predigten mit Lauten die an keine mir bekannte Sprache erinnerte und doch wirkten die Worte verführerisch und einladend.

So musste es sein, wenn eine Mutter, mit ihrem Neugeborenen spricht und allein mit dem Klang ihrer Stimme das Baby beruhigt. Ohne den Sinn der Worte zu verstehen fühlt sich das Kind aufgehoben und genau so wirkten die Worte auch auf uns. Fremd und doch vertraut; abstoßend und doch anziehend; abweisend, aber verführerisch. Eine Predigt, die uns mit unbekannten Sätzen umgarnte, mit wüsten unverständlichen Beschimpfungen ermahnte und mit fremd klingenden Schmeicheleien auf ihre Seite ziehen wollte.

Kommentare:

  1. Hi,

    erster Absatz, vorletzte Zeile,
    kleiner Schreibfehler
    "varsch"-> barsch

    mfg Thex

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    1. Ist korrigiert. Auch hier nochmal danke. :)

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