Montag, 17. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 12



Je länger ich den Stimmen lauschte, desto mehr meinte ich zu verstehen. Nicht die Bedeutung an sich, sondern vielmehr die darin übermittelte Botschaft. Liebe und Hass, vereint in Verheißungen, die in unserer Phantasie wucherten und uns Versprechungen unterbreiteten. Wie wunderschönes Unkraut das in meinen Gedanken wucherte und die Wurzeln tiefer in meinen Geist grub, fühlte es sich an, diesen Stimmen ausgesetzt zu sein.

Ein Blick auf die Soldaten und meinen Familie löste irgendwie den Bann und zog mich aus der Schleife der Verführung. Das Gesicht des Korpulenten war noch immer rot angelaufen und eigentlich war ich froh, dass er da neben mir vor der Tür kniete. Seine Körperfülle bildete ein natürliches Hindernis, das die Stöße einigermaßen gut weggesteckt hatte. Mehr Sorgen machte mir da schon der Hagere.

War er zuvor schon leichenblass, hatte seine Gesichtsfarbe mittlerweile Grautöne angenommen. Aschfahl war seine Haut und seine Augen zuckten panisch hin und her, während er mit seinem Ohr an der Tür festzukleben schien. Das allein machte mir noch keine Angst. Die bekam ich erst, als er anfing zu summen. Fast fröhlich summte er vor sich hin und gleichzeitig setzte draußen wieder das Geheul an.

Was mir dabei so wirklich Angst machte war die Tatsache, dass die Kreaturen vor der Tür und unser Held hier dieselbe Melodie wieder gaben. Mir war angst und bange und aus den Augenwinkeln sah ich, dass es dem Unteroffizier nicht besser ging. Aber auch die anderen Soldaten merkten, dass mit dem Schwarzhaarigen etwas vor sich ging und wie in Zeitlupe wanderten die Läufe der Gewehre auf den vor der Tür liegenden Flüchtling.

Was mich danach geritten hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur noch, dass es mir in dem Moment einer Ahnung gleich als das Richtige erschien. Blitzschnell schnellte ich vor, riss den aschfahlen Typen von der Tür weg und holte mit der rechten Hand aus. Mit mehr Kraft als vielleicht nötig, schnellte mein Arm zurück und beförderte meine flach angelegten Finger in sein Gesicht.

Platschend hallte es durch den historischen Rundbau und brach sich an den Wänden, bevor es wieder zu uns zurückgeworfen wurde. Aus großen Augen glotzte er mich verwundert an und noch bevor er reagieren konnte, schickte ich eine zweite, etwas weniger feste Ohrfeige hinterher. Die Innenfläche meiner Hand brannte und hinterließ einen unförmigen roten Abdruck in seinem Gesicht, aber es war nicht umsonst. Irgendetwas zerbrach in diesem Moment in seinem Inneren.

Er stolperte ein paar Schritte nach hinten und sank auf die Knie, sein Summen endete und just in dem Moment bracuh auch das Geheul wieder ab. Stattdessen warf sich erneut etwas Schweres gegen die Eingangstüren, während etwas energisch Türgriff rüttelte.

Die Frau, der er zuvor noch schlaue Ratschläge erteilt hatte, trat hervor und näherte sich zögernd dem schmächtigen Typen, während ich zurück zur Tür hechtete und mich mit voller Kraft auf dem Rücken dagegen warf. Eine Schmerzwelle raste durch meinen Körper, aber ich konnte weiter beobachten, was hinter mir vor sich ging. Die Frau war so in etwa das Gegenteil von dem am Boden knieenden Häufchen Elend. Sie war vielleicht ein, zwei Jahre jünger, hatte kastanienbraunes volles Haar, aufgeweckte Augen und einen Körper, der etwas gesünder aussah. Nicht dick, aber auch nicht so abgemagert wie ihr vermeintlicher Freund. Zwei Soldaten behielten den Mann weiter im Auge, während die anderen vier wieder die Tür beobachteten.

Die tröstenden Worte der jungen Frau zeigten Wirkung und lösten in ihm eine Veränderung aus. Tränen liefen aus seinen Augen und dünne Rinnsale bahnten sich ihren Weg über seine Wangen hinab. Der zuvor so verhärmte Gesichtsausdruck löste sich weiter auf und wandelte sich in eine tiefe Traurigkeit.  Aufmunternde und besänftigende Worte entsprangen ihren Lippen und prasselten auf den Kerl ein, wobei sie ihn als Frank ansprach.

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