Dienstag, 18. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 13


Als erster löste sich der Unteroffizier aus seiner Starre und ging zu dem Paar hinüber. Im Gegenteil zu unseren Belagerern die mit unvermittelter Härte gegen die Türe und meinen Rücken anrannten, hatte sich Frank beruhigt und wieder gefunden, wirkte aber seltsam orientierungslos und auch, als der Unteroffizier anfing Fragen zu stellen, gab er an, sich an nichts mehr erinnern zu können.

Die Stimmen beschrieb er so, wie auch ich sie wahrgenommen hatte mit dem Unterschied, dass ihm von einen Moment auf den anderen schwarz vor Augen wurde und er sich fühlte, als würde etwas in ihn fahren. Etwas Fremdes, Unheimliches und seltsam Vertrautes, das man sich nicht abzuweisen traute. Er beschrieb es als die vertraute Stimme der Mutter und die strenge Hand des Vaters, was mich ob ähnlicher Gedanken überraschte.

Seine durch meine Ohrfeigen rot leuchtenden Wangen verliehen dem blassen Äußeren einen seltsamen Kontrast, der durch die Tränen nicht besser wurde. Irgendwann beschloss die junge Frau, dass es jetzt genug sei. Er hätte alles gesagt, was es zu sagen gäbe und außerdem hätte er nichts gemacht und wie lächerlich es sei, ihren Schatz als ein Monster abzustempeln. Er sei ja wohl nicht der Einzige, der mit der Situation nicht zu Recht käme. Als hätten wir momentan keine anderen Probleme, schoss es mir durch den Kopf, während mein Rücken durch die Schläge immer stärker schmerzte.

Wieder wurde es leise und dieses Mal drangen auch keine Stimmen von draußen nach innen. Vorsichtig presste ich mein Ohr gegen das kalte Holz und versuchte von draußen verräterische Geräusche zu erhaschen, die uns helfen würden, das weitere Vorgehen unseres Feinds zu erkennen.

Noch immer das blasse Gesicht und den verlorenen Blick Franks vor Augen, war ich besonders auf der Hut. Keiner von uns hatte eine Ahnung, was passieren würde, wäre man diesen Stimmen länger ausgesetzt. Möglicherweise gerät man dann in ihren Bann, oder verwandelt sich wie die Opfer dieser unsäglichen Musik. Natürlich war neben meiner psychischen Gesundheit auch mein physisches Wohl in Gefahr. Ein heftiger Hieb gegen die Tür würde mein Ohr heftig klingeln lassen und meinen Schädel ordentlich durchschütteln. Trotz meinem beleibten Kameraden hatte die Tür weit mehr Spielraum als noch zuvor und konnte aus dem Stand sicher schmerzhafte Hiebe verteilen.

Also war ich so vorsichtig wie nur irgendwie möglich und zuckte beim geringsten Anzeichen zurück, nur um es gleich darauf wieder zu versuchen. Doch so sehr ich mich auch anstrengte und so sehr ich auch das Ohr gegen das Holz presste: es blieb leise. Gespenstisch leise. Natürlich trug das dicke Holz dazu bei, Geräusche von draußen zu dämpfen, aber es war wirklich einfach komplett leise.

Vorsichtig löste ich mich wieder von der Tür und drehte mich zu dem befehlshabenden Unteroffizier, um ihm lautlos zu signalisieren, dass alle Geräusche verstummt waren. Die Stille war bedrückend und unheimlich. Niemand wagte es die Wand des Schweigens zu durchbrechen und umso gewaltiger hallte die nun folgende Explosion durch die Grabesruhe. Neben dem Donnerschlag wurde das ganze Gemäuer auch durch einen Ruck erschüttert, der die Fenster klirren und zerspringen ließ. Glas fiel zu Boden, wo es in einem hellen Ton in tausend kleinere Scherben zersprang, in denen sich das nun ungehindert hereinfallende Licht brach.

Ein weiterer Donnerschlag erhob sich und detonierte nur wenige Meter neben der Tür. Ein heftiger Schlag ging durch das Holz und fegte sie halb aus ihren Angeln. Genug, um den Beleibten und mich mit einem Schlag von der Tür wegzustoßen. Es tat höllisch weh und ich vermutete in dem Moment, dass meine Wirbelsäule an mindestens 20 Stellen gebrochen sein musste. Trotzdem richtete ich mich halb auf und hielt auf die Soldaten zu, die die Zivilisten vor sich hertreibend weiter in das Mittelschiff des Doms hineindrängten.

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