Mittwoch, 19. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 14


Weitere Explosionen folgten und wo eben noch eine Tür war, flogen im nächsten Moment Holzteile und Splitter durch die Luft. Pech für unseren dicken Kameraden, der in einer Wolke aus zerborstenem Holz, Blut und Rauch verschwand. Hätte ich die Zeit dafür gehabt, hätte ich sicher um ihn getrauert, aber im Moment sorgte ich mich mehr um mich selber und warf mich eilig zu Boden. Meine Wirbelsäule signalisierte mir, dass es sich dabei um eine schlechte Idee handelte, was ich geflissentlich ignorierte. Nur Sekundenbruchteile später schoss ein brennender Schmerz durch meine linke Seite, die meine Rückenschmerzen zu Schmerzen zweiter Klasse degradierte. In den Lärm der Explosion hinein schrie ich auf, konnte mich aber nicht schreien hören. Also schrie ich lauter, hörte aber weiter nur den Widerhall der Explosion in meinen Ohren. Dann knallte ich auf den Boden.

Eine Wolke zog über mich hinweg und nahm mir die Sicht, die Ohren waren in Aufruhr und klangen wie nach einem Motörhead-Konzert fünf Meter vor den Boxen ohne Gehörschutz und die Schmerzen waren unbeschreiblich. So gerne hätte mich unter den Schmerzen gekrümmt, was aber nur weitere Wellen purer Pein durch meinen Körper jagte. Also versuchte ich das Gegenteil und mich trotz des Elends zu entspannen. Noch immer waren die Qualen weit von dem entfernt, was man landläufig als erträglich bezeichnen würde, aber es wurde tatsächlich etwas besser. Zudem nahm auch das Grollen in meinen Ohren ab und wenn auch sehr dumpf, so nahm ich doch die ersten Geräusche wieder wahr.

Erstickt drangen Schreie an mein Gehör. Schreie und Schüsse, die über das Gebrüll hinweg abgegeben wurden. Noch immer der Sicht beraubt, konnte ich nur vermuten, worauf gerade geschossen wurde und wähnte mich zwischen den Fronten. Ja, ich lag etwas abseits, aber sofern eine größere Anzahl durch die Tür gelangen konnte, wären sie zweifellos über mich hergefallen. Trotz der Schmerzen musste ich dort weg.

Um meine Lage einzuschätzen, betastete ich mit der rechten Hand an die schmerzende Stelle an meiner Hüfte und berührte ein großes Stück Holz aus der Tür. Eigentlich war es sogar ein riesiges Stück, wenn man bedachte, dass ein großer Teil davon in meinen Innereien steckte. Ganz vorsichtig tastete ich mich daran vor und schätzte das herausragende Teil auf locker 30 Zentimeter. 30 Zentimeter, die da an meiner Seite baumelten und dank der Schwerkraft jede Bewegung zur unbeschreiblichen Qual werden lassen.

Natürlich bleibt so ein Ding in der Hüfte nicht ganz ohne Folgen und so war ich kaum darüber erschrocken, beim befühlen in eine warme zähflüssige Soße zu greifen. Auch ohne meine Finger zu begutachten wusste ich, dass mein roter Lebenssaft aus der Wunde an dem Riesensplitter herablief. Dann wagte ich doch einen schnellen Blick und sah, wie sich mein kostbares Blut auf dem Boden verteilte. Tja. Selbst wenn mich die Monster nicht fressen, mein Rückgrat nicht gebrochen ist, dieser verdammte Pfahl von einem Splitter meine Innereien nicht lebensgefährlich verletzt hat, dann werde ich ganz einfach hier liegen und verbluten.

Großartige Aussichten, wenn man bedenkt, was ich an diesem verdammten Tag schon durchgemacht hatte. Aber so schnell verblutet man nicht und so lange keine Arterie verletzt war, würde eher die Blutung irgendwann von selber stoppen, bevor ich verblutet war. Zum Glück war niemand in der Nähe, der mich vom Gegenteil zu überzeugen suchte, sonst hätt ich mir womöglich meine eigenen Lügen nicht länger abgenommen.

Meines Überlebens sicher, rückte meine Sicherheit wieder in den Fokus. Noch immer vernebelte eine Wolke die Sicht. Kleine Wirbel durchzogen den weißgrauen Rauch und ließen feine Partikel herumtanzen.

Von dem Schauspiel gefangen, dauerte es noch einige Sekunden bis ich realisierte, dass die Unordnung in der Struktur des Gewölks von den Schüssen der Soldaten erzeugt wurde. Wie vermutet, tobte über meinem Kopf hinweg noch immer eine Schlacht und ich lag zwischen den Fronten wie auf dem Präsentierteller. Jetzt fehlte nur noch der Apfel zwischen den Zähnen, und das Essen wäre perfekt angerichtet gewesen.

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