Donnerstag, 20. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 15


Wie wahrscheinlich ein Großteil der Menschheit konnte ich mich mit dem Gedanken als Mahlzeit zu enden, aber nicht so recht anfreunden. Das ist keine Sache der Einstellung, oder ein Warmduschersyndrom. Das hat eher war mit gesundem Menschenverstand und dem Willen zu überleben zu tun. Auch wenn der Tod in meinem momentanen Zustand eher eine Verbesserung dargestellt hätte, wollte ich mich mit aller Gewalt dagegen wehren. Und wenn ich dabei draufgehen würde. Immerhin: meinen Sinn für unpassende Wortspiele hatte ich noch.

War man schwer verletzt, stellten einfachste Dinge oft schon riesige Herausforderungen dar. Selbst etwas simples, wie sich aus der Schusslinie zu manövrieren konnte sich als äußerst schwierig herausstellen. Schmerzen, die einer der Vorhöllen entsprungen sein könnten, waren nicht so einfach auszublenden, aber man konnte so gut es ging versuchen, sie zu ignorieren. Trotzdem musste ich in kleinen Schritten denken und ging meine Optionen durch, während um mich herum Schüsse krachten und Kugeln nur knapp über mir hinweg flogen.

Rettung und Sicherheit sind natürlich relativ, aber im diesem Moment waren wenige Meter weiter rechts vom Eingang schon eine große Verbesserung, wenn auch nur die erste Zwischenstation. Kurz noch analysierte ich die Lage, zog die Füße an und stemmte mich vehement gegen den Boden. So wollte ich so schonend wie möglich meinen geschundenen Körper aus der unmittelbaren Gefahrenzone navigieren.

Quittiert wurden die Bestrebungen durch einen heftigen stechenden Schmerz in meiner Hüfte. Solange der Monstersplitter dort steckte, hätte auch jede weitere Bewegung Höllenqualen verursacht und meinen Drang nach Sicherheit im Keim erstickt. Allmählich begann mich das Ding so richtig zu nerven und ich sah ein, dass eine Rettung mit diesem nutzlosen Stück Holz unmöglich gewesen wäre. So gesehen gab es nur eine Option.

Zögernd legte ich eine Hand an den Splitter, schloss meine Finger darum und hob ihn vorsichtig hoch. Obwohl alleine die Berührung erneute Wellen des Schmerzes durch meine Innereien jagte, schloss ich meine Hand die Schmerzen ignorierend noch fester um das Holz. Im Rhythmus meines Pulsschlages pulsierte das Holz förmlich in meiner Hand und schien mich zu verhöhnen. Wie ein lebender Organismus aus Fleisch und Blut, meinem Blut, verhöhnte es mich allein mit seiner ungewollten Präsenz. Ich spürte Schmerz und Hohn und wollte mich keinem der beiden weiter aussetzen. 

Noch einmal tief Luft holen, Schmerzen. Druck um das Holz erhöhen. Schmerzen. Muskeln anspannen. Schmerzen. Zähne zusammen beißen. Schmerzen. Ziehen.

Mit einem einzigen Ruck zog ich das Stück Holz aus meinem gepeinigten Fleisch. Nur eine einzige schnelle Bewegung  und glücklicherweise ohne Komplikationen. Obwohl es sich kurz anfühlte, als würde ich einen Teil meines Körpers mit herausziehen, löste sich das Scheit und lag alsbald neben mir. 

Im ersten Moment war es, als würden die Schmerzen mit entfernen des Fremdkörpers enden. Ein Moment, in dem ich mich als Sieger wähnte und in Gedanken das Holz nun meinerseits verhöhnte. Aber nur Sekundenbruchteile später kehrte der Schmerz zurück und raste mit Überschallgeschwindigkeit durch jeden Nervenstrang meines Körpers. Kein Schrei dieser Welt würde die Schmerzen adäquat darstellen können, die sich durch meine Leiste fraßen und sich wie glühende Kohle in meinen Innereien anfühlten.

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