Samstag, 22. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 17


Das sah seine weibliche Bekannte freilich anders, die in Tränen aufgelöst neben dem Leichnam kniete und noch immer die tote Hand in ihre presste. Natürlich war es für sie nicht leicht und der Tod eines lieben Menschen war nicht einfach zu verdauen, aber in dem Moment fühlte ich mich förmlich von ihrer Reaktion verletzt. Natürlich ist das jetzt im Nachhinein eine komische Reaktion, aber ich war stinksauer, dass sie sich statt sich um mich zu kümmern, einem Toten die Hand hielt. Eigentlich bin ich kein Egomane und erkläre mir das mit den Schmerzen und dem fortschreitenden Blutverlust, der langsam mein Denken beeinträchtigte.

Nun, auf jeden Fall lag ich da, blutete und krümmte mich innerlich vor Schmerzen, während ich diese Kuh verfluchte. Gern hätt ich ihr zugerufen, die Toten ruhen zu lassen und sich stattdessen um die Lebenden zu kümmern. Retrospektiv betrachtet bin ich froh, das nicht getan zu haben, dieser Frau in ihrem Schmerz einen weiteren Pflock ins Herz zu rammen. Bei ihrem Freund hatte das ohnehin schon jemand anders erledigt.

Noch immer unter den schrecklichen Eindrücken stehend und in Selbstmitleid schwelgend bemerkte ich erst gar nicht, dass die Kampfhandlungen mittlerweile eingestellt wurden. Erst als sich die Arme meiner Frau um mich schlossen und sie mich mit Küssen übersäte wurde mir bewusst, dass sich etwas verändert hatte. Mühsam hob ich den Kopf und sah neben den bekannten Soldaten mir bis dahin unbekannte Gesichter, die sofort begannen in der Kirche auszuschwärmen und die Leute nach draußen zu bringen.

Jetzt kam auch mein Sohn gelaufen und ich wusste trotz des Blutverlusts und meines immer schlechter werdenden Zustands, dass ich ihn nicht mehr vor dem Grauen würde beschützen können. Heulend warf er sich auf mich und bettelte um Schutz, den ich ihm nicht geben konnte. Als ein Sanitäter endlich zu mir kam, gaben mich Frau und Kind schweren Herzens frei und dem Sanitäter den nötigen Platz, um meine Wunde zu versorgen. Neben dem Splitter in der Hüfte war mein Gesicht von kleinen und größeren Schürfwunden in Mitleidenschaft gezogen worden, von denen ich aber erst später Notiz nahm, als sie von einem anderen dazu geeilten Sanitäter notdürftig gesäubert wurden. Zum Glück keine weiteren ernsthaften Verletzungen war für mich das einzige, das zählte.

Als der Sanitäter ungeschickt an der Wunde hantierte, stöhnte ich kurz auf, wofür er sich eilig entschuldigte. Er wäre kein Arzt, erklärte er kurz angebunden, aber für ihn sähe es so aus, als wären keine inneren Organe verletzt worden. Zumindest keine wichtigen, fügte er mit dem Versuch eines Lächelns hinzu. Mein genervter Gesichtsausdruck war ausreichend um ihn davon zu überzeugen, dass mir nicht der Sinn nach dummen Sprüchen stand. - zumindest nicht von anderen - was von ihm sofort mit ernster Miene quittiert wurde. Die Blutung sei auch nicht so schlimm und könne von ihm gestillt werden. Überhaupt stellte er mir ein hervorragendes Attest aus und ich bin heute nicht verwundert, dass ich nicht sofort als geheilt entlassen wurde.

Gut, da waren natürlich noch die Schmerzen, die durch sein Gerede nicht an Heftigkeit abnahmen, was ich ihm auch klar und unmissverständlich klar machte. Zurückblickend war ich etwas arg forsch und ungerecht zu ihm, aber die Schmerzen. Und das Blut. Weil ich ihn nie wieder sah, konnte ich ihn auch nie fragen, ob ihn meine forsche Art verletzt hatte, oder mich nachträglich entschuldigen. Auf jeden Fall blieb er professionell und zog wegen der Schmerzen eine Spritze aus seiner Tasche und jagte sie mir ohne Vorwarnung in den Arm. Ob aus Zeitmangel oder aus Rache für den bösen Spruch werde ich nicht mehr erfahren, weil nur wenige Sekunden später wurden meine Augenlider schwer, die Welt verschwand hinter einem schwarzen Schleier und ich fiel in einen traumlosen Schlaf.

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