Sonntag, 23. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 18

So schnell ich weggetreten war, wachte ich auch wieder auf. Ein Jucken an meiner Hüfte war das Wecksignal, der Schmerz beim Versuch mit Kratzen den Juckreiz zu lindern das am Ende ausschlaggebende Argument, dem Wecksignal Folge zu leisten. Noch während die letzten Erinnerungen auf mich eindroschen, begann ich mich zu orientieren. Statt auf dem staubigen Kirchenboden, ruhte ich auf einer Matratze und war mit einer rauen Decke zugedeckt.
 
Nur wenig Licht fand den Weg in den Raum, aber genug  um ein paar Eindrücke aus meiner Umgebung aufzuschnappen. Fleckiger Bezug deutete auf eine nicht als steril zu bezeichnende Unterbringung hin und auch die restliche Umgebung erinnerte eher an eine alte Lagerhalle, als an ein Krankenhaus.
 
Leere Regale lehnten an den Wänden und an manchen Stellen war der Putz abgesprungen. Trotzdem standen Bett um Bett mit mehr oder weniger schwer Verletzten aneinander, dazwischen einige medizinische Instrumente, die ein schwaches Licht von sich gaben. Zumindest in meiner unmittelbaren Umgebung konnte ich kein bekanntes Gesicht ausmachen. Außer einigen Schnarchgeräuschen und einem leichten Brummen herrschte absolute Ruhe in der Halle.

 
Das schwache Licht rührte von einer großen Doppeltür, die aus der Halle in einen Flur zu führen schien. Graue schmucklose Wände zeichneten sich im Türrahmen ab. Über allem lag ein Geruch nach Moder und Krankenhaus, als hätte man eilig versucht, einen lang im Verborgenen liegenden Raum mit dem typischen Krankenhausgeruch zu benetzen. Herausgekommen war ein Aroma, das mir tiefst zuwider war, aktuell aber das kleinere Übel darstellte.

 
Bekleidet war ich nur mit meiner Unterhose und Socken. Ein Jammer. Hätte ich gewusst, wie der Tag enden würde, hätte ich die gute Garnitur aus dem Schrank gezogen, statt dem alten Zeug. Ohne Waschmaschine wurde man aber auch in der Wahl der Kleidung weniger wählerisch, dabei hatte mich meine Mutter immer gewarnt, dass so etwas passieren könnte. Was wohl aus meiner Mutter geworden war? Zum ersten Mal kam ich überhaupt dazu, mir die Geschehnisse durch den Kopf gehen zu lassen. Wenn mir Beethafen keinen Beetbären aufgebunden hatte, dann passierte die Scheiße im ganzen Land. Nicht nur meine Mutter war dann betroffen, sondern auch meine Schwester, meine Nichten und Freunde. Zumindest die, die jetzt nicht selbst mordend und Menschen fressend durch die Gegend liefen.

 
Jetzt war aber keine Zeit für Trauer. Ich musste wissen, wo ich mir hier befand und wo sich meine Familie aufhielt. Zumindest der Teil davon, der hoffentlich noch übrig war. Jede Reise startet mit einem kleinen Schritt und in meinem Fall war das mich aus diesem Bett zu erheben, was sich als nicht so einfach herausstellte. Ein Stich in der Seite und davon ausgehende Schmerzwellen erinnerten mich gepeinigt an meine Verletzung und daran, dass sie wohl noch nicht ausgestanden waren.

 
Den Bemühungen zum Trotz zwangen mich die Qualen keuchend zurück auf die Matratze. So wartete ich, bis sich der Wundschmerz wieder legte  und begutachtete die Wunde. Ein Verband wurde mir angelegt, unter dem eine Binde die Wunde direkt bedeckte. Die Blutung musste entweder von dem Sanitäter oder spätestens hier gestillt worden sein, der Verband fühlte sich nämlich trocken an. Dieses Mal die Schmerzen erwartend wagte ich einen erneuten Anlauf und kam dieses Mal sogar auf die Füße.

 
Wieder wogten Wellen von der Hüfte aus durch den Körper und wieder schrie alles in mir mich wieder auf das Bett zu legen. Den inneren Schweinehund ignorierend glitt ich mit dem Hintern von der Matratze und spürte den harten kalten Boden unter mir. Erst wacklig, dann immer sicherer setzte ich einen Fuß vor den anderen und nach einigen Schritten bildete ich mir ein, dass die Schmerzen langsam nachließen. Schritt für Schritt näherte ich mich dem erleuchteten Rechteck und erkannte immer mehr Details.

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