Montag, 24. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 19

Halb verblasste bunte Linien waren auf den Boden gezeichnet, von denen eine rote in die Halle mit den Betten führte. Die anderen verliefen weiter den für mich noch unsichtbaren Flur hinunter. Beim näherkommen stellte ich fest, dass die grauen Wände sicher einst weiß gewesen waren. Die grau erscheinende Färbung rührte von Dreck und Spinnweben, die wie ein schmutziger Vorhang an vielen Stellen hingen. Manchenorts zierten gar Löcher den Putz und gaben den Blick auf die darunter liegenden Ziegelsteine frei, über denen ein verrostetes Gitternetz lag. Neben dem roten Strich hatte ich noch die Auswahl zwischen blau, grün und gelb. Meiner ersten Eingebung folgend wählte ich die grüne Linie als zu verfolgendes Ziel aus und machte mich auf den Weg. Um Kraft zu sparen, lehnte ich mich beim gehen an einer Wand an und biss gegen die Schmerzen einfach weiter die Zähne zusammen.
 
Der Flur schien kein Ende zu nehmen. Ohne erkennbare Öffnungen zog er sich weiter dahin und alle paar Meter erleuchtete eine Lampe den weiteren Weg, sofern die Leuchtkörper darin nicht durchgebrannt oder defekt waren. Manche flackerten einfach nur unstet, oder gingen aus und an wie es ihnen gerade zu passen schien. Die unregelmäßige und teils flackernde Beleuchtung machte es mir auch nicht gerade einfacher, den weiteren Verlauf des Wegs zu erkennen..Von Zweifeln geplagt und im Glauben, dass das alles eine schlechte Idee gewesen war und ich wieder umkehren sollte, sah ich eine Öffnung, die vom Flur wegführte. Dass die blaue Linie und nicht die grüne hinein führte, ignorierte ich geflissentlich, als ich dahinter endlich menschliche Laute wahrnahm.
 
Hinter dem Durchlass verbarg sich ein weiterer Flur, von dem auf beiden Seiten in geringen Abständen hässlich grüne Türen abzweigten, von denen der Lack ebenso blätterte wie der Putz von den Wänden. Die meisten waren geschlossen, aber gleich aus der ersten zu meiner Linken fiel ein Lichtschein auf den nur schwach erleuchteten Gang. Ohne zu zögern, oder mir Gedanken darüber zu machen, wem ich dort begegnen könnte, setzte ich meinen Weg fort.
 
An der ersten Tür angekommen lugte ich vorsichtig um die Ecke und sah zwei junge Männer über ein Schachbrett gebeugt. Tief in ihr Spiel versunken saßen sie da und schenkten mir keine Aufmerksamkeit. Fünf Doppelbetten waren in dem Raum aufgestellt und nur alte verrostete Spinde schenkten dem Raum zumindest ansatzweise so etwas Ähnliches wie optische Abwechslung.
 
Der mir Abgewandte hatte dunkles, volles Haar und sah zumindest von hinten eher südländisch aus. Nur ein weit ausgeschnittenes Unterhemd verdeckte seinen Oberkörper und gab den Blick frei auf seinen braungebrannten muskulösen und übermäßig behaarten Oberkörper. Sein Gegenüber hätte unterschiedlicher nicht ausfallen können. Eher dünnes blondes Haar bedeckte den schmalen Kopf und das olivgrüne Shirt bedeckte einen eher wenig trainierten Körper.
 
Zaghaft hob ich zu einem Räuspern an, bis ich genügend Aufmerksamkeit erregt hatte und der Blonde seinen Kopf hob und in meine Richtung sah. Seine Augen weiteten sich und mit offenem Mund starrte er mich an. Das war auch das Signal für sein Gegenüber, der jetzt den Kopf drehte und mich ebenfalls ansah, als hätte er einen Geist gesehen. Davon dann doch etwas verunsichert, brachte ich nur ein zaghaftes ‚Hallo‘ heraus. Während der Schmächtige noch immer starrte und im Gesicht rot wurde, fuhr sein Gegenüber herum.

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