Freitag, 7. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 2



Die Ausgabestelle befand sich ungefähr 15 Minuten von unserer Wohnung entfernt. Die LKWs waren auf dem ehemaligen Parkplatz eines Discounters aufgebaut und schon von weitem die davor wartende Menschentraube sichtbar. Das Einkaufszentrum lag etwas außerhalb auf ebener Fläche, umgeben von einigen Discountmärkten, die schon zwei einiger Zeit keine Waren mehr führten. Nur wer noch über Benzinmarken verfügte, reiste mit eigenem Auto an, so dass der Großteil an diesem Tag zu Fuß dorthin pilgerte.

Schon ein paar hundert Meter davor hatten sich Menschentrauben gebildet, die mehr oder weniger stumm zusammengefunden hatten und sich misstrauisch begegneten. Aus den Augenwinkeln wurde gemustert und abgewogen. Wer nicht ins Bild passte, wurde ausgesondert und wie ein Fremdkörper unmerklich aus den Gruppen ausgestoßen. Die so gekennzeichneten marschierten alleine weiter und versuchten sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. 

Auch wir hatten uns in eine Gruppe eingegliedert, in der ich zwei mir bekannte Gesichter ausgemacht hatte. Ein Nachbar und der Vater eines mit meinem Sohn befreundeten Jungen marschierten stumm nebeneinander her und reagierten nur müde und zurückhaltend auf meinen Gruß. Die Gruppe bot Sicherheit und gab ein seltsames Gefühl von Schutz, obwohl wir uns eigentlich nicht bedroht fühlten. Aufgeregt liefen die Kinder neben uns und prahlten mit fiktiven Erlebnissen und Geschichten über Monster, die sich bei Gesprächen ihrer Eltern aufgeschnappt hatten. In den Gesichtern der herumtollenden Mädchen und Jungen schien sich die wärmende Herbstsonne widerzuspiegeln und zauberten nicht wenigen auf dem Weg ein Lächeln in das grimmige Gesicht.

Am Ausgabepunkt angekommen, drängelten sich die ersten um die begehrten vorderen Plätze in der Reihe. Bei den ersten Lieferungen wurde wenig Abwechslung im Speiseplan geboten und nur die vorausschauende Lagerhaltung meiner Frau brachte Abwechslung in den kargen Speiseplan. Vor allem Konserven mit klangvollen Namen, aber meist gleich schmeckendem Inhalt wurden unter die Leute gebracht, dazu Reis, Kondensmilch und Hülsenfrüchte aus der nationalen Nahrungsreserve.

Vor den Ausgabepunkten hielten wie die Male zuvor schwarz gekleidete Sicherheitskräfte die Anwesenden zurück und blickten grimmig in die Menge.
Nun soll man nicht nach Äußerlichkeiten gehen, aber die bei diesen Schwarzhemden tätigen Männer und Frauen sahen alles andere als Vertrauen erweckend aus. Es war nicht nur der grimmige Blick, vielmehr war es ihre ganze Ausstrahlung, die Überheblichkeit und nicht selten Verachtung auszudrücken schien. Erst bei der letzten Ausgabe verlor ausgerechnet eine Frau die Beherrschung und hämmerte den Kolben ihrer Waffe in das Gesicht eines Wartenden, der die nur zäh ablaufende Ausgabe lautstark zu kommentieren versuchte.

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