Dienstag, 25. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 20

“Was machen Sie denn hier?”, fuhr mich der Braungebrannte forsch an und erhob sich gleichzeitig aus seinem Stuhl.
 
“Das wollte ich euch gerade fragen.”, entgegnete ich so beherzt ich konnte und versuchte mir die vorhandene Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.
 
“Sie dürfen nicht hier sein.”, setzte jetzt der Schmächtige nach und erhob sich ebenfalls demonstrativ. Damit kam auch die Beinkleidung besser zur Geltung, die sich in beiden Fällen als topmoderne Militärkleidung herausstellte. Im Schnitt etwas zu viel Spiel, aber dafür unglaublich praktisch im Gefecht. Um den Ersteindruck zu verstärken und quasi zu unterstreichen, hielt er plötzlich und doch relativ unerwartet ein Sturmgewehr in seinen Händen. Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass mir dessen Anwesenheit bis zu jenem Moment verborgen geblieben war.
 
Dass ich in diesem Moment mit meinem Verband, der alten Unterhose und den abgetragenen Socken keine große Bedrohung dargestellt hatte, kam mir auch nicht in den Sinn. Direkt in den Lauf eines Sturmgewehrs zu schauen, das von einem ängstlich dreinschauendem Jungspund mit zitternden Händen gehalten wird, weckt in solchen Momenten eher Gedanken wie „Scheiße, das war’s jetzt. Der pustet dich weg.“
 
“Sie dürfen nicht hier sein.”, wiederholte er stattdessen relativ ungerührt, aber hob das Gewehr dabei ein Stück weiter an. .
 
“Beruhige dich, Manfred. Ich hab gesehen, wie er rein gebracht wurde. Ich glaube unser Gast hat das Beste verschlafen und keine Einweisung erhalten.”, hob der Dunkelhaarige an, während er sanft den Gewehrlauf seines Kameraden nach unten drückte.
 
Jetzt entspannten sich auch die Gesichtszüge seines Schachpartners und ich würde lügen, würd ich behaupten, dass es mir in dem Moment anders ging. Mangels eines Spiegels in diesem Moment kann ich das aber leider nicht verifizieren. Immerhin bewahrte mich die aufkommende Entspannung vor einer noch größeren Peinlichkeit, die sich im letzten Augenblick meines Lebens sicher noch angekündigt hätte. Vielleicht war es der Gedanke daran, oder einfach der von mir abfallende Ballast, aber ich musste plötzlich laut loslachen. Es war, als wäre plötzlich alles von mir abgefallen und die Erleichterung sich auf einen Schlag ein Ventil gesucht hatte, aber Tatsache ist, ich stand da vor zwei Soldaten in Unterhose und Socken und lachte. Meine Hüfte stach und schmerzte, aber ich lachte so herzlich wie schon lange nicht mehr.
 
Erst standen sie ratlos da, sahen mich an, sahen sich an und irgendwann stimmte der Dunkelhaarige in das Gelächter mit ein. Das jetzt doppelt so ratlose Gesicht von Manfred verstärkte den Lachzwang immer weiter und erst als mich die Schmerzen zu übermannen drohten, arbeitete ich ernsthaft daran, den Ansturm zu unterdrücken. Immerhin nahmen sie mir gegenüber jetzt eine freundlichere Haltung an, auch wenn der Schmächtling noch immer nicht wusste, was eben in uns gefahren war.
 
“Sie wurden vor ungefähr 14 Stunden rein gebracht. Das war in meiner Schicht, deswegen erinnere ich mich an Sie.”, erklärte der Braungebrannte, während er mit einer Hand ausholte und auf einen freien Stuhl deutete. Der war ursprünglich mal blau gewesen, war aber wie das Meiste hier von einer dicken Staubschicht bedeckt und überall blätterte die Farbe ab. Insgesamt ein eher trauriger Anblick, genau wie alles andere, was ich bisher zu sehen bekam.

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