Mittwoch, 26. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 21

Meinen skeptischen Blick bemerkend, legte Manfred sein Gewehr zur Seite und nahm einen Lappen zur Hand, um den Stuhl wenigstens vom gröbsten Schmutz zu befreien. Dem Schmutz darauf zu urteilen, wurde der bereits für mehrere Gegenstände in dem Raum genutzt und hatte seitdem kein Wasser gesehen. Trocken und eher hastig wischte er über die Fläche und hinterließ dabei schwarze Streifen, die ihn aber nicht so sehr zu stören schienen. Seinem Blick folgend nahm ich Platz und wurde erneut von Schmerzen in meiner Hüfte gepeinigt. So gut es ging, versuchte ich die Schmerzen zu unterdrücken und setzte ein möglichst teilnahmsloses Gesicht auf, bevor ich mich den Beiden zuwandte.
 
“Das ist alles schön und gut, aber wo sind wir hier?”
 
“Das hier ist ein alter Bunker”, setzte der muskulöse Typ an “der wahrscheinlich in den Sechzigern gebaut wurde. Seit ein paar Jahren wird er nicht mehr gewartet, deswegen schaut’s hier aus wie Arsch. Wenn’s gut läuft, sind wir aber eh bald wieder raus.”
 
Natürlich, ein Bunker. Deswegen auch die vollständige Abwesenheit von Fenstern. Während der 50er und 60er Jahre wurde meistens unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Bau von Bunkeranlagen vorangetrieben, um im Falle eines Kriegs einem Teil der Bevölkerung Zuflucht zu bieten. Dass hierzulande der Ausbau weit hinter dem Ausbau zum Beispiel in der Schweiz zurückstand, ist da angesichts dessen, dass zum Glück die Säbel nur rasselten, aber nicht geschwungen wurden, nur eine unwichtige Fußnote der Geschichte. Nach dem Ende des Kalten Kriegs endete auch die Pflege und Wartung der Bunkeranlagen. Wo zuvor noch regelmäßig Übungen abgehalten und Vorräte erneuert wurden, begannen der Rückbau, Plünderungen und der Verfall. Einige der Anlagen gingen in private Hand über, einige andere wurden zu Anschauungsmaterial darüber, was den glücklichen zwei bis drei Prozent, die sich in solche Anlagen hätten flüchten können, bevorgestanden wäre. So gesehen war der erbärmliche Zustand dieser Anlage ja sogar noch ein Glücksfall, was aber meine Anwesenheit noch lange nicht erklärte.
“Und wie komm ich hier her?“, setzte ich also nach, um mir darüber Klarheit zu verschaffen.
 “Sie kamen mit einem Konvoi. Sie wurden wohl in einer Auseinandersetzung mit den PSGs verwundet. Die genauen Umstände kenne ich auch nicht, das ist aber auch nicht mein Job. Aber sie hatten verdammtes Glück. Die Jungs, die nochmal rausgefahren sind, sind nicht wieder zurück gekehrt. Der Kontakt riss plötzlich ab”, wiegelte er ab.
 
Das tat mir leid und der Gedanke, dass einige unserer Retter darunter waren, die während ihrer Pflichterfüllung den Tod fanden, war natürlich dramatisch. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sie zu einer Mission aufgebrochen waren, bedrängte und verletzte Menschen zu bergen und zu retten. Trotzdem trieb mich im Moment ein anderer Gedanke um:
 
“Was ist mit meiner Frau und meinem Sohn?”
 
“Ach, stimmt, die klebten ja an ihnen wie Kletten”, antwortete der Muskulöse mit einem süffisanten Grinsen.

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