Donnerstag, 27. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 22

Weder meine Frau, noch mein Sohn sollten als Kletten bezeichnet werden. Zorn und Traurigkeit zogen in mir auf und von einer Sekunde auf die andere war ich ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Jedes Wort wäre jetzt zu einer tödlichen Spitze mutiert und nur schwer konnte ich mich angesichts meiner Situation zurückhalten, diese Aussage mit einer adäquaten Antwort zu bedenken. Also erwiderte ich seinen verbalen Auswurf mit einem bösen Blick, den er anfangs noch geblendet von seinem Stolz und Überlegenheit ungerührt zur Kenntnis nahm. Er als ihn die anklagenden Blicke seines blonden Gegenübers trafen, merkte er, dass er zu weit gegangen war, hob abwehrend die Hände und setzte fort.
“Entschuldigung. War nicht so gemeint. Also, wir mussten die Beiden gewaltsam von Ihnen wegziehen. Aber andernfalls hätten Sie nicht verarztet werden können. Sie haben echt übel ausgesehen, das kann ich Ihnen sagen.”
Langsam hatte ich genug von seinem Gerede. Mich interessierte jetzt nur eins. Auch wenn mein Ärger schon wieder etwas geschwunden war, war noch genügend Zunder vorhanden und meine Geduld aufgebraucht. Man darf auch nicht vergessen, dass sich meine Verletzung auch nicht sonderlich gut angefühlt hat. Da möchte ich wirklich mal jemand Anderen sehen, der massiven Blutverlust hinnehmen musste, höllische Schmerzen verspürt und sich nur in Unterhose und Socken bekleidet von einem Jungspund anhören muss, dass seine Familie wie Kletten an einem hing. 
Vor dem Hintergrund erscheint es hoffentlich nachvollziehbar, dass ich nicht so richtig ruhig bleiben konnte und ihm die nächsten Worte wutentbrannt ins Gesicht brüllte: “Und wo sind sie jetzt?”
“Ach so, ja, beruhigen Sie sich, Mann. Die sind im Familienbereich. Sie sind hier in den Soldatenquartieren und dürften eigentlich gar nicht hier sein. Das hier ist ein Bereich mit militärischem Status nach irgendeinem Recht. Keine Ahnung, ist jetzt aber auch egal. Der Familienbereich liegt auf jeden Fall weiter den Gang hinab. Dazu folgen Sie einfach der gelben Linie. Die grüne führt übrigens in den Versorgungsbereich. Dort wurde auch die Einsatzzentrale eingerichtet. Aber an Ihrer Stelle würd ich heute nicht weiterlaufen.”, sprach der Dunkelhaarige erneut und deutete auf meinen Verband.
Obgleich er mich langsam ankotzte, folgte ich seinem Blick und warf einen kurzen Blick auf das Verbandsmaterial. Der reichte aber schon aus, um den Sinn seiner Worte zu verstehen, so dass der nächste Blick etwas länger wurde. Wo sich zuvor noch blütenweißes Verbandsmaterial über meine Haut spannte, war es jetzt blutrot. So stark war die Blutung, dass das Blut an einer Stelle bereits aus dem Verband heraustrat. Sofern mir der Sanitäter noch einmal über den Weg gelaufen wäre, hätte ich mit ihm ein ernstes Wort reden müssen.
Als erstes löste sich Manfred aus seiner Starre, sprang auf und stürzte zu einem halb offen stehendem Spind. Dort zog er ein kleines Handtuch hervor, warf es mir zu, murmelte etwas von einem Doc und lief davon. Zurück blieben zwei Männer, die sich nicht mehr viel zu sagen hatten. Dazu kam, dass ich jetzt auch noch seinen mitleidigen Blicken ausgesetzt war. Dabei fühlte ich mich nicht wirklich wohler. War er mir zuvor schon unsympathisch gewesen, würde ich lügen, wenn ich behaupten würde, dass ihn mir seine gespielte Anteilnahme in irgendeiner Form sympathischer gemacht hatte. Vielleicht tat ich ihm auch bloß Unrecht, aber die Minuten neben ihm auf dem Stuhl waren für uns beide keine angenehme Erfahrung und bestanden im Großen und Ganzen darin, hin und wieder einen betretenen Blick auszutauschen. Das Handtuch hatte ich derweil auf die Wunde gedrückt und spürte, wie es sich langsam mit Blut vollsog, was mich durchaus mit etwas Nervosität erfüllte. Kam ich in dem Dom kaum dazu, mir darüber Gedanken zu machen, war es hier etwas anderes. Man hält ja nicht jeden Tag ein Handtuch an seine Hüfte, das sich mit dem eigenen Blut vollsaugt.

Kommentare:

  1. Hi,

    letzter Absatz: "Zurück blieben zwei Männer, die sich mehr viel zu sagen hatten." Da fehlt glaube ich ein "nicht".

    mfg Thex

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