Freitag, 28. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 23

Auf dem Gang hallende Schritte rissen mich aus meinen Überlegungen. Zuerst erschien Manfred im Türrahmen, trat dann aber gleich zur Seite und machte Platz für einen älteren Herrn in Weiß, der mir sehr nach Arzt aussah. Der Kittel war zwar eher eilig übergeworfen worden, die Haare standen zerzaust in alle Richtungen ab und das Hemd stand halb aus der Hose heraus. Und doch war er für mich in diesem Moment eine engelsgleiche Erscheinung. Vor allem sein mitgebrachter Koffer versprach Heilung und Linderung der Schmerzen.  
 
Machte er eben noch einen unausgeschlafenen Eindruck, war der müde Blick in dem Moment aus seinen Augen verschwunden, als er anfing, den blutenden Verband zu lösen. Ihm war förmlich anzusehen, wie sich seine Sinne auf die bevorstehende Behandlung zu fokussieren schienen und sein Gehirn vom Standby auf Volllast umschaltete. Statt mich mit Vorwürfen zu bombardieren, blieb er sachlich beruhigend und ließ sich von den beiden anwesenden Soldaten assentieren, während er noch vor Ort alle notwendigen Schritte unternahm, um die Blutung zu stillen. Gegen die Schmerzen spritzte er mir eine klare Flüssigkeit, die sogleich Linderung brachte. Neben den Schmerzen lähmte sie auch meine Zunge und warf mich in einen seltsamen Zustand. Zwischen schlafen und wachen, drangen seltsame Stimmen und Bilder in meinen Kopf. Später erinnerte ich mich nur noch bruchstückhaft an das, was in den Minuten oder Stunden mit mir geschah. Was auch immer der Arzt mit da gespritzt hatte, es schickte mich auf einen seltsamen Trip, aus dem ich gerädert auf meiner Pritsche in der Halle erwachte.
 
Obwohl meine Augen geschlossen waren, erkannte ich, dass die Halle mittlerweile erleuchtet war. Hin und wieder verschwand das Licht für kurze Zeit hinter einem Schatten und prallte dann wieder auf meine geschlossenen Lider. Noch verspürte ich keinerlei Verlangen sie zu öffnen und dem grellen Licht auszusetzen. Alles in mir schrie danach, mein Heil im Schlaf zu suchen und einfach nie wieder aufzuwachen. Einfach weiter dort liegend und darauf hoffend, dass sich die Welt einfach um mich herum weitergedreht hätte.
 
Mit zunehmender Dauer schwand das Gefühl und wurde durch das Verlangen ersetzt, endlich meine nähere Umgebung bei Licht zu erkunden. Erst nur ein schnelles Zwinkern. Licht brannte in meinen Augen, konnte mich aber nicht von einem zweiten Zwinkern abhalten. Mit jedem Augenaufschlag wurde ich weniger geblendet und schon bald erkannte ich Schemen, die um mein Bett herum saßen. Als sich mein Blick schließlich soweit geklärt hatte, dass ich Details wahrnehmen konnte, erkannte ich in den Schemen meine Frau Martina und unseren Sohn Alexander. Mit Tränen in den Augen schloss ich sie in die Arme.

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