Samstag, 8. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 3

Auch der vor dem Laster stehende Glatzkopf gehörte zur Kategorie derer, denen man nicht zwingend im Dunklen begegnen möchte. Eine Narbe zierte seine Wange und lief gerade über das ganze Gesicht bis kurz unter das linke Auge, das nervöse zuckte, während die Menschentraube anwuchs und leise erste Unmutsbekundungen geäußert wurden. Erst als eine dunkelhaarige kurzgeschorene Kollegin vortrat und die Plane des Wagens aufschlug kehrte etwas Stille ein und das zuckende Auge beruhigte sich wieder. 

Wie selbstverständlich reihten wir uns die Reihe der Wartenden ein und wie immer hoffte ich auch dieses Mal, dass die Vorräte für alle reichen würden. Natürlich dachte ich in erster Linie an uns selbst. Mitgefühl können wir uns mittlerweile nicht mehr leisten. Nicht, wenn man ein Kind zu ernähren hat und sich nie sicher sein kann, ob und wann die nächste Nahrungslieferung erfolgen wird.

Als ich einen Blick auf die Ladefläche werfen konnte, verflüchtigten sich meine Ängste. Kisten mit verschiedensten Lebensmitteln stapelten sich dahinter und sogar Obst war dieses Mal darunter. Rote Äpfel strahlten aus offenen Obstträgern und machten mir den Mund wässrig. Man hatte wohl Ernter organisieren können, die die reifen Früchte von den Bäumen pflückten. Der Duft frisch gebackener Backwaren lag in der Luft und verdrängte für einen Moment die Körpergerüche einiger hundert Menschen, die unter dem Mangel von Hygieneartikel zu leiden hatten.

Auch andere bemerkten die angenehme Abwechslung auf dem Speiseplan und erleichtertes Gemurmel ging durch die Menge. Es war, als würde der Anblick frischen Obsts und Backwaren den Menschen Hoffnung schenken. Hätte mir das jemand vor einigen Monaten erzählt, hätte ich ihn auf der Stelle ausgelacht. Zu selbstverständlich waren Überfluss und ständig verfügbare billige Lebensmittel.

Aber hier und heute war ich Zeuge, wie erwachsene Männer wegen eines Apfels sprichwörtlich eine Freudenträne vergossen. Aus dem Gemurmel entstanden erste vorsichtige Gespräche und von einem Moment auf den anderen war es so, als wären Lebensgeister geweckt worden, die tagelang lethargisch vor sich hin vegetierten. Selbst die Schwarzhemden wurden von dem Stimmungsumschwung angesteckt und entlockte den Betonfressen ein angedeutetes Lächeln, das dem einen oder anderen geradezu karikatureske Gesichtszüge verlieh.

Beruhigt nahm ich zur Kenntnis, dass die Vorräte nur langsam schrumpften, als wir uns der Ausgabe näherten. Es war also der beste Tag seit langem.

Dann kamen die “anderen”.

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