Montag, 10. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 5


Das Geheul war schon verstummt und nur noch das Geschrei der Menschen und die automatischen Waffen des Wachpersonals schallten über das Feld. Fast gespenstisch leise bewegten sich dagegen die Angreifer. Wie auf Samtpfoten sprinteten sie über den harten Asphalt und hielten auf uns zu. Über unseren Köpfen schwirrten Geschosse in Richtung der Monster und rissen blutige Löcher in ihre seltsam deformierten Körper.

Doch nicht nur unter den Angreifern waren Verluste auszumachen. Die Schwarzhemden machten sie keinen Unterschied zwischen Fliehendem und Angreifendem. Dutzende Menschen fielen unter dem Knattern der automatischen Waffen. Männer, Frauen und Kinder fielen denen zum Opfer, die ich eigentlich auf unserer Seite sah. Es war ein furchtbares Blutbad.

Dabei hatten die, die von Kugeln getroffen wurden noch Glück. Die weniger Glücklichen fielen den “anderen” in die Hände und wurden buchstäblich in der Luft zerrissen. Die Gerüchte waren kaum übertrieben. Die zu Hauer gewachsenen Zähne bohrten sich in das Fleisch unschuldiger Menschen. Fleischfetzen wurden mit einem schmatzenden Geräusch aus den Körpern gerissen und ohne zu kauen verschlungen.

Wieder und wieder schlugen die spitzen Zähne in das warme Fleisch, aus dem sich Blutströme über die Angreifer und den trockenen Boden ergossen, bevor Opfer und Aggressor von Feuerstößen getroffen zusammensackten. Nur 50 Meter vor uns erkannte ich unseren Nachbarn Horst, mit dem ich eben noch in einer Gruppe zusammen gegangen war. An seiner Hand war seine fünfjährige Tochter. Ein kleiner blonder Engel mit roten Schleifen im Haar. Hektisch ging sein Blick, während er versuchte, den angreifenden Wesen zu entkommen. Das Mädchen heulte lautstark, wurde aber von ihrem Vater panisch hinter sich her geschleift. Eine Schleife hatte sich gelöst und flatterte im Herbstwind. Nur noch wenige Meter waren die Monster von ihm entfernt, aber eine Salve riss zwei Angreifer zu Boden.

Für einen Moment sah es gut aus. Statt über ihn herzufallen, wandten sich die Angreifer einer jungen Frau zu, die seinen Weg kreuzte und kopflos in die andere Richtung rannte. Ein Hieb durchdrang ihren Unterleib. Von hinten in den Körper getriebene Krallen kamen an der Vorderseite wieder zum Vorschein. Ihr Lauf stoppte und ungläubig sah sie mit aufgerissenen Augen an sich herab. Wie zum Hohn winkten ihr die Blut besudelten Finger zu, bevor sich von hinten Zähne in ihren Hals gruben. Noch bevor sie schreien konnte, wurde ein Großteil des Halses herausgerissen und für einen Moment schien der Kopf auf der nackt daliegenden Wirbelsäule zu schweben.

Angeekelt wandte ich meinen Blick ab und hielt wieder nach meinem Nachbarn Ausschau. Unter mir hörte ich meinen Sohn protestieren. Auch er wurde von Heulkrämpfen geschüttelt, aber ich vertraute in dem Moment meiner Frau, wollte nicht die Umgebung aus dem Auge verlieren. Tatsächlich fand ich ihn wieder und er hatte erfolgreich einen Teil des Weges hinter sich gebracht. Auf dem neben der Bundesstraße liegenden Fußweg rannte er in Richtung der Stadt zurück. Die Bundesstraße war auf beiden Seiten abfällig, so dass der Weg etwas unterhalb der Straße verlief. Die dünne Herbstjacke schlackerte an seinem Körper und das Mädchen konnte immer schwerer Schritt halten. Für eine Sekunde sah es aber so aus, als hätten sie es geschafft. Dann passierte etwas, mit dem zumindest ich nicht gerechnet hatte. Wie aus dem Nichts tauchte auf der Straße im Rücken von Horst eine Gruppe der „anderen“ auf. Lautlos wie zuvor glitten sie unbemerkt von den Fliehenden auf den Weg und schlossen schnell zu ihnen auf.

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