Mittwoch, 12. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 7



Obwohl die Lage sich nicht unbedingt zum besseren entwickelte, lag ich immer noch schützend auf meiner Frau und meinem Sohn. Verzweifelt versuchte ich so gut es ging meinen Sohn von den Geschehnissen abzuschirmen. Doch selbst ohne die schrecklichen Bilder waren da noch die Geräusche, die einem Soundtrack zur Apokalypse gleich kamen: schreiende Menschen, Maschinenpistolenfeuer, das Geheule der Angreifer, reißendes Fleisch und Sterbende, die nicht lautlos aus der Welt treten wollten. Eine Kakophonie des Grauens und wir mitten drin.

Einige wenige wollten sich nicht ihrem Schicksal ergeben und bekämpften die Aggressoren mit bloßen Händen. Meist erfolglos - neben ihren Veränderungen wirkten die “anderen” physisch klar im Vorteil. In den meisten Fällen ein ungleicher Kampf. Selbst wenn eine  Faust ihr Ziel fand, wirkte das Ergebnis meist ernüchternd. Wer kämpft kann verlieren, aber wer nicht kämpft hat schon verloren. Der beliebte Toilettenspruch spukte mir warum auch immer in diesem Moment im Kopf herum und manifestierte sich langsam zu einem Vorhaben.

Doch von einem Moment auf den anderen verstummten die Waffen. Erschrocken sah ich nach hinten und erwartete bereits, dass die Wachmänner überwunden, oder geflohen waren und wir als nächste Mahlzeit herhalten müssten. Stattdessen standen sie da oben, erschöpft mit hängenden Köpfen und einer Miene, die mit Schauer über den Rücken jagte. Manch einer wirkte, als würde er sein Gewehr im nächsten Moment gegen sich selber richten. Nur noch die Schreie der Verletzten und Sterbenden hallte über den leeren Parkplatz. In einiger Entfernung sah ich einige der “anderen”, wie sie sich endgültig zurückzogen. Offensichtlich hatten sie genug.

Es ist im Nachhinein immer schwer zu beurteilen, aber gefühlt lag ich da noch eine Ewigkeit und wagte es nicht, mich zu erheben, oder mein Kind diesem Anblick auszusetzen. Vor uns, hinter uns, neben uns, einfach überall war ein Schlachtfeld, das an Grausamkeit kaum zu überbieten war. Abstrakt erscheinende Bilder aus Kriegsgebieten schossen mir in den Kopf und offenbarten sich mir in ihrer grausamen Realität. Was noch Wochen zuvor Millionen Lichtjahre entfernt schien, war hier und heute eingetreten.

Immer mehr erhoben sich und wer noch nicht geflohen und unverletzt war, versuchte bei den Verletzten so gut es ging erste Hilfe zu leisten, während die Uniformierten weiter die Gegend sicherten. Auch meine Frau drängte mich, endlich die Umklammerung zu lösen und mitzuhelfen, und nur langsam konnte ich meine Furcht überwinden und gab schließlich meine Familie frei und überantwortete sie dem Grauen, um anderen zur Hilfe zu eilen.

Die Frage, ob ich meinem Sohn das Massaker zumuten konnte, erwies sich als obsolet. Meine Abschirmung hatte bei weitem nicht so gut funktioniert, wie ich gehofft hatte. Heulend klammerte er sich an seine Mutter und presste sich mit ganzer Kraft an ihren Körper, als würde ihn das von der Unbill der Welt beschützen. So sehr ich ihm auch beigestanden wäre, empfand ich es doch als meine Pflicht, den Verletzten beizustehen und löste mich von ihnen.

Die meisten Wunden waren tief und wer noch am Leben war, hatte viel Blut verloren. Die Blutung zu stillen erwies sich in diesen Fällen als schwer, oder gar hoffnungslos. Verbandsmaterial war knapp und die wenigen Autos wurden nach Erste Hilfe-Kästen durchwühlt, sofern sie nicht bereitwillig von ihren Eigentümern herausgegeben wurden. Von denen, die noch am Leben waren. Allein die Schwarzhemden weigerten sich ihr Material mit anderen zu teilen. 



Sofern die Blutung nicht gestillt werden konnte, standen die Chancen natürlich außerordentlich schlecht. Unter meinen eigenen Händen starb eine knapp 30jährige Frau, nachdem ich ihr versprochen hatte, dass alles gut werden würde. Ihr blondes Haar war von ihrem eigenen Blut verkrustet, eine tiefe Fleischwunde klaffte auf ihrer Schulter. Selbst der Schulterknochen war unter dem Gebiss eines PSGs zermalmt worden. Der dazugehörige Arm hing leblos an ihr herab und ihre einst sicher hübschen Lippen waren blau angelaufen.

Mit zitternden Lippen klagte sie über kalte Füße und ich wickelte sie in meine wärmende Jacke, während ich ihr weiter Mut zusprach. Für einen Moment schenkte ich einem anderen Verwundeten meine Aufmerksamkeit. Ein junger Mann um die 20, dem die komplette linke Hand abgerissen wurde. Mit einem Gürtel konnten wir die Blutung stillen, eine schnelle medizinische Versorgung war trotzdem unumgänglich. Als ich mich wieder der Blonden zuwandte, war sie bereits von uns gegangen, die Augen geöffnet und mit einem letzten hoffnungsvollen Blick in meine Richtung. Wie ein Hauch meinte ich das Leben aus den Augen entweichen zu sehen und wie sie dabei ihren Glanz verloren.  

Stumm sah ich in die jetzt toten Augen, verlor mich sprichwörtlich in ihnen und konnte mich nicht mehr bewegen. Meine Muskeln versagten mir den Dienst. Plötzlich entlud sich die Angst, der Ekel, die Verzweiflung und ich schrie. Ich schrie aus vollem Hals. Das Schreien ging in ein Brüllen über und im nächsten Moment sank ich heulend zusammen. Das war zu viel für mich. Ich bin kein Held.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen