Freitag, 14. Dezember 2012

Kapitel 1 - Teil 9


Ein plötzlich an schwelendes Geheul hielt den Obergefreiten von weiteren Ausführungen ab.

Erschrocken zuckten wir zusammen als das bereits bekannte Geheule ansetzte und blickten einander verängstigt an. Noch zu deutlich hatten wir die jüngsten Ereignisse vor Augen, die Toten und Verwundeten, das Blut und das Grauen. 

Das Kommando des führenden Unteroffiziers riss uns aus der ersten Starre und ohne dass es eines weiteren Wortes bedurfte, beschleunigten wir unseren Schritt und suchten Deckung in Richtung der nächst gelegenen Häuser. Ein kleiner Hügel lag vor uns, auf dessen Rücken ein alter Dom aus dem 13. Jahrhundert stand. Gemäuer, die Kriege und Feuersbrünste überstanden hatten und wie eine mittelalterliche Trutzburg über die umgebenden Häuser wachte. Der Kirchturm ragte wie ein mahnender Finger in den Himmel, Raben drehten ihre Runden Wolken legten sich langsam vor die wärmende Herbstsonne, um die Aussichtslosigkeit dezent zu unterstreichen.

Aus dem Geheule wurde ein klagender Gesang, der einem jeden der Anwesenden Schauer über den Rücken jagte und meine Gedanken wieder auf die Bedrohung forcierte. Der schnelle Marsch ging fast nahtlos in einen Laufschritt über. Kinder, die nicht mehr laufen konnten, wurden hochgehoben, oder brutal hinter sich her gezogen. Als mein Sohn starr vor Angst einfach stehen blieb, landete er auf meiner Schulter. Später würden wir hoffentlich genug Zeit haben, über die ganze Scheiße zu reden. Das Klappern der Ausrüstung und die Vorräte in den mitgebrachten Taschen und Rücksäcken begleiteten uns auf unserer Flucht. Nicht wenige trennten sich dabei von den eben noch so wichtigen Vorräten, und zogen es vor möglicherweise zu hungern, dafür aber am Leben zu sein.

Ein älteres Pärchen verlor langsam den Anschluss und konnte das Tempo nicht mithalten. Von den Mahlzeiten hatten sie sich bereits getrennt und doch war es nicht ausreichend, mit dem Rest Fuß zu halten. Der weißhaarige unter einer Baskenmütze versteckte Kopf des Mannes war rot wie ein Hummer und Schweißperlen liefen an seiner Seite herab. In Folge trennte er sich von seinem schweren Ledermantel, der platschend zu Boden fiel. Seine mutmaßliche Frau sah kaum besser aus. Ihr weißes Haar hing an strähnigen Locken von ihrem Kopf. Ein zuvor noch getragenes Kopftuch hatte sich schon längst verabschiedet und den ungepflegten Schopf offenbart.

Hatten sich am Anfang noch einige Leute, darunter meine Frau, darum bemüht, sie auf unserer Flucht zu unterstützen, verebbte die Welle der Solidarität, als erneut das Geheul ansetzte und näher als je zuvor schien. Schweren Herzens trennten sich nach und nach alle, die kurz zuvor nach ihnen zerrten und zogen, um mit dem Rest Schritt halten zu können. Der Abstand verringerte sich so immer weiter.

Hektisch brüllte der Unteroffizier in sein Funkgerät und wechselte plötzlich die Richtung. Statt dem Weg um den Berg weiter zu folgen, steuerte er bergauf auf den offenen Stadtplatz zu. Vielleicht nicht der beste Platz sich zu verteidigen, aber dort am Ende des Platzes wachte der Dom über die Stadt.

Dicke Mauern schützten die Gläubigen vor Unbill und gewährten jedem Schutz, der darum bat. Das sah der führende Soldat wohl ähnlich und nahm direkt Kurs auf die schweren Holztüren und fand diese glücklicherweise tatsächlich unverschlossen vor.

Ein gellender Schrei ließ einen Teil der Gruppe herumfahren. Das ältere Ehepaar hatte bis zuletzt verzweifelt versucht mit uns Schritt zu halten, bergauf aber endgültig den Anschluss verloren. Der Schrei kam von der Frau, die mit ansehen musste, wie ihr männlicher Begleiter vor ihren Augen zerfetzt wurde. Zwei Hände hatten sich in die Bauchdecke gegraben und waren gerade dabei sie mit ihren Klauen zu zerreißen. Eingeweide quollen daraus hervor und fielen an ihm herunter.

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