Donnerstag, 31. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 24

Seine Augen waren weit aufgerissen und der Blick ging ins Leere. Seinem Mund entwich ein lauter und kurzer Schrei. So schnell er geschrien hatte, verstummte er auch wieder und sein ganzer Körper verfiel in Zuckungen. Ich wusste echt nicht, was mit dem armen Kerl gerade geschah. Ratlos sah ich in seine Richtung und vergaß für den Moment alles um uns herum.
 
Plötzlich breitete sich ein dunkler Fleck auf seiner Uniformjacke aus, wölbte sich und hindurch brach eine Hand, die sich um sein Herz schloss. Mit einem breiigen Ton zerquetschte die Klaue das empfindliche Organ und zog die Hand schnell zurück. In Folge dessen sank der Körper des Offiziers kraftlos zu Boden und gesellte sich zu den anderen um uns herum liegenden  Leichen. Dahinter kam jetzt der Körper von einem dieser Dinger zum Vorschein. Irgendwie hatte er sich hinter den Leutnant geschlichen und mit ihm kurzen Prozess gemacht, während der damit beschäftigt war, mein beschissenes Leben zu retten. Triumphierend stand er da. Sein Gesichtsausdruck schien mich zu verhöhnen, während er sich das Herz in den Mund schob und genussvoll darauf herum kaute.
 
Wie Kaugummi zog sich die Zeit und wir sahen uns in die Augen. Dort dieses Monster, dass vor wenigen Wochen vielleicht noch ein Teenager war. Reste einer Tarnhose amerikanischen Musters hingen an seinen Füßen, seine Haare klebten blutverschmiert am Körper und Teile eines Shirts mit unleserlichem Schriftzug zierte seinen unmenschlich muskulösen Oberkörper. Von einer Sekunde auf die andere lief die Zeit wieder normal und ich riss mein Gewehr hoch. Die erste Salve ging nur in seinen Oberkörper. Überrascht bäumte sich das Wesen auf, aber schon feuerte ich die zweite Salve und sein Kopf zerplatzte in einer Fontäne aus Blut und Gehirnmasse.
 
Erschöpft blieb ich liegen, von oben bis unten voller Blut und irgendwas hatte sich in meinen Schuhen verfangen. Doch als ich hinter mir ein Geräusch wahr nahm, war ich sofort wieder konzentriert und wirbelte herum. Dass ich dabei auf den Resten von Menschen lag, ignorierte ein großzügiger Teil meines Gehirns. Feuerbereit wies mein Gewehr in die andere Richtung und in das Gesicht eines Kameraden. Markus sah kaum besser auch als ich und sein Arm war helfend in meine Richtung ausgestreckt. Wir hatten sie zurückgeschlagen. Niemand hatte sie gezählt, keiner wusste, wie viel von den Dingern nötig waren, um innerhalb von Minuten um die 100 Menschen zu massakrieren und verdammt, wir wollten es gar nicht rausfinden. Bei der Aktion hatten wir allein 12 Männer und zwei Offiziere verloren. Also fassten wir einen Entschluss.”
 
Wieder wanderte die Flasche an seinen Mund und dieses Mal leerte er sie in einem Zug. Fast schon automatisch bewegte sich meine Hand nach hinten, zog die vorletzte Flasche aus der Verpackung und reichte sie ihm geöffnet.

Mittwoch, 30. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 23

Ich weiß nicht, ob er sich noch beschweren wollte, aber er kam gar nicht dazu. Eine Hand, die irgendwann mal menschlich gewesen sein könnte, schloss sich um seinen Hals und zog ihn in den Flur. Es war wie in einem Horrorfilm. In dem einen Moment schnappt man noch seinen Blick auf und sein Mund öffnet sich um etwas zu sagen, und im nächsten Moment kommt die Hand aus dem Nichts und zerrt ihn davon. Von den zwei mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten wählte ich die bescheuertste und stürmte ihm nach in den Gang hinein.
 
Dort lagen ganze Leichenberge. Zivilisten, Kameraden und unzählige dieser PSGs. Die Opfer waren förmlich ausgeweidet worden, auch mit den Kleinsten hatten diese Wesen kein Mitleid. Einem Baby fehlte die linke Gesichtshälfte. Einem scheiß Baby. Mein Gott, ich persönlich hab die Mutter mit dem Säugling in den Lastwagen gesetzt und ihnen versprochen, dass alles gut werden würde. Ich sehe noch ihr ängstliches Gesicht und ihren hoffenden Blick. Dann sah ich ihr Gesicht erneut und alle Hoffnung war aus dem Gesicht gewichen und hatte dem Schrecken Platz gemacht.
 
Sie hatten der Mutter die Augen und die Zunge rausgerissen. Ich weiß nicht, ob sie dabei noch am Leben war, der Blutmenge nach zu urteilen schon, aber für mich wandelte sich in dem Moment die Angst in Wut und ich sammelte neue Entschlossenheit. Alle diese Eindrücke prasselten in Sekundenbruchteilen auf mich ein. Die Stimme des Offiziers nahm ich wie durch Watte wahr und sprang einfach in den Gang. Mutig, aber dumm. Das Blut nahm mir jeden Halt und ich legte mich der Länge nach hin. Ich fiel auf den Leichenberg und landete mit einer Hand in den Innereien eines jungen Mädchens. Hatte ich eigentlich schon den Gestank erwähnt? Bis zu dem Tag wusste ich nicht, wie stark menschliche Innereien stinken können. Ein beißender Gestank, der in den Nasenhöhlen brannte und meine Augen tränen ließ.
 
Angewidert zog ich augenblicklich die Hand zurück und rollte mich ab. Keine Sekunde zu früh, denn schon stürmte der erste auf mich zu. Er sah anders aus, wie die anderen. Hatten die anderen bis zu dem Tag noch überwiegend menschliche Züge, zeigten diese hier animalischere Züge. Die Fingernägel waren länger und sahen aus, wie mit den Fingern verwachsene Krallen. Meine erste Salve traf den ersten direkt in den Brustkorb. Er lief weiter, als ob nichts geschehen wäre. Eine Salve aus einem G36 Sturmgewehr und der Bastard läuft weiter. Eine weitere Salve traf ihn dagegen in den Kopf und brachte ihn zu Fall.
 
Förmlich zu explodieren schien das Scheiß Ding. Noch während ich mich fragte, wer die Salve abgefeuert hatte, hörte ich die Stimme des Oberleutnants, die mich ermunterte, meinen faulen Arsch zu bewegen. Eine zweite Salve, oder einen weiteren klugen Rat konnte der arme Meier leider nicht mehr abgeben. Noch während ich mich dankend zu ihm umdrehte stand er da und sein eben noch konzentrierter Gesichtsausdruck verwandelte sich in eine verzerrte Grimasse.

Dienstag, 29. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 22

Wenn die Truppe vor uns ausgelöscht wurde, könnte uns ein ähnliches Schicksal bevorstehen. Andererseits war es besser, sie oben zu bekämpfen, als sich hier unten gegen einen weiteren Feind zur Wehr zu setzen. Entgegen meines Bauchgefühls empfahl mir mein Kopf dem Befehl Folge zu leisten und ich erhob mich, um den anderen zu folgen. An die Zivilisten dache ich dabei gar nicht mehr. Ich machte mir viel mehr Sorgen um unsere eigenen Jungs und natürlich auch um mein eigenes Leben.
 
Vorsichtig und uns gegenseitig Deckung gebend, nahmen wir uns also die Treppe vor. Noch bevor wir den ersten Treppenabsatz erreicht hatten, klatschte etwas gegen die Wand. Ein richtig fieses klatschendes Geräusch gab es und dort, wo es die Wand getroffen hatte, war ein roter Fleck. Ich warf nur einen kurzen Blick auf das Objekt, erkannte aber trotzdem darin Schreibers Gesicht. Seine Augen waren aufgerissen und sein Mund formte einen letzten Schrei. Ein Ohr fehlte und Teile der Blutarterien hingen aus dem offenen Hals. Der Kopf wurde nicht sauber abgetrennt, sondern mit brutaler Gewalt von seinem Körper gerissen worden.
 
Die Schussfrequenz hatte im Obergeschoss in der Zwischenzeit stark abgenommen. Nur noch zwei Gewehre waren zu hören, die abwechselnd Feuerstöße abgaben. Zwei von ursprünglich elf ausgebildeten Soldaten. Noch hatten wir die Hoffnung, dass die anderen wenigstens verwundet, oder ohne Munition auf Rettung warten würden. Den Ekel überwindend passierten wir den Kopf unseres ehemals Kommandierenden und nahmen den zweiten Teil der Treppe in Angriff und wieder blieb uns die Luft weg.
 
Blut tropfte von den Stufen herab. Ich meine, nicht einfach so. Der ganze obere Flur war so voller Blut, dass es nach unten kam, ähnlich Wasser bei einem Rohrbruch. Dort oben musste ein Massaker stattgefunden haben und spätestens jetzt war der Zeitpunkt erreicht, an dem auch den letzten von uns die Panik ergriff. Ein junger Gefreiter, ich kann mich an seinen Namen nicht mehr erinnern, warf sein Gewehr in hohem Bogen von sich und rannte zurück. Direkt in die Arme des Unteroffiziers, der versuchte, ihn zu beruhigen. Mit mäßigem Erfolg muss ich dazusagen.
 
Also gingen wir ohne den Kerl weiter. Wäre ohnehin nur Ballast gewesen, aber auch der Rest von uns war knapp davor alles hinzuschmeißen. Wie Espenlaub zitterten meine Hände und ich hätte wahrscheinlich ein Scheunentor aus fünf Meter Entfernung verfehlt. Auf den letzten Stufen lag so viel Blut, dass wir aufpassen mussten, darauf nicht auszurutschen. Unsere Stiefel hinterließen sich langsam schließende Abdrücke in der zähen Masse und machten so komisch schmatzende Geräusche, als wir darüber liefen.
 
Trotzdem gingen wir vorsichtig weiter. Noch ein Gewehr verstummte und erwachte nicht wieder zum Leben und verlieh uns wieder etwas Antrieb, weil wir unseren Kameraden helfen wollten. Naja, und dann hatten wir die letzte Stufe erreicht. Der vor mir laufende Kamerad erbrach sich vor mir auf den Boden und als ich neben ihm einen Blick in den Flur warf, verstand ich seine Reaktion. Der Blick in den Flur war das Schrecklichste, was ich bis dahin gesehen habe. Ohne Vorwarnung entschloss sich mein Magen dann auch spontan sich  zu entleeren und noch bevor ich eine Warnung aussprechen konnte, vergoss ich den ganzen Inhalt auf meinen Vordermann, der selber noch dabei war, sich die Kotze aus dem Gesicht zu wischen.

Montag, 28. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 21

Als der Befehl zum Rückzug kam, war schon alles am Arsch und an so etwas wie einen Gegenangriff nicht mehr zu denken. Wer nicht schon auf der Flucht war, trat einen halbwegs geordneten Rückzug an. Aber euch wird es da kaum besser ergangen sein, nehme ich an.“
 
Mit einem stummen Nicken quittierte Stefan die Aussage Urbans.
 
„Wir zogen uns also zur Kaserne zurück, um uns dort zu sammeln und mitgeführte Zivilisten in einer Bunkeranlage zu evakuieren. Ungefähr 60 von uns kamen auf rund 100 Zivilisten, weit mehr als die Hälfte davon Frauen und kleine Kinder. Der Rest war tot, mutiert, oder desertiert. Wir waren kaum in der Kaserne eingetroffen, als uns die ersten Wellen trafen. Ich rede absichtlich von Wellen, weil sie wie solche über uns hereinbrachen. Es waren Hunderte, ach was Tausende. Immer wieder griffen sie an und immer häufiger gelang es ihnen, mehrere von uns in den Tod zu reißen. Bald war das Tor nicht mehr zu halten und wir zogen uns in ein Gebäude zurück. Dorthin, wohin auch die Zivilisten gebracht wurden. Nur der Panzer blieb draußen. ”
 
Gierig sog er an der Wasserflasche und leerte sie zur Hälfte, bevor er fortfuhr.
 
“Wir verbarrikadierten uns im Erdgeschoss, installierten Maschinengewehre in den Fenstern und brachten die Zivilisten nach oben. Draußen feuerte der Panzer weiter auf die Eindringlinge und einige dachten schon, dass wir hier lang genug aushalten könnten, bis Verstärkung eintreffen würde. Wir konnten ja nicht wissen, dass es keine Verstärkung geben würde. Wir dachten, unsere Verteidigung würde einer Naturgewalt wie diesen Dingern locker stand halten können. Auch dann, als der Panzer einen Funkspruch schickte, dass er sie nicht länger aufhalten konnte, und dass sie bald in großen Mengen eintreffen würden, waren wir noch guter Dinge.
 
Die Welle krachte gegen das Gebäude und wir feuerten. Aus den Fenstern ragten unsere Maschinengewehre und fällten die Angreifer wie Bäume. Todesmutig liefen sie weiter gegen das Feuer an und scheiterten doch bei jedem weiteren Versuch. Insgesamt sechs Maschinengewehre feuerten um die Wette und die Angreifer hatten keine Chance. Auch als wir die Schreie aus dem ersten Stock hörten, dachten wir noch an nichts Schlimmes. Erst als die Schreie verstummten, dämmerte einigen von uns, dass etwas nicht stimmen konnte. Nicht der Lärm ist unser Feind, sondern die Stille.
 
45 Männer konnten noch kämpfen, der Rest war bereits tot, oder so stark verwundet, dass er keine Waffe mehr abfeuern konnte. Zehn von uns gingen nach oben, angeführt von Oberstleutnant Schreiber. Dann krachten oben die Schüsse. Wir erschraken und nicht wenigen stand das Grauen ins Gesicht geschrieben. Hätte Oberleutnant Meier uns nicht angetrieben, weiter auf die Angreifer zu feuern, wären wir wohl überrannt worden. So feuerten wir weiter und Meier nahm sich weitere fünf Männer, um nach dem Rechten zu schauen. Als er mich aufrief, machte mein Herz nicht gerade Freudensprünge, wie ihr euch vorstellen könnt. Scheiße, ich hatte eine Heidenangst. Wenn dort oben geschossen wurde, konnte das schließlich nur eins bedeuten - sie waren ins Haus gelangt.

Sonntag, 27. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 20

“Aber natürlich Herr Hauptgefreiter”, antwortete ich knapp und mit Blick auf seine Schulterklappen. Zufrieden zog eine neue Flasche aus der Packung. Dieses Mal öffnete ich die Flasche, bevor ich sie weiter reichte, um ihn nicht ein weiteres Mal zu brüskieren. Es gibt da so ein paar Sachen, die einem Mann peinlich sind und einen anderen Mann darum zu bitten eine Flasche zu öffnen, gehört definitiv dazu.
 
Fast schon gierig entriss er die Plastikflasche meinen Händen und wieder rann die Flüssigkeit in einem Zug ohne erkennbare Schluckbewegungen seinen Hals hinunter. Zurück erhielt ich wortlos die leere Flasche. Ohne eine weitere Frage abzuwarten, zog ich eine neue Flasche hervor und reichte sie ihm geöffnet.
 
“Danke”, krächzte er, während er nach der Flasche griff. Obwohl sein Gesicht mittlerweile weniger verhärmt wirkte, waren seine Augen noch immer apathisch nach vorne gerichtet. “Wie lange waren wir da drin?”, wollte Urban plötzlich von uns wissen. Die Frage traf uns überraschend und unvorbereitet.
 
“Wir wissen nicht, wann ihr da rein seid, aber ich würde sagen um die acht Wochen”, schaltete sich Stefan in das Gespräch ein.
 
“Scheiße. Die Unterkunft ist für eine Woche ausgelegt, aber keiner von uns traute sich das Tor zu öffnen. Wir wussten nicht, was uns da draußen erwartet und ob es überhaupt noch andere Überlebende gibt”, zeigte sich der Hauptgefreiter plötzlich geschwätziger.
 
“Was ist denn passiert?”, hatte ich mit der Hoffnung nachgehakt, dass er seine Auskunftsfreudigkeit beibehalten würde.
 
Im ersten Moment sah es nicht so gut aus und ein Blick in sein von Entbehrungen gezeichnetes Gesicht war auch nicht aufschlussreicher. Der Bart wucherte über seinem Gesicht und die darunter liegende Haut zeigte Anzeichen von Verschmutzung und Hautunreinheiten. Mit anderen Worten war das Gesicht unter dem Bart übersät mit Pickeln, Mitessern und kleinen Entzündungen. Allein seine Augen strahlten ansatzweise so etwas Ähnliches wie Leben aus, wenn auch nur schwaches. Immerhin hatte sich sein untätiger Blick mittlerweile gelöst und erstmals schienen auch wir ihn zu interessieren. Während ich ihn musterte, ruckte sein Kopf nach links und unsere Blicke kreuzten sich. Möglicherweise war das der Auslöser, aber gleich nachdem er meinem Blick ausgewichen war, lockerte sich seine Zunge.
 
“Wir waren gerade unterwegs, als die neuen Befehle kamen”, begann er angestrengt zu erzählen. Noch kamen ihm die Worte langsam und behäbig über die Lippen, aber mit jedem Wort festigte sich seine Stimme. “Bis dahin galten die Befehle, Essenslieferungen zu überwachen, bzw. die Sicherheitskräfte zu unterstützen. Wir erhielten einen Hilferuf, dass Übergriffe stattfanden und wir die Kräfte vor Ort unterstützen sollten. Von einer Stunde auf die andere überschlugen sich die Hilferufe und statt Rettung war Rückzug und Sicherung der eigenen Ressourcen der neue Marschbefehl. Wir wurden von seltsamen Wesen überfallen und mussten uns mit unseren Waffen dagegen zur Wehr setzen. Leichter gesagt als getan, wenn man weiß, dass es sich dabei um den eigenen Bruder, oder die eigene Schwester handeln könnte, nicht wahr? Einige legten die Waffen nieder, desertierten, oder richteten sich mit ihren eigenen Waffen. Innerhalb der ersten Stunden verloren wir die Hälfte unserer eh schon ausgedünnten Stärke.

Samstag, 26. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 19

Auch Stefan und mir wurde ein neuer Begleiter zugeteilt. Sein Namensschild wies ihn als Urban aus, sein Abzeichen als Hauptgefreiter. Stumm nahm er neben uns Platz und blickte wie zuvor die ganze Gruppe aus leeren Augen empfindungslos nach vorne. Irgendwie war er ein gespenstischer Anblick, wie er so da saß. Oh, und er stank. Meine vorherigen Vergleiche mit dem Dixie-Klo waren hier zwar nicht ganz zutreffend, aber auch nicht weit entfernt. Das war kein harmloses Düftchen, sondern eher ein Geruch, als hätte er sich seinen Arsch über Wochen mit seiner Uniform ausgewischt. Was er vielleicht sogar tat. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Jungs im Augenblick der Gefahr ausgerechnet an Klopapier gedacht hatten. Das tun die wenigsten. Das vermisst man es erst, wenn man keines mehr hat und wenn dann auch kein Wasser da ist die Hände zu waschen, hat man ein ernsthaftes Problem. Neben dem Geruch nach körperlichen Ausscheidungen aller Art mischte sich noch ein anderer Duft darunter. Das konnte auch gut von meiner noch immer blutigen Uniform stammen, kam aber eindeutig von unserem Fahrgast. Hier möchte ich gern den blumigen Vergleich zu einem Lebewesen nennen, das in seinen eigenen Exkrementen verendet und darin verfault.
 
Auch der zuvor noch so standhafte Unteroffizier zeigte langsam Zeichen, von dem Gestank übermannt zu werden und stellte unauffällig die Lüftung hoch, um den penetranten Geruch unseres neuen Beifahrers zu kaschieren und durch frische Luft von draußen zu verdrängen. Der Erfolg war natürlich eher geringer Natur und schon befürchtete ich, diesen Gestank nie wieder aus meiner Nase zu bekommen.
 
Natürlich musste man aber gerecht sein und dazusagen, dass er wohl kaum für sein Schicksal konnte. Immerhin war dieser Urban noch am Leben und hatte damit vielen Menschen etwas voraus. Zudem war für uns kaum vorstellbar, was diese Gruppe Männer in der Abgeschiedenheit des Bunkers hatte durchmachen müssen. Platzangst war auch für uns kein Fremdwort und unser Bunker bot ein Vielfaches von dem Platz, den dieser Hühnerkäfig gewährt hatte. Gruslige Vorstellung irgendwie. Da war ja nicht nur der wenige Platz, auch der Gestank muss ja furchtbar gewesen sein. Überhaupt schien es um die Sauerstoffversorgung am Ende nicht mehr so gut gestanden zu haben. Eigentlich sind diese Lagerräume ja gut belüftet, um Schimmelbildung vorzubeugen. Davon war hier nichts mehr zu spüren gewesen. Dann war da natürlich noch die Nahrungsmittelversorgung. Dem körperlichen Zustand nach, war die letzte Mahlzeit von unserer Ankunft schon einige Tage her und Durst hatte ihnen offensichtlich auch zu schaffen gemacht.
 
Na immerhin dagegen konnte ich etwas machen und griff nach dem Sixpack mit den Wasserflaschen.
 
“Durst?”, durchbrach ich die Stille an unseren neuen Beifahrer gerichtet.  
 
Statt einer Antwort griff er wortlos nach einer Flasche und drehte angestrengt am Drehverschluss.
 
“Kann ich helfen?”, bot ich meine Hilfe an.
 
“Ja. Bitte”, krächzte mich seine kraftlose Stimme an, während er mir die Flasche wieder entgegen streckte. Immerhin wussten wir jetzt, dass er nicht stumm war und ich hatte die leise Hoffnung etwas mehr darüber zu erfahren, was in diesem Bunker vorgefallen war.
 
Entsprechend erleichtert nahm ich die Flasche, drehte den Schraubverschluss herab und reichte sie ihm wieder.
 
Gierig wie ein Alkoholiker bei seiner ersten Flasche Bier saugte er sie in einem Zug leer und bedankte sich mit einem verhaltenen Rülpser.
 
“Das war gut. Hast du noch mehr?”, krächzte die Stimme schon weit weniger schwach.

Freitag, 25. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 18

Gerade als wir den Raum betreten wollten, schnellten wir augenblicklich wieder zurück. Beißender Urin- und Kotgestank stand förmlich in der Luft und rang uns die Luft ab. Das hier war übler, als alles andere, was ich jemals an üblen Gerüchen erleben musste. Hier lag der Kot und der Urin von 19 Soldaten über einen Zeitraum von mindestens fünf bis sechs Wochen und stank geradezu unmenschlich. Obwohl ich in dem Moment davon überzeugt war, dass der Gestank nicht auszuhalten war und zum sofortigen Tod führen musste, wurde ich doch im gleichen Moment Lügen gestraft. Lehmann und Hauser stapften munter darin herum, kontrollierten Kisten, markierten wiederum andere und machten nicht den Eindruck, besonders beeindruckt zu sein.
 
Unseren angeekelten Blick bemerkend blickte unser Befehlshaber kurz auf, grinste bis über beide Ohren und meinte nur lapidar „Die Tränengaskammer ist schlimmer. Also habt euch nicht so ihr Pussies, das ist schließlich kein Mädchenpensionat hier.“
 
Danach flüsterte er Stefan noch etwas zu, was ich nicht verstand, beide aber zu einem grellen Lachen animierte. Na immerhin hatten wir Spaß. Also nochmal tief Luft geholt und in den Raum rein gestürmt. Der war von innen betrachtet größer, als er von außen schien. Die Kisten stapelten sich auf über fünfzig Meter Länge und fast genauso viel Breite bis unter die Decke. Weiter hinten glaubte ich eine Konstruktion zu erblicken, die für den Gestank in dem Raum verantwortlich war. Einige Kisten waren zu behelfsmäßigen Latrinen zusammengeschoben worden und darunter sickerten eklig aussehende Pfützen hervor. Weil keiner so genau wissen wollte, worum es sich dabei handelte, beließen wir es dabei und widmeten uns den Kisten und dem einen Hubwagen.
 
Zwischendurch mussten wir natürlich auch Luft holen. Anfangs liefen wir dazu tatsächlich alle halbe Minute nach draußen, nahmen einen Schnapperer, um gleich darauf mit der Arbeit fort zu fahren. Schwere Arbeit erfordert aber, häufiger Luft zu holen, weshalb einer nach dem anderen den ersten Zug wagte. Der erste war ein Mann in meinem Alter, der nicht viel sprach und auch nach seinem ersten Atemzug nicht gesprächiger wurde. Seine Augen und die blasse Gesichtsfarbe sprachen aber eine mehr als deutliche Sprache. So deutlich, dass mir ein Lachen entfuhr, was sich bitter rächen sollte, und mir wiederum das Gelächter der anderen einbrachte. Immerhin hatten wir es danach alle hinter uns und tatsächlich roch man es nach einiger Zeit gar nicht mehr. Ach, wem mach ich was vor. Natürlich roch man es noch und bis zum Ende hatte ich das Gefühl, kopfüber in einem Festivaldixieklo festzustecken, das nicht einmal geleert wurde. Wer vor der ganzen Scheiße Festivals besucht hatte, der weiß, was ich meine.
 
Trotzdem dachte keiner daran aufzugeben. Zu wichtig war unsere Aufgabe, um wegen dem bisschen Gestank jetzt klein beizugeben. Der Gedanke an die Sicherheit meiner Familie ließ mich die sprichwörtliche Scheiße durchhalten und immerhin konnten wir alle markierten Kisten aufnehmen und nach draußen karren. Das war natürlich nur die halbe Miete, denn dann musste das Zeug auch noch auf die LKWs, was der wesentlich unangenehmere Teil der ganzen Übung war.
 
Der Hubwagen erleichterte uns zwar den Transport nach draußen, nahm uns aber natürlich nicht die Arbeit ab, die Kisten hochzuwuchten. Was hatten wir uns in dem Moment einen Gabelstapler gewünscht. Oder wenigstens, dass uns einer der verlumpten Gestalten zur Hilfe kam, die ohnehin nur teilnahmslos und stumm da saßen. Mit leblosem Blick starrten sie auf den Himmel, die Bäume und manchmal auch auf uns, als könnten sie nicht glauben, dass das alles real war. Etwas Arbeit hätte sie sicher davon überzeugen können, aber so fertig die waren, wären sie uns ohnehin keine große Hilfe gewesen.
 
Also blieb es doch nur an uns hängen. Immerhin gingen uns Lehmann und Hauser am Ende doch noch zur Hand, wenn auch nur beim beladen des Hubwagens. Trotz der Hilfe schufteten wir, bis die Dunkelheit über uns hereingebrochen war und aus Sicherheitsgründen die Arbeiten eingestellt werden mussten. Wir konnten aber stolz sein. Allen Widrigkeiten zum Trotz hatten wir genügend Munition aufgenommen, um einen kleinen Krieg führen zu können. Was vielleicht demnächst sogar nötig war.
 
Zur allgemeinen Freude war es uns auch noch gelungen, passende Bewaffnung für die Panzer aufzutreiben, bevor wir uns endgültig von der Anlage verabschiedeten. Die Überlebenden wurden auf die Fahrzeuge verteilt und einige unserer Leute wichen entgegen der Vorschriften auf die ungesicherten Ladeflächen aus, um den ohnehin schon arg Geschundenen einen bequemen Transport zu ermöglichen.

Donnerstag, 24. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 17

Fast wortlos befolgten wir den Befehl und gingen zur Tat. Zu dritt hoben wir die schweren Verpflegungsbehälter von der Ladefläche. Die Küche hatte es gut gemeint und uns Gulaschsuppe aus Dosenbeständen und Eintopf, ebenfalls aus Dosenbeständen, eingefüllt. Auch wenn das trostlos klingt, war es besser als 90 Prozent der Rationen, die im Bunker ausgegeben wurden und stets aus den gleichen Notrationen bestanden, die wir im Überfluss dort lagerten. Wie gesagt war das Essen auch für unsere Verhältnisse ein Höhepunkt, wie musste das erst auf diese ausgezehrten Gestalten gewirkt haben, die aussahen, als hätten sie ihre letzten Rationen bereits vor Wochen aufgebraucht. Ein beißender Gestank ging von ihnen aus und zeugte davon, dass der Aufenthalt in dem Bunker für sie am Ende dann doch mehr Gefängnis als Rettung war. Während der Essensausgabe wurde kein Wort gesprochen und beinahe apathisch die Mahlzeit zu sich genommen.
 
Vor allem der ungesüßte Tee wurde gierig aufgenommen und am Ende mehr konsumiert, als die Essensvorräte. Nachdem alle versorgt waren, brachten wir der Wachmannschaft ihre Rationen, aßen selbst noch eine Kleinigkeit und gingen so frisch gestärkt in die Anlage, um das aufzuladen, was von Lehmann und Stefan als wichtig genug erachtet worden war.
 
Hatte ich zuvor noch panische Angst vor dem Loch, war ich spätestens nach dem Auftauchen der Soldaten davon überzeugt, dass es sich dabei um keine lebensfeindliche Umgebung handelte. Sie sahen zwar nicht gut aus, waren aber am Leben. Das war für mich Beweis genug, dass es mich nicht umbringen würde. Trotzdem waren meine ersten Schritte zaghaft. Die von den Pionieren installierte Beleuchtung hatte die Dunkelheit vertrieben und sorgte immerhin für eine ausgewogene Beleuchtung. Das vertrieb dann auch noch die letzten Zweifel und doch sträubte sich etwas in mir, als sich statt dem Himmel die Decke über mir ausbreitete.
 
So endlos, wie er von meiner Warte auf dem Führerhaus gewirkt hatte, war der Gang gar nicht. Schon nach wenigen Metern teilte er sich auf und endete jeweils nach weiteren vier oder fünf Metern an einer weiteren Stahltür.
 
Beide Tore standen weit offen und gaben den Blick frei auf einen Schutzraum, der den Männern als notdürftige Unterkunft diente und den Lagerraum, wegen dem wir eigentlich hier waren. Im militärischen grün gehaltene Kisten standen aufeinander und warteten auf ihren Abtransport. Obwohl der Flur groß genug gewesen wäre, die Vorräte mit einem kleinen Gabelstapler heraus zu transportieren, waren wir mangels besseren technischen Geräts auf den herumstehenden Hubwagen angewiesen.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 16

Es vergingen Minuten und sie fühlten sich an wie Stunden. Niemand sprach ein Wort und mit nachlassender Anspannung bemerkte ich die Schmerzen. Krampfhaft hatten sich meine Finger um die Waffe geschlungen und pressten das Schulterstück so fest an mich, dass meine Schulter schmerzhaft zu stechen begann. Vom Schmerz aufgeschreckt lockerte ich den Griff und den Druck wieder, was mit neuen Schmerzen quittiert wurde, als das Blut in die Gefäße zurück strömte. Schließlich setzte ich die Waffe ganz ab, setzte mich auf das Dach und warf wieder einen Blick auf den Bunker. Das Leben war in das schwarze Loch zurückgekehrt. Mattes Licht erleuchtete den Gang, verteilte sich  auf den Wänden und nahm schnell an Intensität zu.
 
Als erster trat der Oberfeld nach draußen. Begierig sog er die frische Luft auf und trat schließlich zur Seite. Hinter ihm trat etwas Neues ins Licht, das nur noch entfernt Ähnlichkeit mit einem Menschen hatte. Fast hätte ich meine Waffe herumgerissen, bis ich erkannte, dass sich hinter dem haarigen Gesicht kein Monster, sondern nur ein ausgemergelter und ungepflegter junger Mann verbarg. Eine über das Tarnmuster hinausgehende fleckige und zerschlissene Uniform wies ihn als Angehörigen der Streitkräfte aus. Kraftlos zog er ein Gewehr mit sich und schirmte sich mit der anderen Hand die Augen ab. Müde sah er aus, wie er so aus dem Dunkel in die Nachmittagssonne trat.
 
Dem ersten folgten noch weitere, bis sich schließlich insgesamt 19 Überlebende vor dem Tor versammelt hatten. Niemand von uns wagte seinen Posten zu verlassen, um ihnen zur Hilfe zu kommen und niemand verlangte es. Leise sprach Lehmann mit einem seiner Begleiter, der daraufhin auf einem der Lastwagen verschwand. 
 
“Das zivile Unterstützungspersonal antreten”, hallte überraschend die energische Stimme des Feldwebels über den Platz. “Die Mannschaften behalten ihre Positionen bei. Meldung bei Vorkommnissen.”
 
Wie befohlen wandte ich mich ab, kletterte von dem Führerhaus herab und schloss mich den anderen fünf an. Die anderen waren bei dem ersten Angriff getötet oder verwundet worden, so dass sie uns nicht helfen konnten.
 
“Als erstes werden Sie unsere Kameraden hier versorgen. Wasser und Nahrung von unseren Rationen können ausgegeben werden. Danach werden Sie die Materialien aus dem Bunker aufnehmen. Während Sie Vorräte verteilen, werden Stabsunteroffizier Hauser und ich die gelagerten Materialen in Augenschein nehmen und eine Vorauswahl treffen. Wegtreten.”

Dienstag, 22. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 15

Gleich hinter den Fahrzeugen lag der Außenbunker, der neben Munitionsvorräten auch noch einen kleinen Notfallbunker für die stationierte Wachmannschaft aufbot, wie mir Stefan erklärte. Ein eher trostloses Loch, das vielleicht zehn Leuten für zwei Wochen vorübergehenden Schutz bieten sollte. Kaum vorstellbar, dass sich darin ein größeres Kontingent über sechs Wochen verschanzt haben könnte.
 
Der Feldwebel war mit einigen Männern zuerst abgesessen und untersuchte das Tor, während der Rest die Sicherung übernahm. Die Panzer postierten sich auf drei Seiten, der Hauptpanzer vor uns mit Blick auf das freie Feld, die zwei anderen an den Flanken. Dahinter unser Tanklastwagen als weitere Barriere und mit der Ladefläche in Richtung des Bunkereingangs die Lastwägen. In den Lücken wurden die Geländewagen geparkt und bildeten am Ende eine moderne Wagenburg rund um die Felswand, in die der Bunker geschlagen war.
 
Die Felswand ragte noch einige Meter steil über das Tor hinaus und bot uns eine natürliche Barriere. Die Motoren liefen trotzdem weiter und im Falle eines Angriffs hätten wir uns, zum Zwecke der Vermeidung weiterer Verluste, ganz einfach gesagt so schnell wie möglich verpisst. Um Überraschungen zu vermeiden, wurde jeder Mann, der nicht benötigt wurde zur Wache eingeteilt. Selbst die Hilfskräfte waren zwischen und auf den Fahrzeugen postiert, um Ausschau zu halten.
 
Von Stefan wurde ich auf das Führerhaus unseres Tanklasters beordert und aller Vorsicht zum Trotz beobachtete ich die Vorgänge rund um das Tor mit einem Auge weiter. Meine Neugier war größer als meine Furcht und so sah ich den Feldwebel, wie er eifrig nach einer Möglichkeit suchte das Tor zu öffnen. Die dafür nötige Automatik war wohl in dem zerstörten Wachhaus untergebracht gewesen, wie ich dem gleichzeitig stattfindenden Gespräch zweier Soldaten entnehmen konnte. Schließlich fand er doch, nach dem er gesucht hatte. Über einen Kasten konnte eine Kurbel ausgefahren werden, über die man das massive Tor manuell öffnen konnte.
 
Die Begleiter des Feldwebels gingen in Stellung sicherten das Tor und quietschend öffneten sich die schweren Stahltüren.
 
Staub wirbelte auf und glänzte leicht in der hoch stehenden Herbstsonne. Hinter dem Tor lag ein dunkler Gang, der von meiner Warte aus unendlich ins Innere zu führen schien. Zwei Pioniere brachten Lampen, mit denen der Gang ausgeleuchtet wurde und auch die Lichtstrahlen schienen sich in der Unendlichkeit des Flurs zu verlieren. Nur die Wände in unmittelbarer Nähe wurden erhellt und es war, als würde der Gang alles absorbieren. Geräusche, Licht und Menschen. War es wirklich eine gute Idee, den Tunnel zu betreten? In mir schrillten bei dem Gedanken alle Alarmglocken und selbst mit vorgehaltener Waffe hätte mich jetzt niemand dazu gebracht, den Bunker zu betreten.
 
Das sahen der Oberfeld und seine Begleiter freilich anders und verschwanden alsbald in dem dunklen Loch. Nach wenigen Metern hatte sie das Dunkel verschluckt und nur die an den Wänden tanzenden Lichtstrahlen der Lampen verrieten ihre Anwesenheit. Plötzlich waren auch diese verschwunden und Dunkelheit kehrte in den Gang zurück. Mit steckte ein Kloß im Hals. Nur ein einzelner Soldat war am Eingang zurück geblieben. Sein Gesicht verriet Teilnahmslosigkeit und er teilte wohl kaum meine Sorgen. Dafür war er viel zu entspannt auf seinem Platz.

Montag, 21. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 14

Quälende 30 Minuten später lief immer noch Diesel in den Tank, als die andere Gruppe wieder zu uns stieß. In den Vorratsräumen waren noch einige Notrationen und Konserven zu finden gewesen und die Waffenkammern waren auch noch nicht komplett leer. Überlebende konnten nicht gefunden werden. Die meisten Gebäude waren einfach leer und standen da, als ob nichts gewesen wäre. Nur von einem wurde berichtet, dass dort deutliche Spuren eines Kampfes gefunden wurden. Zwar konnten keine Leichen gefunden werden, aber der Boden war übersät mit leeren Patronenhülsen und alles, wirklich alles war voller Blut. Der Boden, die Wände, die Treppe, das Obergeschoss. Zum Teil waren es große Lachen getrockneten Bluts, die auf ein wahres Gemetzel schließen ließen.
 
Der Bericht jagte uns Schauer über den Rücken und manch einer war dabei sich auszumalen, was hier vorgefallen war. Vor allem die, die in dieser Kaserne Kameraden hatten waren erschüttert und am Boden zerstört. Obwohl es eigentlich klar war, war es doch schrecklich mit der Wahrheit konfrontiert zu werden und die Stimmung sank weiter.
 
Nachdem der Tanklaster endlich vollgeladen war, tankten wir noch die anderen Fahrzeuge, sowie unsere Neuzugänge, und setzten unsere Fahrt fort. Das Munitionsdepot lag nur wenige Kilometer von unserer jetzigen Position entfernt und der Weg führte uns wieder durch bewaldetes Gebiet. Links von uns ging es steil abwärts, Bäume säumten den Hang und rechts türmte sich ein Felsmassiv auf. Die zwei neuen Schützenpanzer sicherten unsere Fahrt von hinten. Die mitgebrachten MGs wurden aufmontiert und konnten uns so bei einem Überfall mit ordentlicher Feuerkraft unterstützen. Die Kanone nutzte gegen nicht gepanzerte Ziele ohnehin wenig.
 
Ohne durch Angriffe oder Barrieren gestört zu werden erreichten wir das Depot und passierten im Schutz unserer Begleitfahrzeuge das Tor. Dieses war bereits aus den Gelenken gerissen worden und lag komplett verbogen ein paar Meter weiter im feuchten Gras. Daneben ein komplett demolierter Geländewagen, der aussah, als wäre er von einem Panzer gerammt worden. Teile des Zauns waren niedergedrückt und teilweise mit purer Gewalt auseinander gerissen worden. Faulige und ausgetrocknete Fleischfetzen hingen im Stacheldraht und am Boden darunter. Das Wachhaus war komplett zerstört. Sicherheitsscheiben und Stahltüre waren zerborsten, aus den Scharnieren gehoben und nach innen gedrückt. Die Außenwand war von Einschüssen durchsiebt und Rußspuren verrieten den Einschlag von schweren Granaten.
 
Die Schäden konnten nur schwerlich den “anderen” zugeschrieben werden. Vielmehr wurde das Haus von eigenem Gerät beschossen und so fast vollständig zerstört. Langsam fuhren wir weiter und drangen weiter in das Depot vor. Wir passierten eine Gruppe Fahrzeuge. Ein weiterer Schützenpanzer, drei Transport-LKWs und mehrere Geländefahrzeuge. Allen gemein war der schlechte Zustand. Die Planen waren in Streifen gerissen, lose Teile heruntergerissen und die Reifen in Fetzen. Die Beschädigungen kamen uns nur allzu bekannt vor und über das Schicksal der Besatzung wollten wir uns lieber keine Gedanken machen. Wenngleich es niemand aussprach, so herrschte doch ein Konsens über den Verbleib der Mannschaften.

Sonntag, 20. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 13

„Ich war hier zwei Jahre stationiert und habe in der Inspektion gearbeitet. Eigentlich wurde ich erst vor einem halben Jahr im Rahmen meiner Unteroffiziersausbildung versetzt. Bis dahin hab ich mich um die Dinger hier gekümmert und kenn sie in- und auswendig.“
 
„Aber was wollen wir mit den Dingern?“, entgegnete ich noch immer etwas konfus. Die Bewaffnung wurde entfernt, die sind uns doch keine große Hilfe mehr.“
 
„Mann, du verstehst auch nichts“, zeigte er sich etwas genervt. „Auch wenn die fehlt, ist das für uns ein wertvolles Mitbringsel. Unsere Patrouillen sind darin geschützter, als in LKWs oder in den Geländewagen. Außerdem ist nicht gesagt, dass der andere ewig hält. So oft, wie die hier in der Inspektion standen, ist es eher ein Wunder, dass bei unserem bisher noch nichts war. Zudem steht ja noch der Besuch im Munitionslager aus, wo wir vielleicht die nötigen Teile aufnehmen und unsere Feuerkraft damit erheblich verstärken können. Und jetzt red nicht, geh mir lieber zur Hand und halt mal den Deckel hier auf.“
 
Mit diesen Worten drückte er mir einen Deckel in die Hand, und begann an den losen Enden einer Batterie herum zu nesteln.
 
„Die Batterien werden in der Regel abgetrennt, wenn die Fahrzeuge länger stehen. Soll die Leistung erhöhen und dafür sorgen, dass sie im Ernstfall anspringen. Wir mir scheint, wurde hier nach Vorschrift gearbeitet. Wundert mich eigentlich nicht. Der Leiter dieser Inspektion hatte mich auch schon ausgebildet, bevor ich versetzt wurde. So, du kannst den Deckel jetzt loslassen.“
 
Vorsichtig glitt die Abdeckung nach unten und Stefan verschwand im Inneren des Panzers. Ein Röcheln ging durch die Maschine, gefolgt von einem tiefen Röhren. Schwarzer Rauch, das Resultat verbrannten Diesels, wurde ausgestoßen und der Motor heulte kurz auf. Stefans Kopf erschien wieder und mit einer Hand bedeutete er mir, aus dem Weg zu gehen. Laut klirrend setzte sich der Koloss in Bewegung und rollte ein paar Meter nach vorne, bevor der Motor wieder erstarb.
 
„Super, scheint zu funktionieren“, jubilierte der Unteroffizier, während er sich aus der Luke zwängte. „Für eine Generalinspektion haben wir keine Zeit, aber er ist auf jeden Fall fahrtüchtig. Los zum nächsten.“
 
Auch der andere konnte gestartet werden, nachdem die Batterien wieder an geklemmt waren. Nicht nur mir fiel ein Stein vom Herzen.

Samstag, 19. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 12

Davor lag ein Geländewagen, ein Wolf wie mir bei der Schnellausbildung eingebläut wurde, auf der Seite. Die Plane war aufgerissen und auch der Rest des Wolfs sah aus, als hätte sich eine ganze Horde der Monster über ihn hergemacht. Die Sitze waren herausgerissen und lagen vollständig zerfetzt neben dem Wrack. Neben dem Wagen zeugten kleine Krater von Beschuss durch schwere Waffen und auch hier war der Boden noch immer rot gefärbt. Eigentlich war es egal, wohin man kam. Überall waren größere und kleinere Lachen, als hätte hier ein brutales Gemetzel stattgefunden, immer wieder unterbrochen durch große und kleinere Trichterförmige Einschusslöcher.
 
Der Tankbereich lag bei den Fahrzeughallen. Dort waren weit weniger Spuren eines Kampfes zu sehen. Links standen die Hallen, rechts die Tankanlage. Die Hallen standen offen und waren von den Kämpfen komplett verschont geblieben. Sogar zwei Schützenpanzer standen noch in den Hallen. Weil natürlich auch hier der Strom fehlte, konnten wir uns aussuchen zu pumpen, oder nach dem Notstromaggregat Ausschau zu halten. Weil sich ein paar Tausend Liter nicht mal eben aus der Hüfte hatten pumpen lassen, favorisierten wir einstimmig Option zwei und machten uns auf die Suche. Zielstrebig ging Stefan auf die erste Werkshalle zu und darin auf einen kleinen Aufenthaltsraum. Offen und einladend war die Tür dazu und schrie geradezu danach, sich in dem Zimmer aufzuhalten.
 
Tatsächlich verschwand der Unteroffizier kurz darauf darin und werkelte still an den Kontrollen herum. Was er dort genau tat, entzieht sich meiner Kenntnis, aber es war wohl das Richtige. Nach anfänglichem sprang ein Motor an und lieferte endlich die nötige Energie für unser Vorhaben.
 
Nur quälend langsam rann der Diesel aus dem Vorratslager. So langsam, dass zu befürchten war, dass unser Aufenthalt hier noch in die Stunden ging. Meine Laune wurde sicher auch nicht dadurch verbessert, dass der Feldwebel den Befehl rausgab, neben dem Tankwagen noch einige Fässer für die Notstromaggregat im Bunker abzufüllen, die danach von den LKWs aufgenommen wurden. Andernfalls hätten wir bald im Dunklen sitzen müssen. Ein wenig reizvoller Gedanke und Ausgleich genug, weiter hier auszuharren.
 
Währenddessen prüfte Lehmann zwei abgestellte Schützenpanzer und rief uns zu sich.
 
„Herr Unteroffizier, nehmen Sie die Geräte mal unter die Lupe. Ihr Beifahrer wird Ihnen assistieren. Wenn Sie weitere Hilfe benötigen, verlangen Sie einfach danach. Ich möchte, dass wenigstens eines der beiden Fahrzeuge bis zu unserer Abfahrt ebenfalls abfahrbereit ist. Haben Sie mich verstanden? Zur Not schlachten Sie einen der beiden aus, wenn es nicht anders geht. Sie wissen ja, wie das geht.“
 
Damit trat er ab, und ließ mich etwas verwirrt zurück, was auch Stefan nicht verborgen blieb.

Freitag, 18. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 11

Im Schritttempo durchquerten wir den hinter der Barrikade liegenden Ort. Nicht nur ich beobachtete jedes Fenster und jede Tür aufmerksam. Auch Stefans Augen schienen über die Fassaden der Häuser zu wandern und jede Information aufzusaugen. Jedes Detail brannte sich in mein Gehirn und plötzlich sah ich eine Bewegung hinter einem Fenster. Dann noch eine und gleich darauf wieder. Angestrengt richtete ich meinen Blick auf das Haus und versuchte noch eine Bewegung einzufangen. Gerade als ich Stefan über meinen Fund informieren wollte, knackte das Funkgerät und die Stimme eines Offiziersanwärters erklang leicht verrauscht:  
 
“Sie sind da in den Häusern. Ich hab sie gesehen. Sie verstecken sich dort drinnen. Sofort auf die Häuser feuern. Hallo Martin? Hörst du mich. Feuer auf die scheiß Häuser.”
 
Wieder knackte es im Funkgerät und die Stimme des Feldwebels erklang.
 
“Funkdisziplin einhalten. Verdammt Gabriel, was soll das? Hier wird niemand das Feuer eröffnen. Wir kennen die Feindstärke nicht und solange wir nicht attackiert werden, werden wir keinen erneuten Zwischenfall provozieren. Over.”
 
“Hier noch mal Offiziersanwärter Gabriel. Herr Feldwebel, ich sehe das anders. Wir müssen sie jetzt attackieren, wenn sie es nicht erwarten. Wenn sie erst über uns herfallen, haben wir die schlechteren Karten. Over.”
 
“Ich wiederhole mich nicht gerne Gabriel. Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie nur als Beobachter an dieser Mission teilnehmen? Keiner schießt. Over and out.”
 
Damit war die Diskussion beendet und niemand wagte es mehr dem Befehl des Oberfeldwebels zu widersprechen. Weiter beäugte ich misstrauisch die Häuser und hoffte, dass er wusste, was er da tat. Ich teilte durchaus Gabriels Ansichten und umklammerte noch immer meine Waffe. So fest hielt ich sie in beiden Händen, dass meine Knöchel hervor traten und sich die darüber spannende Haut weiß färbte. Das kalte Metall grub sich in mein Fleisch, hinterließ dort deutliche Spuren und tat mir nach einiger Zeit auch weh. Dessen ungeachtet hielt ich an dem Gewehr fest. Nur unter Gewaltandrohung hätte ich mich in dem Moment von der Waffe getrennt und sie jedem ins Gesicht gehalten, der mir diese angedroht hätte. „From my dead cold hands”, skandierte einst Charlton Heston und gerade war ich in der Verfassung ebenso zu denken.
 
Als wir diesen unheimlichen Ort endlich hinter uns gelassen hatten, nahm der Konvoi wieder Fahrt auf und auch ich entspannte mich wieder. Vorsichtig lockerte ich meinen Griff um den Stahl. Blut strömte in meine Hände zurück und die Abdrücke schmerzten unangenehm in den Handflächen. Trotz aller Befürchtungen konnten wir unsere Fahrt ungehindert fortsetzen und nach rund einer Stunde erreichten wir ohne weitere Zwischenfälle die Kaserne. Das Tor war verschlossen und der Schlagbaum dahinter herunter gelassen. Kein Problem, wenn man einen Panzer dabei hat. Ein Schuss aus der Kanone riss die beiden Hälften der Pforte aus ihrer Angel. Durch die Wucht wurden sie nach drinnen gegen den Schlagbaum geschleudert, der unter der Wucht des Eisentors aus seiner Verankerung gerissen wurde und schief nach hinten ragte.
 
Zuerst durchquerte der Marder das Tor und schob dabei die Reste des noch halb auf die Straße ragenden Schlagbaums zur Seite. Als wir an der Reihe waren, folgten wir dem vor und her fahrenden Fahrzeug und konnten uns von der Kaserne einen Eindruck verschaffen. Direkt hinter dem Schlagbaum lag das Wachhaus auf der linken Seite. Auf der anderen Seite der Scheiben war es dunkel und von außen nichts zu erkennen. Überall war der Boden mit einer rostbraunen Farbe überzogen. Daneben lagen hunderte Patronenhülsen. Eine leichte Patina hatte sich auf ihnen gebildet, aber noch immer blitzten einige leicht in der schwachen Spätherbstsonne. Es war nicht schwer sich auszumalen, was hier vorgefallen war. An einer Straße trennten wir uns. Während die LKWs ausbrachen, um nach Vorräten und Waffen zu suchen, steuerten wir die Tankanlage an.