Mittwoch, 2. Januar 2013

Kapitel 2 - Teil 4

Zurück auf der Krankenstation verabschiedeten sich Martina und Alex, um sich in ihre Quartiere zurück zu ziehen. Wie jeden Abend bedeutete das Langeweile und Stunden, die sich hinzogen wie flüssige Lava. Unter den Patienten gab es nur wenig Gespräche und wenn sich doch jemand dazu durchrang, glichen sich die Geschichten. Meist ging es um tote Freunde und Verwandte, Bekannte, die sich verwandelt hatten und um die Stunden vor ihrer Rettung, die Überfälle und den Zusammenbruch. Letzterer Begriff hatte sich im Bunker für jenen Tag etabliert, an dem das öffentliche Leben in Deutschland endgültig zusammenbrach. Immerhin heilte meine Wunde überdurchschnittlich, wie der Doc bei seiner Abendvisite hervorhob. Das Ende meines Aufenthalts in „der Halle“ war also absehbar und das reichte mir für den Moment.

Während ich da lag und meinen Gedanken nachging, wurde ein verwundeter Soldat in den Saal gebracht. Er blutete aus mehreren provisorisch verbundenen Wunden an beiden Armen und dem Unterschenkel. Die blonde hagere Gestalt kam mir bekannt vor und dann erkannte ich unter dem von Schmerz verzerrten Gesicht das Antlitz Manfreds. Scheiße.

Aus Mangel an einem echten Behandlungsraum wurde das leer stehende Bett neben mir freigeräumt und der Verletzte darauf zu Recht gelegt. Gegen die Schmerzen wurde eine Flüssigkeit injiziert, die ihn zugleich für einige Stunden ins Reich der Träume schickte. Nachdem die Wirkung angeschlagen hatte, nahm der Doc vorsichtig den Verband ab und betrachtete die Sauerei. Den Unterhaltungen zwischen dem Arzt und zwei Sanitätern entnahm ich, dass aus den Wunden eine Menge Blut austrat, die Verletzungen aber nicht besonders tief waren. Die Wunden wurden gesäubert, genäht und verbunden, bevor Manfred wie der Rest hier seinem Schicksal überlassen war. So etwas wie eine Nachtschwester gab es nicht und seit unserer Ankunft waren schon zwei Patienten über Nacht verstorben. Es war einfach niemand aufgefallen.

Ein Schicksal, das Manfred hoffentlich nicht mit ihnen teilte. Obwohl betäubt, stieß er spitze Schreie aus, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Auf der anderen Seite war ich aber auch erleichtert. Wenn er noch die Kraft hatte zu schreien, war es eher unwahrscheinlich, dass er die Nacht nicht überstanden hätte. Das war zumindest meine laienhafte Meinung dazu.

Mangels eines Zeitmessers kann ich nicht sagen, wie lang er da lag und herumschrie. Auf jeden Fall war das Licht schon einige Zeit erloschen und der Raum nur noch durch die karge Notbeleuchtung in ein schwaches Licht gehüllt, als er aus seinem Schlaf erwachte. Verwirrt lag er da und trotz der miesen Beleuchtung blieb mir sein verwirrter Blick nicht verborgen. Irritiert und noch leicht abwesend sah er sich um, bevor er realisierte, wo er sich gerade befand. Mit Sicherheit sah ich auch nicht besser aus, als ich das erste Mal in dem Raum zu mir kam. Dann ruhten seine Augen auf mir. Seinem Blick nach versuchte er das für ihn in dem Moment sicher nur schemenhafte Gesicht einzuordnen, was ich als Anlass nahm ihm ein Lächeln zu schenken und aufmunternd zuzunicken.

“Oh, hallo”, krächzte der Soldat, gefolgt von einem räuspernden Husten. Vergeblich versuchte er seine Hand vor seinen Mund zu bugsieren, brach die Aktion aber mit vor Schmerzen verzerrtem Gesicht ab.

“Ich hätte mir nicht gedacht, dass wir unsere Unterhaltung ausgerechnet hier fortführen würden”, fuhr er fort, während ein sarkastisches Grinsen seine Lippen umspielte.

“Ja, tut mir leid. Was ist denn passiert?”, entgegnete ich ohne Umschweife. Vielleicht war das taktlos, aber viel zu tief brannte die Neugier darüber, was da draußen vor sich ging. Die Schäden an den Fahrzeugen, die Kinder, die Frauen, seine Verletzungen. Ich möchte den sehen, den nicht ebenfalls diese Fragen beschäftigt hätten. 

“Ich weiß nicht, ob wir darüber sprechen dürfen. Immerhin war es eine militärische Operation”, begann Manfred zögernd. „Außerdem hab ich einen brutal trockenen Hals. Meinst du, du kannst mir vielleicht etwas zu trinken geben?“

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