Donnerstag, 3. Januar 2013

Kapitel 2 - Teil 5

Tatsächlich hatte man uns erst vor einer Stunde einige Flaschen Mineralwasser gebracht, die von der Expedition mitgebracht wurden. Gerne kam ich also seinem Wunsch nach und flößte ihm etwas von dem Wasser ein, das er gierig wie ein Schwamm in sich aufsog. Eine Flasche leerte er, bevor er genug hatte und nach einem Räuspern mit verschwörerischer Stimme doch weiter erzählte.
 
“Eigentlich begann alles ganz normal. Der Schützenpanzer sicherte unseren Auszug und wir fuhren aus dem Wald auf die nächste Straße. Es war gespenstisch. Normalerweise ist um diese Zeit auf den Straßen die Hölle los. Wo sich noch vor Wochen der Berufsverkehr dahin schob, war heute nur eine leere, verlassene Straße, die ins Nirgendwo zu führen schien. Auch von diesen Monstern fehlte jede Spur. Völlig unbehelligt trafen wir im nächsten Gewerbegebiet ein und konnten im Großlager einer Supermarktkette Vorräte aufnehmen. Sogar unverdorbenes Obst haben wir in einem Kühlraum gefunden. Die Kühlung war zwar schon seit Tagen ausgefallen und es stank bestialisch nach verdorbenem Fleisch, aber das Obst im Nebenraum war größtenteils noch gut.
 
Von da fuhren wir vorsichtig in den Ort weiter. Der nächste von hier liegende Ort wurde vor dem Ausbruch von ungefähr 5000 Einwohnern bewohnt. Aber auch dort war alles leer und eine eigenartige Stille lag über der Gemeinde. Erst konnte es keiner so richtig zuordnen, dann fiel es einem Unteroffizier wie Schuppen von den Augen. Die Tiere. Nicht mal ein Vogel war zu sehen, oder zu hören. Nichts. Ich umklammerte mein Gewehr, und sah nicht wenig Kameraden, die sich ebenfalls an ihre Waffe klammerten, als wäre es das Einzige, was das Unheil von uns fernhalten würde. Und irgendwie stimmt das ja auch.
 
Abgesetzt arbeiteten wir uns tiefer vor. Immer wieder riefen wir nach Überlebenden und bekamen keine Antwort. Stattdessen entdeckten wir die Überreste. An einem Platz fanden wir sie. Überall verstreut. Körperteile, Innereien, Blut, es war ein grausamer Anblick. Wie ein bizarrer Wochenmarkt des Grauens präsentierten sich uns die Überreste derer, die einst diesen Ort bewohnt haben. Neben dem schrecklichen Anblick war da der Gestank. Die warme Herbstsonne hatte ganze Arbeit geleistet und die Verwesung umfassend eingeleitet. Mehrere meiner Kameraden übergaben sich, mich eingeschlossen.”
 
Noch in Gedanken schien ihn der Anblick zu verfolgen, denn seine ohnehin helle Gesichtsfarbe wurde noch blasser, als würde das wenige Blut aus dem Kopf schwinden. Er schluckte mehrmals trocken und als die Farbe in sein Gesicht zurück kehrte, setzte der Soldat seine Geschichte fort.
 
“Wir marschierten weiter. Hier gab es ja ohnehin nichts mehr für uns zu tun. Ein paar Meter weiter fanden wir die Gemeindehalle und wir verstanden, woher die Leichenteile stammten. Die Türen waren aus den Angeln gerissen und überall war Blut. Wirklich überall. Aber keine Leichen, nur die auf dem Platz verstreuten stinkenden Überreste. Wir zogen weiter. Eine Arztpraxis war unser nächstes Ziel. Dort hofften wir genügend Material für unseren Arzt organisieren zu können. Zusammen mit den zwei Sanitätern gingen wir rein und holten raus, was nicht niet- und nagelfest war. Ich glaub, wir haben da viel gutes Zeug erbeuten können, das uns hier weiterhilft. Entschuldige, ich hab einen ganz trockenen Mund. Hast du nochmal Wasser?”
 
Vorsichtig erhob ich mich aus meiner Lagerstatt, trennte eine weitere Flasche aus einer Packung heraus und flößte sie, zurück am Bett, dem Soldaten ein.
 
Dabei bemerkte ich mehrere Augenpaare die meinen Bewegungen aufmerksam folgten und offensichtlich auch begierig an Informationen den Erzählungen des Blonden lauschten. Sollten sie doch, solange meine eigene Neugier befriedigt wurde.

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