Freitag, 4. Januar 2013

Kapitel 2 - Teil 6

“Danke, es fühlt sich schon besser an. Ja, also wir haben die Praxis geleert und eine daneben liegende Apotheke, bevor wir dann weitergezogen sind. Zum nächsten Ort. Dort passierte das Wunder. Als wir den Ortsrand passierten, bemerkte der Oberfeldwebel eine Bewegung hinter einem Fenster. Sofort befahl er einen Halt und gab den Befehl, das Haus zu untersuchen. Als wir näher kamen, erkannten wir in dem Gebäude einen Kindergarten. Der Garten war leer, die Spielsachen waren über dem Boden verstreut und eine leere Schaukel wog leicht quietschend im kühler werdenden Herbstwind. Ein Anblick wie in einem Horrorfilm.
 
Wir hatten einen Kloß im Hals, weil wir nicht wussten, was uns dort erwartet. Von außen machte das Gebäude einen verlassenen Eindruck und wir befürchteten schon, dass der Oberfeld einem Irrtum aufgesessen war und sich dort vielleicht nur ein Vorhang bewegt hat. Möglicherweise hatte in den Räumlichkeiten auch ein Massaker stattgefunden und wir würden auf die misshandelten und geschundenen Überreste von Vorschulkindern stoßen. Oder noch schlimmer, dass sich in dem Gebäude Kinderversionen dieser Monster befanden. Das wollte freilich keiner von uns aussprechen, aber gedacht haben wir es alle. Aber es kam ganz anders.
 
Statt Monstern sahen wir plötzlich eine Frau am Fenster stehen, die uns aufgeregt zuwinkte. Wir konnten es kaum glauben und mehrere Männer ließen alle Vorsicht fallen und gingen in einen Laufschritt über. Ihr Winken nahm zu und ihr Mund formte für uns unverständliche Worte. Erst als sie deutlich mit dem Finger über uns hin weg zeigte, reifte bei meinem Unteroffizier der Gedanke, sich umzudrehen. Doch erst, als er bereits das Feuer eröffnete hatte, wurde uns bewusst, dass die eigentliche Gefahr hinter uns lauerte. Nicht nur wir hatten Wachsamkeit eingebüßt. Durch den konfliktfreien Verlauf unserer Mission und die Freude über Überlebende, hatte auch die zurück gebliebene Besatzung die Überwachung der Umgebung vernachlässigt. So waren sie schon nahe, als wir das Feuer eröffneten. Fast zu nahe.
 
Es müssen Hunderte gewesen sein. Lautlos rannten sie auf uns zu und wie ein Schwarm oder ein riesiges Rudel fielen sie über uns her. Wie Tiere, die gemeinsam auf Jagd gehen, aber alles nur größer und koordinierter. Erst als wir das Feuer eröffneten tönte ihr Schrei über das Feld und erschütterte uns bis ins Mark. Wer den Schrei schon einmal gehört hat, der weiß, was ich meine. Ganz fiese Scheiße.
 
Augenblicklich justierte der Schützenpanzer seine Schussrichtung und eröffnete das Feuer. Die, die noch auf dem Transportlastwagen saßen, sprangen hektisch herab und suchten Deckung hinter der von uns gebildeten Verteidigungslinie. Es war ein Gemetzel und der Nachschub an PSGs schien nicht enden zu wollen. Wir hatten auch keine Ahnung, wo sie so plötzlich herkamen. Von einer Sekunde auf die andere waren sie einfach da.
 
Ewig konnten wir dort nicht verharren, und das wussten wir. Rückzug war mit Sicherheit die einfachste Methode, aber keiner von uns hätte die Frau dort zurück gelassen. Zumindest ich nicht und auch meinen Kameraden sah ich an, dass sie eher mit Händen und Füßen weiter gekämpft hätten, als sie zu opfern. Schließlich fasste der Feldwebel einen Entschluss und befahl die Evakuierung der Zivilistin, auch wenn dadurch unsere Verteidigungskraft geschwächt wurde. Man muss sich das vorstellen: ein Trupp Soldaten, der sich eher geopfert hätte, als eine Frau den Klauen der Kreaturen zu überlassen. Das war mehr Heldenmut, als ich mir selbst zugetraut hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass sie in einem Kindergarten war und jeder von uns klammheimlich gehofft hatte.
 
Weil wir am nächsten standen, wurde ich mit drei anderen reingeschickt und dort wartete die nächste Überraschung. Hinter der Tür kauerten in einem Flur zwei Frauen mit den Kindern. Verängstigt saßen sie da und die Kinder heulten. Selbst den Tränen nahe waren die beiden damit beschäftigt die Kleinen zu trösten und ihnen Mut zuzusprechen, während draußen die Monster heulten und unsere Gewehre im Stakkato krachten.

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