Dienstag, 8. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 1

Mittlerweile waren fünf Wochen vergangen und der Bunker war zu unserer neuen Heimat geworden. Durch viele Außeneinsätze konnten auch einige Provisorien beseitigt werden: Wo zuvor noch schimmlige Schaumstoffmatratzen mehr oder weniger bequemen Schlaf boten, sind jetzt vermehrt richtige Matratzen im Einsatz. Auch der zweite von fünf Generatoren konnte in Stand gesetzt werden, was so manchen Energieengpass beseitigt hat. Defekte Leuchtkörper konnten ersetzt werden und dank einer Pioniergruppe funktionieren auch die sanitären Anlagen im Haus wieder, wenn auch warme Duschen nur einmal wöchentlich möglich sind. Die Arbeiten am dritten Generator laufen auch schon auf Hochtouren, die nötigen Ersatzteile konnten beschafft werden und schon wurde uns der Einsatz von Unterhaltungselektronik prophezeit.
 
Trotz des steigenden Komforts stellt sich schon bei den ersten so etwas wie ein Lagerkoller ein. Auch ich habe das Gefühl, von den überall präsenten Wänden erdrückt zu werden. Jeden Tag beim aufwachen das gleiche trostlose Bild der grauen Tunnelwände. In den Kinderräumen haben vor einigen Wochen die geretteten Kindergärtnerinnen die Initiative ergriffen und begonnen, mit den Kindern die Wände zu verschönern. Mit der mitgebrachten Farbe wurden Hügel, Bäume, Wolken und ein blauer Himmel an die Wände gezaubert. Namen und Handabdrücke der Kinder zieren das  Meisterwerk. Dunkle Töne, oder alles andere was an die Bedrohung vor den schweren Stahltoren erinnerte, wurden dabei ausgespart. Einige Kinder wachen auch nicht mehr schreiend mitten in der Nacht auf, um nach ihren wahrscheinlich toten Eltern zu verlangen.
 
Während meine Frau in der Küche eingeteilt wurde, habe ich mich für die Außeneinsätze gemeldet. Nicht zuletzt, um der Enge in den Gewölben zu entgehen. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich mich auch bei den Dingern revanchieren. Nachdem meine Verletzung überraschend schnell halbwegs verheilt war, habe ich zusammen mit 20 anderen Freiwilligen einen Crashkurs im Umgang mit militärischer Ausrüstung und eine theoretische Schusswaffenausbildung erhalten. Theoretisch, weil keine Munition vergeudet werden konnte.
 
Auch wenn die letzten Außeneinsätze überraschend ruhig verliefen, war der Munitionsvorrat doch bedenklich geschrumpft. Vor allem schwere Munition für den Schützenpanzer, den Marder, war knapp geworden.
 
Der Diesel-Vorrat wurde ebenso langsam knapp. Der vor dem Bunker geparkte Tankwagen war fast leer und die Tanks bei den Generatoren waren zwar kurz vor unserem Einzug noch aufgefüllt worden, aber an sich nicht für eine so lange Zeit konzipiert. Wollten wir zudem den dritten Generator in Betrieb nehmen, mussten wir schnell Nachschub organisieren. Unser nächstes Ziel lag deswegen weit im Süden und bestand aus einer nahe gelegenen Kaserne und einem dazugehörigen Munitionsdepot.

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