Donnerstag, 17. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 10

Gerne hätte ich ihm geglaubt, aber ich sah immer noch Ludwigs Gesicht vor meinem geistigen Auge. Wie er mich im Moment seines Todes angestarrt hatte mit dem Wissen, seine Verwandten nie wieder sehen zu können. Aber ich war überzeugt, dass sie immerhin jetzt im Tode wieder vereint waren. Angesichts der allgemeinen Lage standen die Chancen dafür ganz gut. Ein weiteres Gesprächsthema war das gezielte Vorgehen der Kreaturen. Wenn auch plump, wendeten sie eine simple Strategie an, um uns zu überrumpeln. Auch die besonders agile Spezies machte uns Sorgen. Sie waren den anderen nicht nur physisch überlegen, sie wurden auch nicht durch Körpertreffer gestoppt. Während die anderen noch Schmerzen zu spüren scheinen und auch im Blutrausch durch einen Treffer wenigstens verlangsamt wurden, waren die schnellen nicht so einfach auszuschalten. Auch die anderen wussten davon zu berichten, dass Körpertreffer ergebnislos blieben und das Ding nur marginal aufhalten konnten. Erst ein Kopftreffer sorgte für das schnelle und zuverlässige Ende.

Es war überhaupt ein Wunder, dass es so wenig Verluste gab. Das wurde, und da lasse ich jetzt alle Bescheidenheit fallen, nicht zuletzt mir zugeschrieben. Stefan erwähnte vor dem Feldwebel meine Beobachtung, nicht ohne zu ergänzen, dass ich anfangs zu lange gezögert hätte, aber nur deswegen die Entdeckung machen konnte. Nun ja, vom Oberfeld wurde ich für mein scharfes Auge gelobt und er meinte, dass er sich für mich etwas überlegen würde, während wir weiter die Barrikade beseitigten und ich gerade mit Stefan einen dünnen Baumstamm herausgezogen hatte. 

Tatsächlich gelang es uns nach 40 Minuten und mit Hilfe des Panzers, die Sperre soweit zu lockern und aufzureißen, dass wir durchschlüpfen konnten. Wer die Sperren angelegt hatte, blieb ebenso ein Rätsel, wie der ursprüngliche Sinn dieses Walls. Etwas unrühmlich fand ich, dass wir die Toten nur mit Decken bedeckt an Ort und Stelle zurück ließen und geschworen hatten, sie auf der Rückfahrt wieder aufzuladen. Das fand ich gegenüber jenen, die ihr Leben im Kampf lassen mussten und uns durch ihr Opfer gerettet hatten, etwas respektlos, trotz der Argumente des Feldwebels.

Darüber etwas verschnupft, wusch ich vor Fahrtantritt mit etwas Wasser das inzwischen verkrustete Blut aus dem Gesicht und von den Händen. In kleinen Rinnsalen floss es an meiner Haut herunter und tropfte zu Boden, wo es zu meinen Füßen eine kleine Lache bildete. Irgendwie war das schon ein komisches Gefühl, sich das Blut eines anderen Wesens abzuwaschen. Darüber zu sinnieren blieb wenig Zeit, der Konvoi musste weiterfahren. Also löste ich mich von meinen Überlegungen und setzte mich erneut zu Lehmann auf die Beifahrerbank. 

Beide starrten wir wortlos auf den leeren Platz, den Ludwig hinterlassen hatte und wenigstens ich tröstete mich damit, ihn noch nicht lange gekannt zu haben. Der Abschied fiel mir so etwas leichter. Kaum hatte ich mich angeschnallt, setzten wir uns auch schon wieder in Bewegung. Eine Bewegung am Boden erregte meine Aufmerksamkeit und ich bückte mich nach dem Auslöser der Bewegung. So erhaschte ich mit der linken Hand ein Stück Papier, ein Bild. Es zeigte Ludwig mit einer etwas übergewichtigen Frau seines Alters und drei kleinen Kindern. 

“Was hast du da?”, wollte Stefan von mir wissen.

“Nichts. Nur eine jetzt hoffentlich wieder glücklich vereinte Familie”, antwortete ich trocken und schluckte die Tränen mühsam herunter.

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