Freitag, 18. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 11

Im Schritttempo durchquerten wir den hinter der Barrikade liegenden Ort. Nicht nur ich beobachtete jedes Fenster und jede Tür aufmerksam. Auch Stefans Augen schienen über die Fassaden der Häuser zu wandern und jede Information aufzusaugen. Jedes Detail brannte sich in mein Gehirn und plötzlich sah ich eine Bewegung hinter einem Fenster. Dann noch eine und gleich darauf wieder. Angestrengt richtete ich meinen Blick auf das Haus und versuchte noch eine Bewegung einzufangen. Gerade als ich Stefan über meinen Fund informieren wollte, knackte das Funkgerät und die Stimme eines Offiziersanwärters erklang leicht verrauscht:  
 
“Sie sind da in den Häusern. Ich hab sie gesehen. Sie verstecken sich dort drinnen. Sofort auf die Häuser feuern. Hallo Martin? Hörst du mich. Feuer auf die scheiß Häuser.”
 
Wieder knackte es im Funkgerät und die Stimme des Feldwebels erklang.
 
“Funkdisziplin einhalten. Verdammt Gabriel, was soll das? Hier wird niemand das Feuer eröffnen. Wir kennen die Feindstärke nicht und solange wir nicht attackiert werden, werden wir keinen erneuten Zwischenfall provozieren. Over.”
 
“Hier noch mal Offiziersanwärter Gabriel. Herr Feldwebel, ich sehe das anders. Wir müssen sie jetzt attackieren, wenn sie es nicht erwarten. Wenn sie erst über uns herfallen, haben wir die schlechteren Karten. Over.”
 
“Ich wiederhole mich nicht gerne Gabriel. Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie nur als Beobachter an dieser Mission teilnehmen? Keiner schießt. Over and out.”
 
Damit war die Diskussion beendet und niemand wagte es mehr dem Befehl des Oberfeldwebels zu widersprechen. Weiter beäugte ich misstrauisch die Häuser und hoffte, dass er wusste, was er da tat. Ich teilte durchaus Gabriels Ansichten und umklammerte noch immer meine Waffe. So fest hielt ich sie in beiden Händen, dass meine Knöchel hervor traten und sich die darüber spannende Haut weiß färbte. Das kalte Metall grub sich in mein Fleisch, hinterließ dort deutliche Spuren und tat mir nach einiger Zeit auch weh. Dessen ungeachtet hielt ich an dem Gewehr fest. Nur unter Gewaltandrohung hätte ich mich in dem Moment von der Waffe getrennt und sie jedem ins Gesicht gehalten, der mir diese angedroht hätte. „From my dead cold hands”, skandierte einst Charlton Heston und gerade war ich in der Verfassung ebenso zu denken.
 
Als wir diesen unheimlichen Ort endlich hinter uns gelassen hatten, nahm der Konvoi wieder Fahrt auf und auch ich entspannte mich wieder. Vorsichtig lockerte ich meinen Griff um den Stahl. Blut strömte in meine Hände zurück und die Abdrücke schmerzten unangenehm in den Handflächen. Trotz aller Befürchtungen konnten wir unsere Fahrt ungehindert fortsetzen und nach rund einer Stunde erreichten wir ohne weitere Zwischenfälle die Kaserne. Das Tor war verschlossen und der Schlagbaum dahinter herunter gelassen. Kein Problem, wenn man einen Panzer dabei hat. Ein Schuss aus der Kanone riss die beiden Hälften der Pforte aus ihrer Angel. Durch die Wucht wurden sie nach drinnen gegen den Schlagbaum geschleudert, der unter der Wucht des Eisentors aus seiner Verankerung gerissen wurde und schief nach hinten ragte.
 
Zuerst durchquerte der Marder das Tor und schob dabei die Reste des noch halb auf die Straße ragenden Schlagbaums zur Seite. Als wir an der Reihe waren, folgten wir dem vor und her fahrenden Fahrzeug und konnten uns von der Kaserne einen Eindruck verschaffen. Direkt hinter dem Schlagbaum lag das Wachhaus auf der linken Seite. Auf der anderen Seite der Scheiben war es dunkel und von außen nichts zu erkennen. Überall war der Boden mit einer rostbraunen Farbe überzogen. Daneben lagen hunderte Patronenhülsen. Eine leichte Patina hatte sich auf ihnen gebildet, aber noch immer blitzten einige leicht in der schwachen Spätherbstsonne. Es war nicht schwer sich auszumalen, was hier vorgefallen war. An einer Straße trennten wir uns. Während die LKWs ausbrachen, um nach Vorräten und Waffen zu suchen, steuerten wir die Tankanlage an.

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