Freitag, 25. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 18

Gerade als wir den Raum betreten wollten, schnellten wir augenblicklich wieder zurück. Beißender Urin- und Kotgestank stand förmlich in der Luft und rang uns die Luft ab. Das hier war übler, als alles andere, was ich jemals an üblen Gerüchen erleben musste. Hier lag der Kot und der Urin von 19 Soldaten über einen Zeitraum von mindestens fünf bis sechs Wochen und stank geradezu unmenschlich. Obwohl ich in dem Moment davon überzeugt war, dass der Gestank nicht auszuhalten war und zum sofortigen Tod führen musste, wurde ich doch im gleichen Moment Lügen gestraft. Lehmann und Hauser stapften munter darin herum, kontrollierten Kisten, markierten wiederum andere und machten nicht den Eindruck, besonders beeindruckt zu sein.
 
Unseren angeekelten Blick bemerkend blickte unser Befehlshaber kurz auf, grinste bis über beide Ohren und meinte nur lapidar „Die Tränengaskammer ist schlimmer. Also habt euch nicht so ihr Pussies, das ist schließlich kein Mädchenpensionat hier.“
 
Danach flüsterte er Stefan noch etwas zu, was ich nicht verstand, beide aber zu einem grellen Lachen animierte. Na immerhin hatten wir Spaß. Also nochmal tief Luft geholt und in den Raum rein gestürmt. Der war von innen betrachtet größer, als er von außen schien. Die Kisten stapelten sich auf über fünfzig Meter Länge und fast genauso viel Breite bis unter die Decke. Weiter hinten glaubte ich eine Konstruktion zu erblicken, die für den Gestank in dem Raum verantwortlich war. Einige Kisten waren zu behelfsmäßigen Latrinen zusammengeschoben worden und darunter sickerten eklig aussehende Pfützen hervor. Weil keiner so genau wissen wollte, worum es sich dabei handelte, beließen wir es dabei und widmeten uns den Kisten und dem einen Hubwagen.
 
Zwischendurch mussten wir natürlich auch Luft holen. Anfangs liefen wir dazu tatsächlich alle halbe Minute nach draußen, nahmen einen Schnapperer, um gleich darauf mit der Arbeit fort zu fahren. Schwere Arbeit erfordert aber, häufiger Luft zu holen, weshalb einer nach dem anderen den ersten Zug wagte. Der erste war ein Mann in meinem Alter, der nicht viel sprach und auch nach seinem ersten Atemzug nicht gesprächiger wurde. Seine Augen und die blasse Gesichtsfarbe sprachen aber eine mehr als deutliche Sprache. So deutlich, dass mir ein Lachen entfuhr, was sich bitter rächen sollte, und mir wiederum das Gelächter der anderen einbrachte. Immerhin hatten wir es danach alle hinter uns und tatsächlich roch man es nach einiger Zeit gar nicht mehr. Ach, wem mach ich was vor. Natürlich roch man es noch und bis zum Ende hatte ich das Gefühl, kopfüber in einem Festivaldixieklo festzustecken, das nicht einmal geleert wurde. Wer vor der ganzen Scheiße Festivals besucht hatte, der weiß, was ich meine.
 
Trotzdem dachte keiner daran aufzugeben. Zu wichtig war unsere Aufgabe, um wegen dem bisschen Gestank jetzt klein beizugeben. Der Gedanke an die Sicherheit meiner Familie ließ mich die sprichwörtliche Scheiße durchhalten und immerhin konnten wir alle markierten Kisten aufnehmen und nach draußen karren. Das war natürlich nur die halbe Miete, denn dann musste das Zeug auch noch auf die LKWs, was der wesentlich unangenehmere Teil der ganzen Übung war.
 
Der Hubwagen erleichterte uns zwar den Transport nach draußen, nahm uns aber natürlich nicht die Arbeit ab, die Kisten hochzuwuchten. Was hatten wir uns in dem Moment einen Gabelstapler gewünscht. Oder wenigstens, dass uns einer der verlumpten Gestalten zur Hilfe kam, die ohnehin nur teilnahmslos und stumm da saßen. Mit leblosem Blick starrten sie auf den Himmel, die Bäume und manchmal auch auf uns, als könnten sie nicht glauben, dass das alles real war. Etwas Arbeit hätte sie sicher davon überzeugen können, aber so fertig die waren, wären sie uns ohnehin keine große Hilfe gewesen.
 
Also blieb es doch nur an uns hängen. Immerhin gingen uns Lehmann und Hauser am Ende doch noch zur Hand, wenn auch nur beim beladen des Hubwagens. Trotz der Hilfe schufteten wir, bis die Dunkelheit über uns hereingebrochen war und aus Sicherheitsgründen die Arbeiten eingestellt werden mussten. Wir konnten aber stolz sein. Allen Widrigkeiten zum Trotz hatten wir genügend Munition aufgenommen, um einen kleinen Krieg führen zu können. Was vielleicht demnächst sogar nötig war.
 
Zur allgemeinen Freude war es uns auch noch gelungen, passende Bewaffnung für die Panzer aufzutreiben, bevor wir uns endgültig von der Anlage verabschiedeten. Die Überlebenden wurden auf die Fahrzeuge verteilt und einige unserer Leute wichen entgegen der Vorschriften auf die ungesicherten Ladeflächen aus, um den ohnehin schon arg Geschundenen einen bequemen Transport zu ermöglichen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen