Samstag, 26. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 19

Auch Stefan und mir wurde ein neuer Begleiter zugeteilt. Sein Namensschild wies ihn als Urban aus, sein Abzeichen als Hauptgefreiter. Stumm nahm er neben uns Platz und blickte wie zuvor die ganze Gruppe aus leeren Augen empfindungslos nach vorne. Irgendwie war er ein gespenstischer Anblick, wie er so da saß. Oh, und er stank. Meine vorherigen Vergleiche mit dem Dixie-Klo waren hier zwar nicht ganz zutreffend, aber auch nicht weit entfernt. Das war kein harmloses Düftchen, sondern eher ein Geruch, als hätte er sich seinen Arsch über Wochen mit seiner Uniform ausgewischt. Was er vielleicht sogar tat. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Jungs im Augenblick der Gefahr ausgerechnet an Klopapier gedacht hatten. Das tun die wenigsten. Das vermisst man es erst, wenn man keines mehr hat und wenn dann auch kein Wasser da ist die Hände zu waschen, hat man ein ernsthaftes Problem. Neben dem Geruch nach körperlichen Ausscheidungen aller Art mischte sich noch ein anderer Duft darunter. Das konnte auch gut von meiner noch immer blutigen Uniform stammen, kam aber eindeutig von unserem Fahrgast. Hier möchte ich gern den blumigen Vergleich zu einem Lebewesen nennen, das in seinen eigenen Exkrementen verendet und darin verfault.
 
Auch der zuvor noch so standhafte Unteroffizier zeigte langsam Zeichen, von dem Gestank übermannt zu werden und stellte unauffällig die Lüftung hoch, um den penetranten Geruch unseres neuen Beifahrers zu kaschieren und durch frische Luft von draußen zu verdrängen. Der Erfolg war natürlich eher geringer Natur und schon befürchtete ich, diesen Gestank nie wieder aus meiner Nase zu bekommen.
 
Natürlich musste man aber gerecht sein und dazusagen, dass er wohl kaum für sein Schicksal konnte. Immerhin war dieser Urban noch am Leben und hatte damit vielen Menschen etwas voraus. Zudem war für uns kaum vorstellbar, was diese Gruppe Männer in der Abgeschiedenheit des Bunkers hatte durchmachen müssen. Platzangst war auch für uns kein Fremdwort und unser Bunker bot ein Vielfaches von dem Platz, den dieser Hühnerkäfig gewährt hatte. Gruslige Vorstellung irgendwie. Da war ja nicht nur der wenige Platz, auch der Gestank muss ja furchtbar gewesen sein. Überhaupt schien es um die Sauerstoffversorgung am Ende nicht mehr so gut gestanden zu haben. Eigentlich sind diese Lagerräume ja gut belüftet, um Schimmelbildung vorzubeugen. Davon war hier nichts mehr zu spüren gewesen. Dann war da natürlich noch die Nahrungsmittelversorgung. Dem körperlichen Zustand nach, war die letzte Mahlzeit von unserer Ankunft schon einige Tage her und Durst hatte ihnen offensichtlich auch zu schaffen gemacht.
 
Na immerhin dagegen konnte ich etwas machen und griff nach dem Sixpack mit den Wasserflaschen.
 
“Durst?”, durchbrach ich die Stille an unseren neuen Beifahrer gerichtet.  
 
Statt einer Antwort griff er wortlos nach einer Flasche und drehte angestrengt am Drehverschluss.
 
“Kann ich helfen?”, bot ich meine Hilfe an.
 
“Ja. Bitte”, krächzte mich seine kraftlose Stimme an, während er mir die Flasche wieder entgegen streckte. Immerhin wussten wir jetzt, dass er nicht stumm war und ich hatte die leise Hoffnung etwas mehr darüber zu erfahren, was in diesem Bunker vorgefallen war.
 
Entsprechend erleichtert nahm ich die Flasche, drehte den Schraubverschluss herab und reichte sie ihm wieder.
 
Gierig wie ein Alkoholiker bei seiner ersten Flasche Bier saugte er sie in einem Zug leer und bedankte sich mit einem verhaltenen Rülpser.
 
“Das war gut. Hast du noch mehr?”, krächzte die Stimme schon weit weniger schwach.

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