Mittwoch, 9. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 2

Bei der Einsatzbesprechung waren alle Dienstränge anwesend. Die verhaltenen Gespräche endeten abrupt, als der Oberst den Raum betrat. Wie schon berichtet, war der für uns lange Zeit ein Phantom, stellte sich aber dann doch als Realität heraus. Von den Soldaten, die schon vor der Krise mit ihm zu tun hatten, wurde er als charismatisch beschrieben. Ein großer Anführer soll er gewesen sein, einer, der die Menschen mitreißen konnte und allein mit seiner Anwesenheit die Soldaten zu motivieren verstand. Das war das Bild, das mir von unserem Oberst suggeriert wurde. Hier und heute jedoch wirkte er einfach nur müde. Bartstoppeln und eingefallene Augen zierten sein Gesicht. Die Haare standen zerzaust in alle Richtungen und als er an mir vorüber schritt, meinte ich eine Alkoholfahne zu erkennen. Wie er da so uns vorüberschritt, oder vielmehr vorübertorkelte, hätte ich keinen Cent auf ihn gewettet. Umso überraschter war ich dann, als er am Pult stehend einen gefassten und fokussierten Eindruck hinterließ. Ganz so, als gäbe ihm dieser Moment die Kraft, seinen Tiefpunkt zu überwinden.
 
“Guten Morgen. Ich glaube, ich brauche nicht viele Worte zu verlieren, die meisten von Ihnen kennen das Ziel und haben dort sogar ihren Dienst abgeleistet. Für die, die mit der Lokalität nicht so vertraut sind: Es handelt sich um die Kaserne eines Panzergrenadierbataillons. Im angrenzenden Depot werden Sie Munition, Waffen und Notrationen aufnehmen. In der Kaserne gibt es ein Treibstoffdepot, an dem Sie den Tankwagen auffüllen werden. Die Pumpe kann über ein Stromaggregat betrieben werden. Mit etwas Glück werden Sie dort noch funktionstüchtige Dienstfahrzeuge vorfinden. Bringen Sie alles mit, was uns nützlich sein könnte. Weiter werden Sie in der Standortverwaltung Uniformen, Decken und Bettzeug aufnehmen. Sofern es die Umstände erlauben. Herr Oberfeldwebel Lehmann wird den Einsatz leiten und Ihnen Aufgaben zuweisen. Aushilfskräfte werden vorrangig für körperliche Tätigkeiten eingeteilt, die Sicherungsaufgaben entfallen vorerst weiter auf ausgebildete Soldaten. Noch Fragen?”
 
Als nur Gemurmel kam, beendete er das Briefing kurzerhand und zog sich schnell zurück, was für uns das Zeichen zum Aufbruch war. Sofort übernahm Lehmann das Kommando und übernahm den Zug. Seit der Rettung der Kinder war der Oberfeldwebel eine kleine Bekanntheit in der Anlage. Er galt als kühn, bereit Risiken einzugehen, aber gleichzeitig als guter Anführer, der sich unkonventioneller Methoden bediente. Ein Ruf, der ihm sichtlich unangenehm war. Darauf angesprochen, versteifte er sich auf die Meinung, nur seine Pflicht zu tun und das sei schließlich alles, was zähle.
 
Wie im Vorfeld von unseren Gruppenführern angekündigt, wurden wir auf verschiedene Fahrzeuge verteilt und bekamen Aufgaben zugewiesen. Trotz meiner Verletzung war ich als Arbeiter eingeteilt. Arbeiter bekamen nur eine Maschinenpistole, während die Wachen mit Sturmgewehren bewaffnet waren. Immerhin lag die Maschinenpistole gut in der Hand und war im Nahkampf dem Sturmgewehr auch überlegen. Der geringere Rückstoß, die kürzere Lauflänge und das leichtere Design machten sie zum besten Freund, wenn sich der Feind auf kurze Distanz genähert hatte.
 
Zusammen mit dem Stabsunteroffizier Stefan Hauser und dem Obergefreiten Ludwig Kain waren wir für den Tanklaster eingeteilt. Kain übernahm das Steuer und mit Hauser teilte ich mir die Beifahrerbank. Was noch im Tank war, wurde am Tag vor unserer Abfahrt in die Tanks der Anlage gepumpt, um Platz für Nachschub zu schaffen und natürlich, um für den unwahrscheinlichen Fall vorzusorgen, dass wir nicht zurückkehren würden. In dem Fall war für die Zurückgebliebenen jeder Tropfen wertvoll.  

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