Sonntag, 27. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 20

“Aber natürlich Herr Hauptgefreiter”, antwortete ich knapp und mit Blick auf seine Schulterklappen. Zufrieden zog eine neue Flasche aus der Packung. Dieses Mal öffnete ich die Flasche, bevor ich sie weiter reichte, um ihn nicht ein weiteres Mal zu brüskieren. Es gibt da so ein paar Sachen, die einem Mann peinlich sind und einen anderen Mann darum zu bitten eine Flasche zu öffnen, gehört definitiv dazu.
 
Fast schon gierig entriss er die Plastikflasche meinen Händen und wieder rann die Flüssigkeit in einem Zug ohne erkennbare Schluckbewegungen seinen Hals hinunter. Zurück erhielt ich wortlos die leere Flasche. Ohne eine weitere Frage abzuwarten, zog ich eine neue Flasche hervor und reichte sie ihm geöffnet.
 
“Danke”, krächzte er, während er nach der Flasche griff. Obwohl sein Gesicht mittlerweile weniger verhärmt wirkte, waren seine Augen noch immer apathisch nach vorne gerichtet. “Wie lange waren wir da drin?”, wollte Urban plötzlich von uns wissen. Die Frage traf uns überraschend und unvorbereitet.
 
“Wir wissen nicht, wann ihr da rein seid, aber ich würde sagen um die acht Wochen”, schaltete sich Stefan in das Gespräch ein.
 
“Scheiße. Die Unterkunft ist für eine Woche ausgelegt, aber keiner von uns traute sich das Tor zu öffnen. Wir wussten nicht, was uns da draußen erwartet und ob es überhaupt noch andere Überlebende gibt”, zeigte sich der Hauptgefreiter plötzlich geschwätziger.
 
“Was ist denn passiert?”, hatte ich mit der Hoffnung nachgehakt, dass er seine Auskunftsfreudigkeit beibehalten würde.
 
Im ersten Moment sah es nicht so gut aus und ein Blick in sein von Entbehrungen gezeichnetes Gesicht war auch nicht aufschlussreicher. Der Bart wucherte über seinem Gesicht und die darunter liegende Haut zeigte Anzeichen von Verschmutzung und Hautunreinheiten. Mit anderen Worten war das Gesicht unter dem Bart übersät mit Pickeln, Mitessern und kleinen Entzündungen. Allein seine Augen strahlten ansatzweise so etwas Ähnliches wie Leben aus, wenn auch nur schwaches. Immerhin hatte sich sein untätiger Blick mittlerweile gelöst und erstmals schienen auch wir ihn zu interessieren. Während ich ihn musterte, ruckte sein Kopf nach links und unsere Blicke kreuzten sich. Möglicherweise war das der Auslöser, aber gleich nachdem er meinem Blick ausgewichen war, lockerte sich seine Zunge.
 
“Wir waren gerade unterwegs, als die neuen Befehle kamen”, begann er angestrengt zu erzählen. Noch kamen ihm die Worte langsam und behäbig über die Lippen, aber mit jedem Wort festigte sich seine Stimme. “Bis dahin galten die Befehle, Essenslieferungen zu überwachen, bzw. die Sicherheitskräfte zu unterstützen. Wir erhielten einen Hilferuf, dass Übergriffe stattfanden und wir die Kräfte vor Ort unterstützen sollten. Von einer Stunde auf die andere überschlugen sich die Hilferufe und statt Rettung war Rückzug und Sicherung der eigenen Ressourcen der neue Marschbefehl. Wir wurden von seltsamen Wesen überfallen und mussten uns mit unseren Waffen dagegen zur Wehr setzen. Leichter gesagt als getan, wenn man weiß, dass es sich dabei um den eigenen Bruder, oder die eigene Schwester handeln könnte, nicht wahr? Einige legten die Waffen nieder, desertierten, oder richteten sich mit ihren eigenen Waffen. Innerhalb der ersten Stunden verloren wir die Hälfte unserer eh schon ausgedünnten Stärke.

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