Dienstag, 29. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 22

Wenn die Truppe vor uns ausgelöscht wurde, könnte uns ein ähnliches Schicksal bevorstehen. Andererseits war es besser, sie oben zu bekämpfen, als sich hier unten gegen einen weiteren Feind zur Wehr zu setzen. Entgegen meines Bauchgefühls empfahl mir mein Kopf dem Befehl Folge zu leisten und ich erhob mich, um den anderen zu folgen. An die Zivilisten dache ich dabei gar nicht mehr. Ich machte mir viel mehr Sorgen um unsere eigenen Jungs und natürlich auch um mein eigenes Leben.
 
Vorsichtig und uns gegenseitig Deckung gebend, nahmen wir uns also die Treppe vor. Noch bevor wir den ersten Treppenabsatz erreicht hatten, klatschte etwas gegen die Wand. Ein richtig fieses klatschendes Geräusch gab es und dort, wo es die Wand getroffen hatte, war ein roter Fleck. Ich warf nur einen kurzen Blick auf das Objekt, erkannte aber trotzdem darin Schreibers Gesicht. Seine Augen waren aufgerissen und sein Mund formte einen letzten Schrei. Ein Ohr fehlte und Teile der Blutarterien hingen aus dem offenen Hals. Der Kopf wurde nicht sauber abgetrennt, sondern mit brutaler Gewalt von seinem Körper gerissen worden.
 
Die Schussfrequenz hatte im Obergeschoss in der Zwischenzeit stark abgenommen. Nur noch zwei Gewehre waren zu hören, die abwechselnd Feuerstöße abgaben. Zwei von ursprünglich elf ausgebildeten Soldaten. Noch hatten wir die Hoffnung, dass die anderen wenigstens verwundet, oder ohne Munition auf Rettung warten würden. Den Ekel überwindend passierten wir den Kopf unseres ehemals Kommandierenden und nahmen den zweiten Teil der Treppe in Angriff und wieder blieb uns die Luft weg.
 
Blut tropfte von den Stufen herab. Ich meine, nicht einfach so. Der ganze obere Flur war so voller Blut, dass es nach unten kam, ähnlich Wasser bei einem Rohrbruch. Dort oben musste ein Massaker stattgefunden haben und spätestens jetzt war der Zeitpunkt erreicht, an dem auch den letzten von uns die Panik ergriff. Ein junger Gefreiter, ich kann mich an seinen Namen nicht mehr erinnern, warf sein Gewehr in hohem Bogen von sich und rannte zurück. Direkt in die Arme des Unteroffiziers, der versuchte, ihn zu beruhigen. Mit mäßigem Erfolg muss ich dazusagen.
 
Also gingen wir ohne den Kerl weiter. Wäre ohnehin nur Ballast gewesen, aber auch der Rest von uns war knapp davor alles hinzuschmeißen. Wie Espenlaub zitterten meine Hände und ich hätte wahrscheinlich ein Scheunentor aus fünf Meter Entfernung verfehlt. Auf den letzten Stufen lag so viel Blut, dass wir aufpassen mussten, darauf nicht auszurutschen. Unsere Stiefel hinterließen sich langsam schließende Abdrücke in der zähen Masse und machten so komisch schmatzende Geräusche, als wir darüber liefen.
 
Trotzdem gingen wir vorsichtig weiter. Noch ein Gewehr verstummte und erwachte nicht wieder zum Leben und verlieh uns wieder etwas Antrieb, weil wir unseren Kameraden helfen wollten. Naja, und dann hatten wir die letzte Stufe erreicht. Der vor mir laufende Kamerad erbrach sich vor mir auf den Boden und als ich neben ihm einen Blick in den Flur warf, verstand ich seine Reaktion. Der Blick in den Flur war das Schrecklichste, was ich bis dahin gesehen habe. Ohne Vorwarnung entschloss sich mein Magen dann auch spontan sich  zu entleeren und noch bevor ich eine Warnung aussprechen konnte, vergoss ich den ganzen Inhalt auf meinen Vordermann, der selber noch dabei war, sich die Kotze aus dem Gesicht zu wischen.

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