Samstag, 12. Januar 2013

Kapitel 3 - Teil 5

“Du hast Familie? Du, sorry, das wusste ich nicht.”, entsprang meinem Mund und irgendwie bereute ich gleich darauf, dass mir nichts Besseres eingefallen war.
 
“Naja, Vater, Mutter, und eine Schwester mit drei wundervollen Kindern. Zwei Söhne, eine Tochter. Die … “
 
Der Obergefreite machte eine Pause und versuchte, seine Tränen unter Kontrolle zu halten.
 
“Die Söhne waren drei und fünf. So alt, wie die Kinder in dem Kindergarten. Ich habe noch am Abend bevor alles losging mit ihnen telefoniert. Es ging allen gut und sie …”
 
Eine Träne lief über Kains Wange.
 
“Sie wollten den schönen Herbsttag nutzen und zu einer Wanderung in die Wälder aufbrechen.”
 
Etwas hilflos waren meine Versuche, ihm Mut zuzusprechen: “Ich bin mir sicher, es geht ihnen gut.”
 
“Auch wenn ich es besser wissen müsste, glaube ich daran, dass ich sie wiedersehen werde. Gleich, als die ersten Berichte reinkamen, hab ich noch mal versucht sie zu erreichen. Satellitentelefon. Eigentlich nicht ganz legal, aber als Fernmelder beim Bund hat man halt so seine Möglichkeiten. Diese Frequenzen wurden geschaffen, um im Katastrophenfall immer und überall erreichbar zu sein. Aber nichts. Kein Sterbenswort. Gar nichts.”
 
Wieder trübte sich sein Blick und ich überlegte mir sogar, ob ich den jungen Kerl in den Arm nehmen sollte, entschied mich aber dagegen. Ich wollte keine falschen Signale senden. Da gab’s aber doch noch was, was mich interessierte.
 
“Entschuldige, das mag jetzt unpassend sein, aber dieses Satellitentelefon …”
 
“Ja?”, schluchzte er, räusperte sich gleich darauf und fuhr mit seinem Hemdsärmel über seine Augen. “Ja, was ist damit?”, kam die Frage dieses Mal etwas fester.
 
“Habt ihr darüber schon versucht, den Stab oder wen auch immer zu erreichen?”
 
“Was denkst denn du?”, blaffte er mich fast schon spöttisch an. “Natürlich. Gleich, als wir draußen waren. Alle bekannten Durchwahlen und Vermittlungsstellen. Scheiße, ich bin doch kein verkackter Amateur.”
 
Sein Anfall von Trauer schien verflogen.
 
“Aber nichts. Wieder nichts. Dabei sind die Bunker unter dem Verteidigungsministerium sogar mit einer eigenen auf der Satellitentechnik basierenden Kommunikationsanlage ausgestattet. Wenn nicht mal die es geschafft haben, dann gibt es keinen mehr, verstehst du?”
 
“Vielleicht waren sie einfach nicht vorbereitet.”, gab ich nüchtern zu bedenken. “Oder sie haben sich in eine andere Stellung zurück gezogen.”
 
“Ich glaube, dass meine Schwester, meine Neffen und meine Nichte noch leben. Glaub du ruhig weiter daran, dass wir wieder heil aus der Scheiße rauskommen.”, erwiderte Ludwig ruhig und blickte fortan nachdenklich zu Boden.

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