Mittwoch, 6. Februar 2013

Kapitel 3 - Teil 30

Ein Seufzer kam aus Streichers Mund und er nahm einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche. Obwohl er erleichtert wirkte, dass er sich endlich alles von der Seele reden konnte, zögerte er einen Moment. Zaudernd setzte er fort.
 
“Was mit den zwei passiert ist, nun, darüber habe ich mir schon viele Gedanken gemacht. Gefreiter Guba und Hauptgefreiter Hofstetter, zwei gute Männer aus meiner Kompanie. Mit Hofstetter hab ich mir vor zwei Jahren drei Monate ein Quartier geteilt. Danach war er in Afghanistan und kam vor drei Monaten zurück. Ein erfahrener Soldat, der in einem Krieg gekämpft hat, den niemand als Krieg bezeichnen wollte. Guba dagegen war erst vor einem halben Jahr direkt nach der Grundausbildung unserem Zug zugeteilt worden. Er war gerade mal 20 und noch grün hinter den Ohren. Aber beide gute Männer und es ist mir bis heute unverständlich, was da passiert ist.
 
Wir waren gerade mal ein paar Tage in dem Loch. Die Zeit hatte für uns noch nicht ihre Bedeutung verloren und trotz Rationierung waren wir noch gut bei Kräften. Die Mängel machten sich noch nicht bemerkbar und wir hatten noch frisches Wasser. Der Generator lief noch sechs Stunden am Tag und die Luft wurde regelmäßig umgewälzt. Man könnte sagen, dass trotz aller Einschränkungen noch gute Stimmung unter der Truppe herrschte. Den Umständen entsprechend natürlich, denn jeder hatte mehrere Kameraden dort draußen verloren und die Bilder der toten Zivilisten belasteten uns. Keiner von uns wollte darüber ein Wort verlieren und im Schlaf wurde ich von den leeren Augenhöhlen der jungen Mutter und ihrem zerfetzten Säugling verfolgt.
 
Alles im Arsch, aber läuft, also…
 
Also just zu der Zeit verschwand Guba immer für Stunden nach draußen. Er war nicht drüben in unserer behelfsmäßigen Latrine. Um Wasser zu sparen, zogen wir uns in das Munitionsdepot zurück, aber das habt ihr ja sicher schon bemerkt. Nein, da war er nicht. Hofstetter beobachtete ihn, wie er an dem Außentor kauerte und ständig sein Ohr gegen den kalten Stahl drückte. Sein ganzer Gesichtsausdruck war geistesabwesend, seine Augen und der Mund weit aufgerissen und ein dünner Speichelfaden hing aus seinem rechten Mundwinkel.
 
Wir wollten es ihm nicht glauben, als er zurück kam, um es uns zu erzählen. Allein die Vorstellung war schon abwegig. Wir machten uns lieber selbst ein Bild davon und jedes verdammte Wort war wahr. Wie ein Parasit hing er an der Tür und schien sich mit seinem rechten Ohr an dem Stahl festzusaugen. Weil Hofstetter, wie er meinte, den Anblick nicht länger ertragen konnte, schritt er vor und zog den Kerl von der Tür weg. Ich weiß nicht, ob ich mir das eingebildet hab, aber ich schwöre Stein und Bein, dass ich ein Geräusch gehört hab, das klang, als würde man einen Saugnapf von einer ebenen Fläche ziehen,  als sich der Kopf vom Tor löste.

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