Freitag, 8. Februar 2013

Kapitel 3 - Teil 32

“Es waren die Stimmen”, unterbrach ich mit leiser Stimme.
 
“Die was?”, wollte Stefan wissen.
 
“Die Stimmen”, wiederholte ich. “Es sind Stimmen im Kopf. So kommunizieren sie mit uns.”
 
Ich musste an Frank denken.
 
“Oder so manipulieren sie uns und können uns kontrollieren. Zumindest teilweise.”
 
“Ist das der Grund, warum alle am durchdrehen waren, nachdem sie die CD gehört haben? Sind da auch diese Stimmen drauf?”, wollte Stefan mit einem spöttischen Unterton in der Stimme wissen.
 
“Das kann dir nur jemand beantworten, der sich das angehört hat. Du kannst das nächste Mal ja einen fragen, wenn er versucht, dir deine Eingeweide rauszureißen”, erwiderte ich ihm trotzig und schien damit einen wunden Punkt beim Unteroffizier getroffen zu haben.
 
“Hey, kein Grund mich anzumachen. Du wirst zugeben, dass sich das etwas abenteuerlich anhört. Stimmen im Kopf. Was kommt als nächstes? Medizinmänner? Dieser Guba ist halt durchgedreht. Bunkerkoller. Was weiß ich? Aber Stimmen? Ich bitte dich.”
 
Die Reaktion war zu erwarten gewesen und ich hätte nicht anders reagiert, hätte ich die Stimmen nicht am eigenen Leib erfahren. “Glaub was du willst, aber ich kenne die Stimmen. Ich habe sie gehört. Sie waren wunderschön und abstoßend zugleich. Ich habe erlebt, wie ein Mann neben mir ob der Stimmen durchgedreht ist und ähnliche Reaktionen wie Guba gezeigt hat. Und ja, vielleicht sind auch auf dieser verfluchten CD diese Stimmen drauf. Oder wie erklärst du dir all die Scheiße?”
 
Die letzten Worte schrie ich fast, so wütend hatte er mich gemacht.
 
“Ist ja schon gut. Aber du bist ja auch nicht durchgedreht, oder?”, versuchte Stefan zu beschwichtigen.
 
“Nein, das bin ich nicht. Aber vielleicht wär ich es. Es war zu verlockend. Ich hätte mich nur fallen lassen müssen, mich den Stimmen ganz hingeben müssen. Es war so verlockend, wie ein Licht am Ende des Tunnels, wie eine Erlösung, ein Versprechen”, führte ich immer weiter aus und spürte irgendwie, dass sich bei den Gedanken an die Stimmen etwas veränderte. Wieder überkam mich dieses Gefühl und plötzlich wünschte ich mir, die Stimmen erneut hören zu dürfen. Ich verspürte das regelrechte Verlangen, nach den süßen Verheißungen, nach der Erlösung.
 
“Hey, eingeschlafen?”
 
Streichers Stimme riss mich aus meinen Gedanken und etwas zerbrach. All die wunderschönen Gefühle waren verschwunden und machten einer deprimierenden Leere Platz. Noch während ich mich in den Zustand zurücksehnte, überkam mich die Erkenntnis darüber, was eben vorgefallen war. Ein mir unbekanntes Etwas, dass sich entwickeln wollte, war in mir. Die Erinnerung daran hatte es geweckt und es erneut belebt. Schauer liefen mir über den Rücken und ich klammerte mich regelrecht an die aufgetretene Leere. Um die Leere mit Gedanken zu füllen, rief ich mir Bilder meiner Frau ins Gedächtnis und versuchte mich an den Tag der Geburt meines Sohns zu erinnern. Neue Bilder rauschten durch meinen Kopf, meine Frau, die meine Hand zerquetschte, das Schreien eines Säuglings, das stolze Gefühl, eben Vater geworden zu sein füllten die Leere und gaben mir neuen Halt in einer kalt gewordenen Realität.

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