Sonntag, 10. Februar 2013

Kapitel 3 - Teil 34

Streicher nickte bestätigend und setzte mit gedämpfter Stimme fort. “Bei uns gingen Gerüchte um, dass die Jungs und Mädels vorher eher im rechten politischen Spektrum anzutreffen waren. Was zuletzt politisch abging, war ja auch nicht ganz koscher. Ganz offensichtlich konnten sich einige konservative Hinterbänkler in den entstandenen Wirren mit ihren Rufen nach Ordnung und staatlicher Härte durchsetzen. Aufgrund der Notstandsgesetze bekam ja kein Mensch mehr mit, was da passierte. Angeblich wurde die Regierung aus Berlin verlegt. Etwas Genaues weiß man nicht. Selbst unsere militärischen Führer waren ahnungslos, woher die Befehle kamen.
 
Angeblich wurden Gefängnisse in Lager für die PSGs umgebaut und die Häftlinge für die Schwarzhemden rekrutiert. Das ergäbe sogar Sinn, so abgeschnitten von der Außenwelt, wie die da in den Gefängnissen vegetieren. Aber Gerüchte gab es viele die Wochen vor dem Ausbruch und das waren noch die harmlosesten. Die wildesten Gerüchte berichteten von außerirdischen Angreifern und staatlichen Gammastrahlen und ähnlichem Mist. Flugzeuge, die irgendwelche Gase ausstoßen, Mittel in Impfstoffen; der übliche Bullshit eben. Aber die Schwarzhemden und die verschleppten Kameraden sind nun mal Realität.”
 
“Bei uns gab es ähnliche Gerüchte”, stimmte der Unteroffizier zu. “Ein anderes war, dass hinter dem Macher dieser Musik in Wirklichkeit eine Geheim- oder Terrororganisation aus dem mittleren Osten steckt.”
 
“Die Taliban oder Al’Qaida?”, warf Karl-Heinz ein. “Die Gerüchte gab es bei uns auch, aber die hätten doch sicher andere Wege gefunden, als ausgerechnet über Musik. Nein, da steckt irgendwas anderes dahinter.”
 
Die gerade aufgekommene Diskussion endete abrupt, als das Funkgerät ankündigte, dass man den Bunker bald erreicht hätte und bereits Vorbereitungen für unsere Ankunft getroffen würden. Nur Sekunden später bog das vorausfahrende Fahrzeug auch schon in den zu unserer Unterkunft führenden Feldweg ein und nur wenig später rumpelten wir auch den Weg entlang.
 
Gleißende Flutlichter empfingen uns auf der Lichtung vor dem Zugang zu unserem unterirdischen Verließ. Dahinter in Stellung liegende Soldaten und Anzeichen von Bautätigkeiten. Gefällte Bäume lagen aufgeschichtet da, andere waren schon bearbeitet und lagen geschält übereinander. Geduldig warteten wir, bis wir unseren Tanklastzug abstellen konnten. Zuerst sprang sichtlich erinnert Stefan aus dem Führerhaus. Gierig saugte ich die frisch hereinströmende Luft ein und verteilte sie in meinen Lungen. Der Geruch des gefällten Holzes mischte sich darunter und verbreitete eine leicht harzige Duftnote, die den Gestank unseres Beifahrers angenehm überlagerte.
 
Dessen Zustand war trotz seiner plötzlich eingesetzten Redseligkeit noch immer angeschlagen, weswegen Stefan und ich ihm beim aussteigen behilflich waren. Aus dem Bunker war auch schon Unterstützung, die uns beim Transport der Verwundeten und Überlebenden half. Dann sah ich meine Frau, wie sie mir mit Tränen in den Augen entgegenstürzte. Man hatte gehört, dass wir in Kämpfe verwickelt wurden und dass es Verluste gab. Über die Opfer wurden keine Angaben gemacht und ebenso wenig über den Zustand einzelner Personen.

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