Dienstag, 30. April 2013

Kapitel 4 - Teil 4

Noch vor mir hatte sich Martin freiwillig zu den Unterstützungskräften gemeldet und gilt allgemein als einer der an der Waffe erfahrensten Zivilisten im Bunker. Trotz seiner 34 Jahre stellte er manchen Jungspund in Sachen Reaktion und Zielsicherheit noch in den Schatten. Trotz durchschnittlicher Kondition galt er als belastbar und ausgewogen. Geheimratsecken durchzogen sein dunkelbraunes Haupthaar und eine Narbe auf der Stirn zeugte von einer Konfrontation mit den “anderen”, die er trotzdem zu seinen Gunsten entscheiden konnte. In der Truppe brachte ihm die Narbe den Spitznamen Scarface ein, den er selbst mit Zitaten aus dem entsprechenden Film forcierte. Sein Gebrauch des Worts “Fuck” war auf jeden Fall legendär. Manch einer munkelte zwar, dass Gmeinwieser auch darüber hinaus seltsame Ansichten hatte, was mir aber egal war, solange er mit der Waffe umgehen konnte.
 
Die Nachtruhe verlief ereignislos, auch wenn ich angesichts des bevorstehenden Tages nur schwerlich Schlaf fand. Noch steckte mir mein letzter Außeneinsatz in den Knochen und verursachte fiese Albträume. Immer wieder erschienen mir die Personen von Ludwigs Bild, redeten auf mich ein, nur um kurz darauf von einer Pranke zerfetzt zu werden. Was sie sagten war undeutlich und meistens verblasste die Erinnerung nur wenige Sekunden nach dem Aufwachen. So gesehen hätte ich eigentlich froh sein sollen, mich in der Obhut des Bunkers zu befinden. Und doch war auch aufgeregt, neue Menschen treffen zu können. Die Verheißung auf weitere Überlebende spielte mit meiner Phantasie und Träume entstanden über die längst fällige Rückeroberung unseres Landes. Irgendwann ging ich zum Glück in einen traumlosen Schlaf über.
 
Leider viel zu spät, weil als ich geweckt wurde, fühle ich mich gerädert. Nur langsam, zu langsam, komme ich aus dem Bett und versuche dabei erfolglos, meine Familie nicht zu wecken. Meine Frau schien meine Aufregung gespürt zu haben und kann zum Abschied eine Träne nicht verkneifen. War sie anfangs noch froh, dass ich eine neue Beschäftigung, eine neue Aufgabe, gefunden hatte, war sie nach dem letzten Einsatz voller Sorge gewesen. Nicht zuletzt aus dem Grund hatte sie meine Benennung für diesen Einsatz eher negativ aufgenommen. Da war zum Einen natürlich die Sorge, dass wir erneut in einen Hinterhalt gerieten, zum anderen aber die viel größeren Bedenken, dass wir dem Militär nur als Kanonenfutter dienten. Die Unterstützungstruppen waren aus militärischer Sicht entbehrlich und nur aus dem Grund waren wir für den heutigen Einsatz herangezogen worden. Die Ausrede mit ausgewogen auftretender Gesellschaft sei doch nur eine durchschaubare Lüge der vom Militär gesteuerten Gewalt in dem Bunker gewesen.

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