Freitag, 31. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 35

Unbeeindruckt davon postierte sich Albert hinter unserem Scarface. Ein Grinsen umspielte seine Mundwinkel, während er seine Waffe zurücksteckte und den Kabelstrang wieder in die rechte Hand wechselte. Schweißperlen standen auf Gmeinwiesers Gesicht, sammelten sich in seiner Narbe und liefen an der Seite herab. Leise, ganz leise, wimmerte er kaum hörbar pausenlos ‚fucks‘ vor sich hin. Als ihn die Hand seines Peinigers berührte, zuckte er merklich zusammen und verstummte augenblicklich.
 
„Weißt du, die meisten denken, der erste Schlag ist der schlimmste“, durchbrach die brutale Sau plötzlich die seltsame Stille. „Ich sage dagegen, das stimmt nicht. Der erste Schlag tut höllisch weh, aber es wird immer schlimmer. Mit jedem Schlag steigert sich der Schmerz und irgendwann fühlt sich dein Körper an, als würde er nur noch aus Schmerz bestehen. Vielleicht fällst du mittendrin in Ohnmacht, so wie dein feiger Kamerad hier. Dann werden wir dich wieder aufwecken, damit du nichts von den Schmerzen verpasst. Wir sind vielleicht nicht besonders kreativ, was Folterungen angeht, aber bisher waren wir darin recht effektiv.
 
Ganz persönlich hoffe ich, dass du dein Maul hältst. Ich möchte dich zu Tode prügeln, ich möchte, dass du mich aus angst- und schmerzerfüllten Augen anstarrst und stumm darum bittest, dass ich deinem Leiden mit einer Kugel ein Ende bereite. Vielleicht tu ich dir dann den Gefallen, wenn du nicht mehr sprechen kannst, wenn sich deine von den gebrochenen Rippen aufgerissenen Lungen langsam mit Blut füllen und du auf dem Trockenen an deinem eigenen Blut ersäufst. Vielleicht genieße ich aber auch den Augenblick und beobachte deine hilflosen Versuche nach Luft zu schnappen, die deine Lungen ohnehin nicht mehr aufnehmen können. Es ist ein herrliches Schauspiel und auch dein Freund Konrad wird es genießen, nicht wahr? Sag, willst du noch einen letzten Wunsch äußern? Willst du uns noch etwas mitteilen, bevor wir beginnen?“
 
Mit jedem Wort wurden Antons Worte drohender und zugleich fordernder und nicht nur ich las aus Martins Gesicht, wie aus einem Buch. Jedes Wort zersetzte seine ohnehin schon brüchige Hülle weiter. Mittlerweile heulte er wie ein Kleinkind, Rotz und Wasser liefen an ihm herunter und so überraschte es mich kaum, dass er schließlich mit gebrochener Stimme seine Unterstützung versicherte. Ein Umstand, der Roggel ganz offensichtlich verzückte.
 
„Sehr gut. Wenigstens ein Mann mit einer Vision und Zielen im Leben. Roggel, bringen Sie den Mann in seine neue Unterkunft und bereden Sie mit ihm alles Weitere. Nehmen Sie sich Meier und Tusczynsy mit. Wegtreten und sagen Sie bitte Anabela draußen Bescheid, dass sie die Putzfrau und die Entsorgung verständigt. Danke.
 
Tja, Vilsmeier, was Sie betrifft bin ich ehrlich gesagt enttäuscht. Mittlerweile muss ich annehmen, dass Sie mich belogen haben. Sie werden bis auf weiteres unsere Gastfreundschaft weiter in Anspruch nehmen und vielleicht werde ich mir noch was Schönes für Sie überlegen. Bis dahin bringt ihn zurück in sein Loch.“

Donnerstag, 30. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 34

Natürlich hatten wir etwas zu verlieren. Dort lebten unsere Familien und unsere neuen Freunde. Was erwartete dieser größenwahnsinnige Spinner? So blieben wir weiter stumm und El Kommandante wartete vergeblich auf positive Rückmeldung.
 
„Nun, ich sehe, dass Sie sich offensichtlich dazu entschlossen haben, mir bei meiner kleinen Suche nicht so ohne weiteres behilflich zu sein. Herr Sackschneider, wären Sie so freundlich?“
 
Noch bevor wir den Sinn seiner Worte verstanden, hörten wir Sebastian aufheulen und riss den Kopf nach rechts. Dieses elende Schwein von einem degenerierten Menschen stand hinter Keller und in seiner Hand hielt er einen ungefähr 30 Zentimeter langen Schlauch, der gerade zum zweiten Mal auf unseren Kameraden herab sauste. Die Wucht des Aufschlags überraschte mich, bis ich erkannte, dass der Schlauch nicht leer war, sondern einen dicken Kabelstrang ummantelte, der wieder und wieder mit extremer Wucht auf unseren ehemaligen Anführer unserer Expedition herab sauste.
 
Instinktiv wollte ich aufspringen, wurde aber von meinen beiden Bewachern brutal niedergedrückt. Wieder und wieder jagte das lose Kabelstück auf Sebastians geschundenen Körper herab. Knochen brachen, Sehnen rissen und die Haut platzte an unzähligen Stellen auf. Als er schließlich Blut spuckend in sich zusammenbrach hörten die Schläge auf und Sebastians Wächter lockerte den Griff um seine Schulter, so dass er vom Stuhl auf den Boden krachte. Zur Krönung zog die feige Ratte seine Pistole, richtete sie auf den am Boden kauernden und feuerte ihm eine Kugel in den Hals.
 
Dem austretenden Blut nach zu urteilen, traf er dabei die Halsschlagader. In Fontänen verteilte sich das Blut im Raum. Auch Martin wurde von dem roten Lebenssaft benetzt, was den panischen Gesichtsausdruck in seinem Gesicht noch verstärkte. Der am Boden liegende dagegen machte keine Versuche mehr, die Blutung zu stillen, noch schien er überhaupt zu realisieren, dass er gerade starb. Er starb einfach.
 
Davon unbeeindruckt und geradezu verspielt, tänzelte der Handlanger des Kommandanten hinter Martin. Mit zitternden Händen fuhr der über sein Gesicht, betrachtete das Blute darauf und übergab sich schließlich in einem großen Schwall. Der ätzende Gestank verteilte sich sogleich im Zimmer und sorgte auch bei mir für plötzliches Unwohlsein. Tatsächlich machte mir der Gestank der Kotze mehr zu schaffen, als mein toter Kamerad am Boden, der eben sein Leben ausgeblutet hatte.

Mittwoch, 29. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 33

Das würde mir leid tun, weil ich Sie in dem Fall auf der Stelle töten würde. Im anderen Fall waren unsere tierischen Freunde schneller und haben Ihren Unterschlupf ausfindig gemacht. Da Sie uns noch wenig über ihren Unterschlupf erzählt haben, können wir natürlich nicht beurteilen, inwiefern das den Tatsachen entspricht, möchten es aber gerne herausfinden. Als nächstes soll ein Spähtrupp das Lager ausfindig machen und gleich wie viel Wahres Ihre Geschichte enthielt, die nächsten Schritte einleiten. Sie haben doch nicht gelogen, oder?“
 
Mein Hals war trocken und statt einer Antwort schüttelte ich nur meinen Kopf.
 
„Sehr gut, das dachte ich mir schon. Also unterhalten wir uns jetzt über die Lage Ihres Unterschlupfs. In den Funksprüchen wurde immer ein Rendezvouspunkt 20 Kilometer nördlich von hier angegeben, also würde ich daraus schließen, dass sich auch ihr Stützpunkt nördlich von hier befindet. Liege ich damit ungefähr richtig?“
 
Statt einer Antwort kam nur Schweigen über meine Lippen. Zu meiner Überraschung verärgerte ihn mein Schweigen keineswegs.
 
„Ich dachte mir schon, dass Sie nicht so ohne Weiteres kooperieren würden.“
 
Seine Hand wanderte zum Telefon und griff den Hörer.
 
„Anabela, bittest du bitte unsere anderen Gäste herein? Dankeschön“, flötete er übertrieben höflich in den Hörer, als wäre er Gastgeber einer exquisiten Gesellschaft.
 
Die Türen schwangen auf und herein kamen Martin und Sebastian. Letzterer sah übel zugerichtet aus. Auch nach einer Woche waren viele der Schwellungen noch nicht abgeklungen und ließen mich darüber schaudern, wie er kurz nach den Schlägen ausgesehen hatte. Wie ich wurden sie auf einen Stuhl gesetzt und zur Lage unseres Bunkers befragt und wie ich, blieben sie eine Antwort schuldig.
 
Fast schon unauffällig löste sich derweil Eddie Erpel von der Seite seines Führers und wanderte durch den Raum hinter uns. Aus den Augenwinkeln sah ich Martin, der definitiv schon bessere Tage hinter sich hatte. War er auch nicht so übel zugerichtet wie Sebastian, so war er doch gezeichnet von einer Woche Isolationshaft. Fast wirkte er so, als würde ihn der direkte Kontakt zu Menschen überfordern, so ruhelos wie seine Augen in seinen Augenhöhlen herumwanderten. Da fehlte nicht mehr viel.  
 
„Tja, das tut mir jetzt ehrlich gesagt leid“, setzte Roggel wieder ein. „Nachdem wir mittlerweile so gute Freunde geworden sind, dachte ich, wir könnten die Situation auch so bereinigen. Meine Putzfrau wird auch nicht begeistert sein, die war das letzte Mal schon entsetzt über die Sauerei. Hier ist die letzte Chance, sofern sie jemand ergreifen will. Die letzte Chance, heil aus der Sache rauszukommen. Dem, der mir die genaue Lage mitteilt, verspreche ich auch privilegierte Unterbringung und Verpflegung.

Was habt ihr schon groß zu verlieren? Glaubt ihr, die scheren sich da noch einen feuchten Kehricht um euch?“

Dienstag, 28. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 32

„Ok, hör zu. Ich hab keine Ahnung, woher du das weißt und ich weiß auch nicht, warum ich dich nicht umgebracht hab, aber ich schwöre, dass ich das nachholen werde, wenn du jemand ein Wort davon erzählst, hast du mich verstanden du kleines Stück Scheiße?“
 
Mit der Vereinbarung konnte ich leben und nickte nur zur Bestätigung. Währenddessen wurde sein Freund vor der Tür langsam ungeduldig:
 
„Scheiße Killer, was ist los? Soll ich euch vielleicht allein lassen, du alte Schwuchtel?“
 
Mit dem Ärmel wischte er sich die Träne aus dem Gesicht, schüttelte sich noch einmal und drehte sich um, während eine Hand nach mir griff und mich nach vorn katapultierte.
 
„Ich reiß dir gleich dein schwules Arschloch auf du dreckiger Niggerfreund“, erwiderte Benny seinem Kumpel, während ich nur mühsam schaffte mein Gleichgewicht zu halten. Damit war alles zwischen Trollster und Bubba gesagt.
 
Zusammen brachten sie mich allein zu El Kommandante, der noch immer in seinem Palast residierte. Im Vorzimmer verbarg Anabela ihre wunderhübschen Augen hinter einer Sonnenbrille, die nicht ganz die blaue Schwellung um das linke Auge verbergen konnte. Eindeutig gegen den Türstock gelaufen, hätte Bennys Vater gesagt.
 
„Nehmen Sie doch Platz, Herr Vilsmeier“, begrüßte mich der örtliche Befehlshaber übertrieben freundlich, während sich meine beiden Bewacher links und rechts hinter mir positionierten und mir fest ihre Pranken auf die Schultern pressten. Neben Erwin hatte sich Sackschneider positioniert, der mich aus seinen verdorbenen Augen musterte und die vordergründige Freundlichkeit seines Vorgesetzten Lügen strafte.
 
„Schön, dass Sie als vielbeschäftigter Anführer die Zeit gefunden haben, mir Ihre Aufwartung zu machen. Wissen Sie, ich will gar nicht so sehr um den heißen Brei herumreden. Seit über einer Woche sind Sie bereits unser Gast. Sie werden doch gut behandelt, oder? Natürlich werden Sie das. Nun, wie gesagt über eine Woche und wissen Sie, irgendwas an Ihrer Geschichte stimmt mich misstrauisch, nicht wahr Sackschneider?
 
Ja, also seit Sie ihre Freunde weggeschickt haben, haben wir nichts mehr von ihnen gehört und auch der zuvor rege Funkverkehr ruht seit dem. Seltsam, nicht wahr? Wochenlang funkt ihr täglich Stundenlang ins Nirvana einer toten Welt und plötzlich nichts mehr. So oder so gibt es dafür nur zwei Erklärungen. Die erste, und die würde mir persönlich gar nicht gefallen, wäre, dass Sie nicht der sind, der Sie vorgaben zu sein.

Montag, 27. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 31

„Los, mitkommen“, knurrte mich der nicht länger Unbekannte an. Nein, er war mir in dem Moment näher, als viele andere Menschen, mit denen ich jahrelang befreundet war.
 
Während ich ihm widerstandslos folgte, überlegte ich, ob und wie ich damit umgehen sollte. Vielleicht war es nur eine Wahnvorstellung und selbst wenn nicht, wie würde er damit umgehen, sollte ich ihn mit seiner unrühmlichen Vergangenheit konfrontieren? Würde er mit mir das gleiche anstellen, wie mit seinem ersten Opfer, einem ca. 60 jährigen Obdachlosen? Mit Schrecken dachte ich an sein entstelltes Gesicht, die frei liegenden Knochen, das letzte unauslöschlich in sein Gesicht gemeißeltes Grinsen.
 
„Dein Vater hat dich geliebt“, schoss es einer plötzlichen Eingebung gleich aus mir heraus und im gleichen Moment schien sein Gesichtsausdruck einzufrieren. „Es war der Alkohol, aber er hat dich geliebt. Im Moment seines Todes dachte er nur an dich. Du weißt, wie er gestorben ist, nicht wahr?“
 
„Im Knast verreckt“, murmelte er kaum hörbar und ohne merkbare Regung in seinem Gesicht.
 
„Weißt du, dass Bilder von dir in seiner Zelle hingen? Weißt du, dass er immer ein Bild von dir bei sich hatte, auch an dem Tag, als er niedergestochen wurde?“, fuhr ich der Eingebung weiter folgend fort. „Sein Anwalt war in Kontakt mit dem Jugendamt und hatte ihm die Bilder geschickt. In all den Jahren wolltest du dir die Anerkennung deines Vaters verdienen und dabei hattest du sie die ganze Zeit.“
 
„Ich … ich weiß …“, stammelte er immer noch so leise wie möglich vor sich hin, warf einen Blick über seine Schulter, ging einen Schritt auf mich zu und starrte mir in die Augen. „Woher weißt du das? Wer hat dir davon erzählt? Niemand hier weiß von meinem Alten.“
 
„Das kann ich dir nicht sagen, ich weiß es einfach, Benny. So hat er dich genannt, nicht wahr. In den Momenten, in denen er nicht betrunken war. Benny. Das waren die glücklichen Momente, in denen du gespürt haben musstest, dass hinter seinen Schlägen noch etwas war.“
 
„Ja, Benny. Niemand durfte mich mehr so nennen. Einer Schlampe hab ich die Zähne ausgeschlagen, als sie mich so nannte. Sie musste sich wochenlang von Brei ernähren. Scheiße. Aber es tut weh, so scheiß weh, den Namen zu hören.“
 
Wie zur Bestätigung lief eine einzelne Träne über sein Gesicht und tropfte vor mir auf den Boden. Die zuvor noch selbstbewusste Stimme klang brüchig und gar nicht mehr so stark, wie er seiner Umwelt Glauben machen wollte. Jahrelange Konditionierung in der Verweigerung von Emotionen streift man aber nicht von einer Minute auf die andere ab, so dass er sich schnell wieder gefangen hatte.

Sonntag, 26. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 30

Ich sah die winzigen Brandnarben auf den Armen und wusste woher sie stammten. Ich sah die Zigarettenstummel, ich sah das von Wut und Alkohol entstellte Gesicht seines Vaters und seine Hand, die auf den zerbrechlichen Körper herunter raste. Ich roch Alkoholausdünstungen, spürte seine Furcht und sein Verlangen, nach der Liebe seines Vaters. Jeder Schlag entfernte ihn davon, obwohl seine einzige Hoffnung immer wieder war, dass er ihn danach in den Arm nehmen würde. Trotz der Schläge sehnte er sich nach der Geborgenheit seines Vaters und doch blieb ihm diese Geborgenheit Zeit seines Lebens verborgen.
 
Seine Mutter starb früh, zu Tode geprügelt von seinem Vater, als er sie erwischte, wie sie vor Trollster mit irgendeinem Loser vögelte. Nicht nur musste er mit ansehen, wie seine Mutter zu Tode geprügelt wurde, auch das voran gegangene Liebesspiel brannte sich für immer und ewig in sein Gedächtnis und zerstörte sein Verhältnis zum Geschlechtsverkehr bis in die Gegenwart.
 
Auch, als sein Vater in den Knast ging, wollte sein Leidensweg nicht enden. Pflegefamilien durften sich abwechselnd an ihm abreagieren, oder an ihm verzweifeln. Er wurde halb tot geprügelt und ein perverses Schwein verging sich sogar an ihm. Dann traf er auf eine Gruppe Neonazis und fand dort, was ihm in seinem Leben immer aberkannt wurde. Dort fand er Respekt und schnell einen Weg, seinen Hass zu kanalisieren. Die Gruppe lieferte die Erklärungen, nach denen er ein Leben lang gesucht hatte. Erklärungen für den Hass und die Niedertracht der anderen Menschen. Ein simples Feindbild, wie geschaffen für einen spätpubertären Heranwachsenden, dem ein Leben lang nur Hass entgegenschlug.
 
Mit dem Feindbild kamen die Schlägereien. Der erste Schlag war wie eine Befreiung und mit jedem weiteren Schlag entlud sich all der Frust, der sich jahrelang in ihm aufgestaut hatte. Immer wieder schlug er zu, bis seine Knöchel offen lagen, wundgeschlagen an den Schädelknochen seines ersten Opfers. So viel Hass, so viel Verzweiflung machten sich an diesem Tag Luft, dass er sein Opfer komplett verstümmelte. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich frei und Schuldgefühle blieben ihm fremd.
 
All diese Eindrücke stürmten auf mich ein. Innerhalb von Sekundenbruchteilen füllten sie mich aus und ich fand auch einen immer wiederkehrenden Namen. Ben, Benjamin, Benny und wieder Ben. Ein eher ungewöhnlicher Name für diesen auf den ersten Blick emotionslosen Schläger.
 
Als er in die Zelle kam um mich mitzureißen, gab ich ihm keine Gelegenheit, seinen Frust an mir auszulassen und sprang lieber schnell auf.

Samstag, 25. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 29


So vergingen die Tage.

Die Mittagessen vermochten die Tristesse nicht wirklich aufzuhellen. Den Umständen geschuldet war es meist aus den Notrationen und Lebensmittelreserven zusammen gekochte Pampe, die nur den Sinn hatte den Magen zu füllen. Gebracht wurde das Essen von einem namenlosen Wirrkopf, der zum Essen meist noch unverständliches Zeug brabbelte. In den Momenten war ich dann meist recht froh, dass uns eine schwere Stahltür voneinander trennte, obwohl ich mir nach mittlerweile sieben Tage nichts mehr als einen Menschen zum reden gewünscht hatte.

Auch Hermann hatte meist nur wenige Worte für mich übrig, wenn er immer noch zur Abendzeit irgendwas vorbei brachte. Am zweiten Abend warf er mir einen Packen Landser-Romane durch den Schlitz und ich bin mir sicher, dass da eine gute Absicht dahinter stand. Aus Mangel an Alternativen widmete ich mich nach dem übrigens ausgezeichneten Zombie-Roman der fiktiven Helden-Mär aus dem zweiten Weltkrieg und war entsetzt über so viel unreflektierten und makellosen Heldenmut in den deutschen Reihen.

Trotz des naiven Schreibstils und den banalen Geschichten, die sich stets um die gleiche Narrative aus Stolz, Heldenmut und Kameradschaftlichkeit drehten, vertrieben sie mir die Zeit in meiner Isolation. Angesichts der zur Schau gestellten Tapferkeit und Überlegenheit des deutschen Landsers war es mir aber ein Rätsel, wie wir den Krieg verlieren konnten. Zusammen mit dem unverständlichen Gebrabbel aus dem Radio hatte ich so wenigstens ansatzweise ausreichend Unterhaltung, dass die kurzen Tage relativ schnell vergingen. Erst wenn die Sonne unterging und die Notbeleuchtung Lesen unmöglich machte, zog sich die Zeit ins Unendliche, bis mich der Schlaf von der Qual der Einsamkeit erlöste.

Nach genau acht Tagen öffnete sich um ersten Mal die schwere Stahltür und offenbarte mit Bubba und Trollster zwei der Menschenaffen, die uns damals in die Räumlichkeiten verlegt hatten. Wie könnte ich auch jemals die tumben Schweinsäuglein vergessen, die noch immer tief in den Augenhöhlen verloren funkelten und mir so verloren schienen, wie die arme Seele dahinter. Tief im Inneren dieses tumben Riesen saß ein verletzlicher Kern, gut geschützt vor den Blicken der Umwelt. Aber ich sah ihn. Ich sah seine Aura. Sie strahlte Unsicherheit und eine tiefe Traurigkeit aus. Von einer Sekunde auf die andere war es für mich offensichtlich, während sein Begleiter gänzlich unbedarft schien.
 
Für eine Sekunde war es, als könnte ich in sein Innerstes sehen und ich sah schreckliche Dinge. Wie ein Schlag traf es mich in den Unterleib und ich wankte, angesichts der schrecklichen Bilder. Gewalt gegen ihn, gegen andere, Gewalt, die ihn ein Leben lang verfolgte und ihm zu dem machte, was er jetzt war. Die erste Hälfte seines Lebens war er Opfer gewesen und hatten ihn zum Täter gemacht. Jetzt rächte er sich an denen, die ihm Leid angetan hatten und denjenigen, die dafür standen, oder er dafür verantwortlich machte.

Freitag, 24. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 28

Die Batterien waren noch gut und schon bald ertönte statisches Rauschen im Raum. Auf der Suche nach einem Sender glitt ich förmlich durch die Frequenzen. Tatsächlich fand ich den französischen Sender, und noch immer tönte die inzwischen vertraute Stimme über den Äther. Kraftlos war sie geworden und doch war es gut, eine Stimme zu hören. Stundenlang lag ich dann so auf dem Bett und hörte einer Stimme zu, deren Sinn ich nicht verstand. Langsam machte sich Hunger bemerkbar und ich rätselte, wie es hier mit der Bewirtung aussah. Immerhin hatte man mich meiner Vorräte beraubt und die propagierte Gastfreundschaft verlangte auch nach einem anständigen Mahl. Gut, das mit der Gastfreundschaft war wahrscheinlich nur so daher gesagt. Unser ehemaliger Finanzbuchhalter hätte mir da wahrscheinlich nicht widersprochen, wär er dazu noch in der Lage gewesen. .
 
Als die Sonne langsam untergegangen war, sprang ein rotes Licht an, das den Raum in provisorisches Licht hüllte. Immerhin fiel der Raum nicht komplett in Dunkelheit. Geräusche von draußen ließen mich aufhorchen und als eine Klappe an der Tür geöffnet wurde, sprang ich auf und spähte zur Tür vor. Eine Packung Notration flog durch die Öffnung, welche sogleich wieder zugezogen wurde.
 
„Teils dir auf, normalerweise steht dir erst Morgen eine Ration zu“, ertönte es von draußen und soll mich der Teufel holen, wenn das nicht Hermanns Stimme war.
 
„Danke“, rief ich und erntete dafür nur ein „Ach, leck mich am Arsch.“
 
Gut, mit den Umgangsformen hatte er es am Arbeitsmarkt wahrscheinlich nicht so einfach gehabt, aber es zählte schließlich die Tat. Also stürzte ich mich gierig auf die Notration und blätterte die steinharten Kekse aus ihrer Verpackung und öffnete mir dazu eine leckere Dose mit Corned Beef. Das Schöne an dem Zeug war ja, dass es so beschissen schmeckte, wie es aussah. Etwas zermahlenes und zusammengepresstes Fleisch mit Glibber lachten mir entgegen. In meiner jetzigen Situation konnte ich aber natürlich wenig wählerisch sein und schlang das Zeug hinunter. Wahrscheinlich war Hermann froh, das Zeug nicht selber fressen zu müssen. Mit Wasser aus dem Spülbecken spülte ich nach und mit gefülltem Magen sah die Welt schon wieder anders aus. Grübelnd lag ich mich auf das Bett, überdachte meine Situation, wollte mir aber nicht ausmalen, was passieren würde, sobald sie die Wahrheit herausgefunden hatten.

Donnerstag, 23. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 27

Es ging wieder zurück ins Treppenhaus und von da in den Flur hinter dem Besucherraum. Dieses Mal führte unser Weg aber in einen der Zellentrakte. Die geöffnete Tür gab den Blick auf den dahinter liegenden Trakt frei, der sich in seiner grau grünen Farbgebung genauso wenig von den davor liegenden Fluren abhob. Statt mit Stahltüren wurden die Wege hier aber durch Gittertüren blockiert. Davor lag ein Arbeitsplatz für zwei Wärter hinter schusssicherem Glas, von denen aber nur einer besetzt war.
 
Auch hier tat ein Typ Dienst, der dem Bodensatz der Gesellschaft entsprungen zu sein schien. Ein Reichsadler breitete seine Schwingen zwischen seinen Schulterblättern aus, unter seinem fleckigen Unterhemd (irgendwann weiß) ragte eine Reichskriegsflagge heraus und auf den muskulösen Armen waren diverse Größen des dritten Reichs verewigt. Im Gegensatz zu den bisherigen Herrschenmenschen wirkte der Typ aber eher drahtig und gut trainiert. Alles in allem sah es aus, als säße er auf der falschen Seite der Gitter.
 
„Hermann, Kundschaft.“, grölte einer unserer Bewacher, der Einfachheit halber nannte ich Bubba, was Hermann dazu veranlasste, seinen Landser-Roman wegzulegen und den Türöffner zu betätigen. „Wurd auch mal Zeit. Hier wurd’s schon langweilig. Sind das die, die hier dauernd rumfunken?“
 
„Halt die Klappe und lies dein Buch weiter.“, schnauzte ihn der Blutverschmierte an, während er die Tür aufzog. Unaufgefordert ging ich weiter und zog Martin mit mir.
 
Die letzte Zelle am Flur wurde zu meiner, nebenan wurde Martin einquartiert. Kaum dass ich ihn auf dem Bett abgeladen hatte, wurde ich auch schon wieder hinausgeführt, und die Tür nach mir ins Schloss geworfen. Nachdem sie meinen Rucksack nochmal durchsucht hatten, wurde er mir um alles für sie Verwertbare erleichtert überreicht. Neben dem Funkgerät fielen ihnen dabei alle Nahrungsmittel zum Opfer. Immerhin blieb mir noch die Wechselgarnitur. Es war eher zweifelhaft, ob uns hier Kleidung gereicht würde.
 
Als hinter mir die Tür ins Schloss fiel, sah ich mich in der Zelle etwas näher um. Das Bett war den Gestellen in unserem Bunker nicht unähnlich. Ein simpler Verbund von Rohren mit einer Liegefläche aus sich kreuzenden Stangen mit einer Schaumstoffmatratze, auf dem zwei Decken mit der Aufschrift „Bund“ lagen. Eine Toilette und ein Waschbecken mussten für die Notdurft reichen und im Schrank lagen sogar noch einige persönliche Gegenstände des Vorinsassen, darunter eine Seife, ein benutztes Handtuch, ein Buch über eine Zombieinvasion in Deutschland von dem Weltklasseautor Thomas Hubertus und ein Radio.
 
Letzterem widmete ich auch sogleich meine ganze Aufmerksamkeit. Aus unzähligen MacGyver-Folgen wusste ich, dass es ein Leichtes war, ein Radio zu einem Funkgerät umzubauen. Sofort machte ich mich ans Werk, vermisste aber schmerzlich einen Schraubenzieher, oder zumindest ein Taschenmesser, wie es Mac immer bei sich trägt. Von einer Büroklammer und einem Kaugummi ganz zu schweigen. Dann fiel mir ein, dass ich auch mit einem Schraubenzieher keine Ahnung gehabt hätte, was ich damit anfangen sollte und widmete mich stattdessen der Suche nach einem Sender.

Mittwoch, 22. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 26

Den Gesichtern der beiden Neuankömmlinge konnte ich entnehmen, dass sie die kindliche Begeisterung des sadistischen Arschlochs über das Elend anderer Menschen nicht teilen wollten. Eher leicht geschockt und angewidert nahmen sie die Leiche zur Kenntnis. Das war sicher nicht die erste Leiche, die sie in dem Büro vorgefunden hatten und würde wahrscheinlich auch nicht die Letzte bleiben. Auch sehr wahrscheinlich fand ich, dass sie diesen Umstand nicht besonders gut hießen, aber trotzdem einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatten. Immerhin konnten sie das Leid derer lindern, die Roggel und Sackschneider am Leben ließen. Nachdem sie sich einen kurzen Überblick verschafft hatten, teilten sie sich auf, und gingen auf Sebastian und Martin zu. Der Rucksack wurde aufgeschlagen und offenbarte diverse Medikamente und medizinisches Material, wie es auch Notärzte trugen.
 
Ohne lange zu überlegen, wurden Spritzen gefüllt und den am Boden liegenden verabreicht. In Gmeinwiesers Gesicht kehrte Leben zurück, die Starre verschwand aus den Augen und Blut durchströmte die Adern. Bei Sebastian dagegen verstummte das Gewimmer und ein beinahe friedlicher Ausdruck machte sich auf seinem Gesicht breit.
 
„Bringt die Maden aus meinem Zimmer“, befahl Roggel. „Und schickt jemand rein, der die Sauerei hier wegmacht. Die Überreste könnt ihr verfüttern.“
 
Mit der Hand machte er eine Bewegung, als wollte er lästige Fliegen verscheuchen und drehte sich demonstrativ mit seinem Stuhl weg vom Geschehen im Raum zum Fenster hin. Wie zuvor Anabela trafen die Sonnenstrahlen auf ihn, verliehen ihm aber kein glanzvolles Äußeres, sondern tauchten ihn in eine rote unheilvolle Aura.
 
Vorsichtig hoben die Sanitäter Keller auf, nahmen ihn unter ihre Schultern und schleiften ihn aus dem Raum. Weil Martin noch immer leicht benommen am Boden saß, wurde er von seinem persönlichen Betreuer hochgerissen und in Richtung der Tür gestoßen. Nur mühsam schaffte er es dabei sein Gleichgewicht zu halten und wäre beinahe gegen den Türstock geprallt, konnte sich im letzten Moment aber noch fangen und hielt sich stattdessen daran fest.
 
Um nicht in den Genuss der gleichen Vorzugsbehandlung zu kommen, machte ich mich allein auf den Weg und achtete peinlich genau darauf, möglichst keinen Vorwand für einen Übergriff zu liefern. Die Übergriffe kamen spätestens dann, wenn unser Alleinherrscher meine Finte bemerkt hatte. Einen Plan hatte ich noch nicht. Aber entweder hatte ich bis dahin das Gefängnis verlassen, oder dabei den Tod gefunden. So zumindest mein Plan.
 
An der Tür angekommen, griff ich Martin unter die Arme und lastete mir sein Gewicht auf die Schultern. Wortlos aber sichtlich dankbar nahm er das Angebot an und verlagerte seine Linke auf meine Rechte. Zuerst überraschte mich sein Gewicht und ich sackte leicht nach unten, fing mich aber rechtzeitig und drückte uns wieder nach oben. Ganz offensichtlich wurden wir gut verpflegt.
 
Durch das Vorzimmer stapfend versuchte ich wieder einen Blick auf Anabela zu werfen, die ihn dieses Mal aber nicht erwidern wollte. Ohne aufzuschauen, widmete sich weiter aufmerksam ihrem Computermonitor und tippte geheimnisvoll auf der vor ihr liegenden Tastatur. Aus dem Vorraum heraus wurden wir wieder auf den Flur hinaus dirigiert. An der ersten Türe bogen die Helfer mit Sebastian ab und ließen Martin und mich mit unseren vier neuen Freunden zurück.
 
„Los, vorwärts.“, grunzte das Schwein, das meinen Rucksack und die Schokolade konfisziert hatte und setzte sich an die Spitze.

Dienstag, 21. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 25

Noch bevor Sebastian sich erheben konnte, traf ihn der schwere Stahlkappenstiefel seines Opponenten. Wieder und wieder hieb Albert auf ihn ein, bis statt Schmerzensschreie nur noch ein mitleiderregendes Wimmern kam. Immerhin brachte er ihn nicht um, was mich dann doch überraschte. Teilnahmslos mussten wir dabei zusehen, wie er da wimmernd am Boden lag und nur noch halbherzig den Versuch unternehmen konnte, seinen Kopf und den Körper mit den Armen zu schützen.
 
„Nehmt das Stück Scheiße hier mit und lasst euch das eine Lehre sein“, höhnte Sackschneider in unsere Richtung und spie einen dunklen Schleimfetzen auf den am Boden liegenden, als hätte er darin seine ganze Ablehnung uns gegenüber konzentriert. Der Lektion war es eigentlich nicht nötig. Der Tod unseres Begleiters hatte uns bereits eindrücklich vor Augen geführt, wie wenig unsere Leben hier wert waren.
 
Die Hand an meiner Schulter lockerte sich und ich sah vorsichtig zu Martin. Dem stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Seine Haut war kalk weiß und der ganze Körper seltsam schlaff. So schlaff, dass er zusammen klappte, als sich die Hand seines Bewachers von seiner Schulter löste. Wie ein nasser Sack brach er zusammen, die Augen noch immer aufgerissen und am ganzen Körper zitternd.
 
Genau das hatten wir jetzt gebraucht. Einen Schwätzer, der dann die Nerven verliert, wenn es ernst wird. Es war wohl weniger sein Geschwätz, warum er dem Oberst überflüssig erschienen war. Viel mehr schien es daran zu liegen, dass er sich in die Hosen machte, wenn es hart auf hart kam. War aber wahrscheinlich auch die Schuld der Schildhäuser. Immerhin die anwesenden Schwarzhemden nahmen Gmeinwiesers Schwächeanfall amüsiert zur Kenntnis. Selbst die Schränke gaben so etwas Ähnliches wie Lachgeräusche von sich, was mich aber mehr an einen außerirdischen Jäger erinnerte, der in mehreren Filmen sein Unwesen trieb.
 
Sich den Bauch vor Lachen haltend ging Sackschneider an uns vorbei zur Tür und verschwand noch immer lachend dahinter, während ich zuerst zu Martin ging. Um Sebastian zu helfen, würde ich wiederum seine Hilfe brauchen. Der letzte Erste Hilfe Kurs war lang her und alles was mir einfiel, war seine Füße hoch zu legen. Dazu zog ich meine Jacke aus, die mir ohnehin viel zu warm geworden war, knüllte sie zusammen und legte sie unter seine Füße.
 
Danach ging ich geduckt und nicht zu schnell weiter zu Sebastian, der noch immer gekrümmt auf der Seite lag und leise vor sich hin wimmerte. Als ihn meine Hände berührten, zuckte er zusammen, als würde er weitere Schläge erwarten. Mit gedämpfter Stimme redete ich ihm gut, setzte vorsichtig an, und drehte ihn auf den Rücken. Sein Gesicht musste auch von mindestens einem Tritt getroffen worden sein. Ein Auge war bereits zugeschwollen, die Lippe geplatzt und die Nase seltsam verzogen. Blut lief in dünnen Bahnen daraus hervor und unter der blutenden Lippe fehlte ein Zahn.
 
Ratlos kniete ich neben ihm und wusste nicht so recht, wie ich weiter verfahren sollte. In dem Moment ging die Tür wieder auf und Sackschneider kam mit zwei Männern in den Raum, die eine olivgrüne Uniform trugen, wie sie auch an uns Unterstützungskräfte ausgegeben wurde. Einer der beiden trug einen rotgelben Rucksack, der so gar nicht zu dem hier herrschenden Dresscode passen wollte. Noch immer grinste Sackschneider, was der ohnehin hässlichen Fratze eine weitere Dimension Grausamkeit verlieh. So sehr ich noch kurz zuvor über diese Karikatur eines Menschen amüsiert war, so sehr kehrte sich das jetzt in reinen Hass. Natürlich wusste ich, dass ich es hier mit keinen Waisenknaben zu tun hatte, aber die gezeigte Kaltblütigkeit war doch noch immer ein Schock für mich.

Montag, 20. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 24

Erneut wiederholte ich meine vermeintlichen Befehle und betonte noch stärker die Gastfreundschaft der hier stationierten Schwarzhemden. Dieses Mal schienen sie zu verstehen.
 
„Verstanden. Wir kehren zur Basis zurück und …“

Hier zögerten sie einen Moment.
 
„und geben Ihre Befehle weiter. Over and out.“
 
Zufrieden und von oben bis unten durchgeschwitzt reichte ich King Kong das Funkgerät zurück, der es mit einem erneut kaum zu identifizierendem Grunzen annahm. Ein wirklich unangenehmer Kerl, der für meinen Aufenthalt hier nichts Gutes verhieß.
 
El Kommandante war aber offensichtlich zufrieden. „Sehr schön. Allerdings möchte ich nicht missverstanden werden. Natürlich sind Sie unsere Gäste, aber mit engen Regeln. Eine davon lautet, mir in Zukunft nicht mehr zu widersprechen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
 
Daran bestand kein Zweifel und ich weiß auch nicht, ob meine Begleiter das ebenso verstanden hatten, oder ob Roggel nur ein Exempel statuieren wollte, aber eher beiläufig gab er dem Enterich einen Wink, woraufhin der seine Waffe zog, schnurstracks auf Kellers Beifahrer zuging und ihm aus einem Meter Entfernung in den Kopf schoss. Einfach so.  
 
Wirklich kaltblütig und ohne mit einer Wimper zu zucken, drückte er den Abzug durch und der Hall des Schusses ging durch den kleinen Raum und ließen meine Ohren unangenehm klingeln Noch unangenehmer war es freilich für unseren Finanzbuchhalter. Von der Aktion so überrascht, dass er nur noch die Augen aufreißen konnte, stand er da und im nächsten Moment flog ihm der Hinterkopf weg. Sprichwörtlich. Sein Hinterkopf schien förmlich zu explodieren. Blut, Gehirnmasse und Knochenteile fegten in alle Richtungen auseinander und benetzten den schräg hinter ihm stehenden Gorilla. Eher unbeeindruckt wischte der sich den Scheiß mit dem Ärmel aus dem Gesicht und soll mich der Teufel holen, wenn ich mich irre, aber ich bin mir sicher, dass er sich dabei ein Stück in den Mund gesteckt hatte.
 
Obwohl Sackschneider noch immer mit gezogener Waffe dastand, sprang Keller plötzlich auf und schnellte in seine Richtung. Nicht nur ich war von der plötzlichen Aktion überrascht worden. Eigentlich dachte ich, dass er genug hatte und die beiden Schläge ausgereicht hatten, seinen Widerstand mehr als zu brechen. Der hinter ihm stehende Muskelberg versuchte noch nach ihm zu greifen, fasste aber ins Leere. Nur drei Meter trennten ihn von dem Mörder. Doch allen meinen Vorurteilen zum Trotz bewies das Schwarzhemd überdurchschnittliche Reflexe und wich der plumpen Attacke elegant aus. Mit einem Rückfallschritt brachte er sich schnell aus der Gefahrenzone, schlug dem vorbeistolpernden Keller mit der Waffe zwischen die Schulterblätter, was ihn wiederholt zu Boden warf. Gleichzeitig legte sich eine schwere Hand auf meine Schulter, die jeden Versuch Sebastian zur Hilfe zu eilen gewaltsam unterdrückte.

Sonntag, 19. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 23

Tatsächlich fand mein neuer Freund Schrank, den ich frei nach einer schwedischen Möbelkette Trollster taufte, dann auch noch das Funkgerät und starrte es an wie einen Gegenstand aus einer anderen Welt. Sein Gesichtsausdruck erinnerte mich an Affen, die mit ihnen fremden Gegenständen spielten und im speziellen an den von Gorillas. Mit Sicherheit auch ein arischer Übermensch, dachte ich mir just, während er das Funkgerät schüttelte, als würde es so seine Geheimnisse preisgeben.
  
Das tat es natürlich nicht, und so reichte er es an mich weiter. Trollsters kleine Schweinsäuglein waren eng zusammen gedrückt und fixierten mich starr. Es war nicht leicht, aber ich versuchte davon unbeeindruckt zu bleiben, als ich das Gerät an mich nahm. Sogar ein kleines Lächeln versuchte ich und hauchte ein leises, aber deutlich hörbares „Danke“ in seine Richtung. Auch in Krisenzeiten ist es wichtig, allgemein gültige Benimmregeln im Umgang mit Affen nicht zu vernachlässigen. 
 
Natürlich kam statt einer Antwort nur ein hohles Grunzen, das mit viel gutem Willen als „Bitte“ interpretiert werden könnte, viel wahrscheinlicher aber „Wichser“, oder etwas ähnlich Zuvorkommendes. Ich tröstete mich damit, dass sein Penis im erigierten Zustand mit Sicherheit die Größe meines Daumens kaum überragt hätte. Dass ich relativ kleine Finger hab, hab ich glaub ich noch nicht erwähnt, oder?  
 
Mit dem Funkgerät in der Hand drehte ich mich wieder zu Erwin, dessen Augen bereits unangenehm ungeduldig funkelten. Jetzt saß ich in der Zwickmühle. Natürlich hätten die keinen Finger gerührt, um uns hier raus zu bekommen und genauso natürlich hätte kein Gramm unserer Ausrüstung ihren Weg hierher gefunden. Noch viel schlimmer konnte bei dem Funkgespräch meine kleine Notlüge auffliegen und ich als der Niemand enttarnt werden, der ich war. Im besten Fall wären wir nackt vor das Tor geschickt worden, den schlimmsten Fall wollte ich mir lieber nicht ausmalen.
 
 „Hallo? Ist da jemand? Hier ist Konrad Vilsmeier. Hallo?“
  
Nichts. Hätte ich doch bei der Funkeinweisung besser aufpassen sollen.
  
„Hallo, hallo. Panzerbesatzung. Hier ist Vilsmeier. Bitte kommen.“
  
Das musste doch eigentlich klappen, aber noch immer keine Reaktion. Knopf drücken, reinreden. Mehr war das doch nicht.
  
„Äh, hallo. Bitte kommen. Äh. Over.“ 
 
Irgendetwas musste ich falsch machen, denn statt einer Antwort kam wieder gar nichts aus dem Funkgerät. Nicht einmal statisches Rauschen drang aus dem Gerät. Jetzt war ich auch etwas ratlos und sah wahrscheinlich so ähnlich aus, wie Schrank, der mich noch immer aus seinen Schweinsäuglein beobachtete. Enttäuscht ließ ich die Hand mit dem Funkgerät sinken, als es plötzlich doch zum Leben erwachte.
  
„Wir hören Sie. Bitte lassen Sie das nächste Mal die Sprechtaste los, nachdem Sie fertig sind und beenden Sie das Gespräch mit ‚over‘. Over.“
  
„Äh, ja, hallo, die Taste hat wohl geklemmt. Hier ist Konrad Vilsmeier. Wir wurden hier von Einheiten der Schwarzhemden nett in Empfang genommen und werden die nächsten Tage hier ihre Gastfreundschaft genießen. Bitte trefft in der Zwischenzeit entsprechende Vorbereitungen, alle Vorräte und Fahrzeuge hierher zu verlegen. Bitte… äh, over.“ 
 
„Bitte wiederholen. Over.“

Samstag, 18. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 22

„Sehr angenehm. Ich bin Kommandant Erwin Roggel, aber Sie werden mich einfach Kommandant nennen. Herr Kommandant. Nun, wie gesagt werden Sie Ihre Vorräte umlagern, zum Wohle unserer einst so glorreichen Nation. Doch zuvor möchte ich Sie hier willkommen heißen, während Sie ihre Kameraden mit dem Start des Projekts beauftragen“, flötete er förmlich, während hinter uns die Tür aufging und vier bullige glatzköpfige Schwarzhemden eintraten.

Obwohl es jeder kapiert hatte, musste Keller, der sich mittlerweile wieder so halbwegs aufgerappelt hatte, das Offensichtliche natürlich aussprechen: „Sie meinen, wir werden hier als Geiseln gehalten, bis Sie unsere Vorräte erhalten haben?“

Wie zuvor wurde sein Verhalten von Zwerg Nase bestraft und wieder ging er mit verzerrtem Gesicht zu Boden. Ich hoffte inständig, dass er dieses Mal einfach liegen blieb und seine Schnauze hielt. Auch wenn ich ihn nicht besonders ausstehen konnte, war er mir doch lieber, als unser Aushilfs-Adolf und seine brutalen zwielichtigen Spießgesellen.

„Geisel ist so ein hartes Wort. Ich empfinde Sie mehr als unsere Gäste und als solche werden Sie hier natürlich auch behandelt werden. Natürlich mit einigen Einschränkungen, aber Gastfreundschaft steht bei uns an erster Stelle, nicht wahr Albert?“

„Natürlich Herr Kommandant. Wir wissen schließlich, wie man mit Gästen umgeht.“ Sprach und winkte die neu hinzugekommenen Kameraden hinzu, uns Gesellschaft zu leisten. Die setzten sich in Bewegung und wie sie so auf uns zuwankten, fühlte ich mich an lebende Schränke erinnert. Ich muss sagen, ich hatte in dem Moment ordentlich Respekt vor den vier Gestalten. In Friedenszeiten waren es wahrscheinlich Verlierer, die sich mit Gaunereien und Gefängnisaufenthalten über Wasser hielten, aber hier, in der Krise, waren sie in ihrem Element. Jeder von uns bekam einen eigenen Begleiter zugeteilt, die uns auch sogleich die Rücksäcke abnahmen. Die wussten wirklich, wie man mit Gästen umgeht.

„Ich nehme an, Sie haben ein Funkgerät mit?“, richtete Roggel erneut die Worte an mich.

„Natürlich. Wenn mir Ihr charmanter Untergebener bitte wieder meinen Rucksack reichen würde, könnte ich sogleich danach suchen“, erlaubte ich mir einen Funken Sarkasmus, was zum Glück ohne Folgen blieb.

Natürlich bekam ich meinen Rucksack nicht zurück, und mein neuer kleinkrimineller Freund durchwühlte meine mitgebrachte Ausrüstung. Selbstverständlich entdeckte er die Schokolade, die ich eigentlich für meinen Sohn aufbewahren wollte und steckte sie sich herrlich unbeholfen beim Versuch das vor mir zu verbergen in seine Beintasche. Wäre es nicht so traurig, hätte ich lauthals losgelacht. Eins stand fest: keiner von diesen traurigen Gestalten war in der Lage gewesen, sich einen Plan zu überlegen, in dieser neuen Welt länger als einen Tag zu überleben. Kann sein, dass Roggel hier im Knast eine große Rolle spielte, aber es musste noch eine Organisation darüber geben.