Dienstag, 7. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 11

Die Gefängnismauer hatte bereits mein ganzes darüber liegendes Blickfeld eingenommen und ich erkannte erste Details wie den ehemaligen Besuchereingang hinter schusssicherem Glas. Das Glas war heil, aber mit roten Schlieren überzogen. Handabdrücke von hoffentlich nicht menschlichen Händen waren darauf zu sehen und nur wenige Zentimeter darunter diejenigen, deren Hände sich auf diese Weise auf den Scheiben verewigt hatten. Hinter den Scheiben war nur die nüchtern wirkende behördliche Einrichtung zu sehen. Hatte ich zuvor noch gehofft, hier einen Menschen zu erblicken, wurde ich jetzt enttäuscht. Der Trasse folgend verlor ich den Eingangsbereich wieder aus den Augen und hatte die nackten Mauern vor mir. Die Trasse verlief nahe und parallel zur Frontmauer. Stacheldraht umgab den oberen Teil der Mauer und bildete sicher ein zusätzliches Hindernis für die sprungfreudigen Vertreter dieser neuen Spezies.
 
In dem Moment kam mir der Gebäudekomplex wie eine uneinnehmbare Festung vor und mir drängte sich das Bild einer mittelalterlichen Trutzburg auf. Eigentlich waren Befestigungsanlagen in einem immer technischer werdenden Krieg schon lange überholt, und doch boten uns diese anachronistisch erscheinenden Bollwerke heute mehr Schutz, als all die Technik, die gebaut wurde, um sich gegen andere hochgerüstete Menschen zu verteidigen. Vielleicht lag es daran, dass unsere Feinde ebenso der Vergangenheit angehörten, wie diese Zeugen einer längst vergangenen Epoche. Die von uns geschaffene Abhängigkeit von einer ressourcenfressenden war zugleich unser Untergang. Was nutzten uns nun alle diese Waffen, die offensichtlich nicht für diesen Feind gebaut worden waren? Lag unser Heil in der Schaffung befestigter Bereiche, in denen wir beschützt von Mauern und Waffen dahinvegetieren konnten?
 
Und selbst wenn, was dann? Wir waren abhängig von Nahrung und selbst bis zum Bersten gefüllte Läger waren irgendwann erschöpft, oder die darin lagernden Nahrungsmittel verdorben. So oder so hatten wir uns irgendwann der Beschaffung von Nahrung widmen müssen. Spätestens dann war eine Auseinandersetzung mit den „anderen“ unausweichlich. Schon jetzt war ungewiss, ob es in unseren Breitengraden überhaupt noch Nutztiere gab, die gezüchtet werden konnten. Auch Felder zu bestellen, war ohne die fachlichen Ratschläge eines erfahrenen Landwirts bei weitem nicht so ertragsreich. Sofern die Anbauflächen nicht zerstört worden wären. Wenn sie es darauf anlegten, die menschliche Rasse auszurotten, war sie auszuhungern mit Sicherheit mittel- bis langfristig nicht die schlechteste Idee.
 
Somit standen wir vor dem gleichen Problem wie unsere Vorfahren vor tausend Jahren. Jede Trutzburg war nur so gut, wie die darin lagernden Vorräte und dem Durchhaltewillen der Insassen. Zumindest an letzterem schien es der Besatzung der JVA nicht zu mangeln. Die Gefechte, die hier stattgefunden hatten, müssen massiv und blutig gewesen sein, aber zeugten auch davon, dass man es hier verstand, sich zur Wehr zu setzen.
 
Vor dem Tor war ein größerer Bereich geräumt worden. Groß genug, um mit einem großen Fahrzeug  - einem Panzer? - vor dem Tor zu wenden. Oder sich mit zwei Personenkraftwagen bequem davor zu postieren. Das führende Fahrzeug hatte einen ähnlichen Gedanken und setzte vor dem Tor ein Stück zurück, so dass sie aus ein paar Metern Entfernung direkt auf das Tor ausgerichtet waren. Ich tat es ihnen gleich und stellte mich zwei bis drei Meter links zu ihnen. Da standen wir jetzt. Noch immer war kein Leben hinter den Mauern auszumachen. Nichts bewegte sich, kein Geräusch war zu hören, bis auf das Brummen unseres Motors. Entschieden drehte ich den Schlüssel nach links und das Brummen erstarb. Unsere Kameraden taten es uns gleich und da standen wir nun. Erneut fiel mir der penetrante Gestank auf, der jetzt mehr als zuvor auch in gefrorenem Zustand von den Leichen ausging.

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