Mittwoch, 8. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 12

Jetzt, wo wir standen und der Gestank endgültig ungehindert durch alle Ritzen eindringen konnte, legte sich die Fäulnis wie ein Pesttuch über uns und schnürte mir den Hals zu. Wieder sah ich auf meine Hände und obwohl der laufende Motor auch ohne Lüftung etwas Wärme ins Innere gepumpt hatte, zitterten sie noch immer. Nachdem es sich nicht mehr allein durch die Kälte erklären ließ, war es doch langsam an der Zeit, mir meine Angst einzugestehen. Obwohl hier draußen nur tote Monster lagen, konnten wir nicht sicher sein, dass wir ihnen nicht bald im Tod Gesellschaft leisteten. Eigentlich war überhaupt nichts sicher und so langsam kam mir der Gedanke, dass meine Frau vielleicht doch nicht so Unrecht hatte. Alle wie wir da waren, waren wir entbehrlich. Gmeinwieser war zwar ein guter Schütze, aber wie ich feststellen musste, ein unglaublicher Schwätzer. Sebastian Keller, der Fahrer des anderen Fahrzeugs war ein ekelhafter Schleimer, sein Beifahrer ein untersetzter Kerl, der das Gewehr ständig schief hielt und zuvor als Finanzbuchhalter tätig war. Davon brauchten wir jetzt ganz dringend welche.
 
Blieb nur noch ich. Der Gedanke, für das Überleben der Truppe überflüssig zu sein, gefiel mir ehrlich gesagt nicht besonders. Das hat jetzt wenig mit Selbstüberschätzung zu tun, aber wer hört schon gerne, dass man als entbehrlich gilt? In einer anderen Situation mag das durchaus von Vorteil sein, zum Beispiel wenn es die Verabschiedung in die Rente ist. Gut, selbst dann hat es einen blöden Beigeschmack und schmälert den Einsatz der letzten Jahre, aber man riskiert wenigstens nicht dabei, erschossen zu werden. Ein großer Vorteil gegenüber der Situation, in der wir uns jetzt befanden. Immerhin war es für das Gemeinwohl. Ein schwacher Trost dafür, tot und aufgedunsen zwischen den Viechern hier zu liegen. Aber vielleicht war es sogar besser so. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, um mal ein ausgelutschtes Sprichwort zu bemühen. Ohne Frau und Kind hätte das in dem Moment möglicherweise geholfen, mir meine Bedenken zu nehmen.  Aber so sah die Angelegenheit natürlich anders aus. Vielleicht war es an der Zeit, den Rückweg anzutreten. Rückzug war noch eine Option und meine Familie in die Arme zu schließen, die beste Option, die mir in dem Moment einfiel. Einfach Gang einlegen, Gaspedal durchtreten und schnell weg hier, bevor wir das weckten, was hinter den dicken Mauern in dem Moment geschlummert hatte.

Dann öffneten sich die Türen des anderen Fahrzeugs und entließen ihre beiden Insassen nach draußen. Für geordneten Rückzug war es jetzt leider zu spät und noch war ich nicht abgeneigt, meinen Plan trotzdem durchzuziehen. Aber ich zögerte zu lange. Da war natürlich auch noch Gmeinwieser, den ich natürlich nicht in meine Pläne eingeführt hatte, und dessen Verhalten wenig berechenbar war. Noch war aber nichts verloren. Sofern wir nicht als Freunde empfangen würden, konnte ich immer noch so schnell es ging, Fersengeld geben. Angesichts des um uns herum liegenden Schlachtfelds lagen unsere Chancen zwar nicht allzu gut, aber immerhin bestand eine Chance. Selbstsuggestion ist schon was Feines.


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