Samstag, 11. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 15

Aus den Augenwinkeln sah ich Kellers Gesicht. Sein Kopf war krebsrot angelaufen und mein Handabdruck zeichnete sich blass darauf ab. Insgesamt war er dadurch Gmeinwieser nicht unähnlich, mit dem Unterschied, dass der Handabdruck irgendwann verschwand. Seine Augen blitzten und hätten Blicke töten können, wäre ich ganz sicher mausetot und schäumend am Boden gelegen. Natürlich taten sie das aber nicht, und so konnte ich mich weiter bester Gesundheit erfreuen. .
 
Mochten meine Worte in den Ohren meiner Begleiter auch absurd erscheinen, hielt ich sie dem Moment entsprechend. Das Kompliment über seine schief sitzende Uniform drängte sich mir förmlich auf und traf bei dem leicht unterentwickelten Anführer der Wachmannschaft offensichtlich den richtigen Ton, denn im nächsten Moment ging ein Zittern durch die großen Tore und langsam schwangen sie nach innen auf.
 
“Schön, Sie können passieren. Ihr Stellvertreter wird sein Fahrzeug im Innenhof abstellen und sich mit Ihren anderen Begleitern zurückziehen.”, kam es weit weniger aggressiv als noch kurz zuvor von oben herab.
 
Das konnte und wollte ich nicht akzeptieren. Sorgfältig legte ich mir meine Worte zurecht und vertraute dabei erneut auf meine innere Eingebung. “Ich erbitte Ihren Schutz auch für meine Begleiter. Mag sich mein Stellvertreter Ihnen gegenüber auch ungebührlich verhalten haben, so ist er doch eine wichtige Stütze unserer Gemeinschaft und ich möchte ihn nur ungern an die Kälte oder die PSGs verlieren. Natürlich wären wir Ihnen danach eine persönliche Gefälligkeit schuldig. Ich bin sicher wir finden etwas, mit dem wir uns revanchieren können.”
 
Langsam hob er seine rechte Hand an sein Kinn und rieb es zwischen behandschuhten Zeigefinger und Daumen. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und starrten auf ein unbekanntes Ziel im Himmel. In der Pose verharrte er übertrieben lang, bis sich sein knorpliges Gesicht wieder entspannte und er mit einer einfachen winkenden Handbewegung seine stille Zustimmung signalisierte.
 
Betont langsam ging ich um mein Fahrzeug herum und nahm wieder hinter dem Lenkrad Platz. Dort empfing mich Gmeinwieser mit eisigem Blick.
 
„Fuck, was hast du dir dabei eigentlich gedacht? Fuck, hast du irgendwas gedacht? Was willst du dem Kerl geben? Mensch überleg doch mal, das sind nicht die Netten.“
 
Bevor er weiter zetern konnte, fuhr ich ihm ins Wort.
„Ja, wär’s dir lieber gewesen, Sebastian hätte die Verhandlungen weiter geführt und wir würden jetzt zu Fuß zum Bunker zurück marschieren? Wenn er so weiter gemacht hätte, hätten wir vielleicht nicht mal mehr laufen können. Oder hast du Tote schon mal laufen sehen?“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen