Dienstag, 14. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 18

Nach der Begrüßungszeremonie fiel mein auf sein Namensschild, auf dem seine Vornamen mit ‚A. B. ‘ abgekürzt standen. Zu meinem Glück drehte er sich in dem Moment um, weshalb ihm meine Grimasse nicht aufgefallen war. Hätte bös ausgehen können. A. B. Sackschneider. Seine Eltern mussten prophetische Fähigkeiten gehabt haben, oder sie hassten den hässlichen Bastard schon am Tag seiner Geburt. Sackabschneider setzte sich in Bewegung und gab uns mit einer winkenden Geste zu verstehen, dass wir ihm folgen sollten. Seit unserer Ankunft wurden wir seltsamerweise nicht nach Waffen durchsucht. Entweder genossen wir grenzenloses Vertrauen, oder hätten keine Gelegenheit gehabt, eine Waffe auf irgendwen zu richten.
 
Nach einigen Schritten spürte ich eine Berührung von hinten und drehte den Kopf langsam nach hinten. Dort starrte ich direkt in Martins Gesicht, der mich schon wieder böse anfunkelte. „Sag mal“, flüsterte er kaum hörbar „Was soll das? Fuck, willst du uns alle umbringen?“
 
Natürlich hätte ich mich jetzt rechtfertigen können. Der Name. Damit hätte ich aber riskiert, allein bei der Erwähnung wieder einen Lachkrampf unterdrücken zu müssen, weshalb ich Martin nur einen entschuldigenden Blick schenkte, und mich wieder Rumpelstilzchen zuwandte. Aufmerksam beobachtete ich seinen watschelnden Gang, dem einer Ente nicht ganz unähnlich. Die Arme hatte er wie Flügel angelegt und den Arsch nach hinten raugestreckt. Ein Bild von einem Mann und mit Sicherheit ein tapferer Kämpfer im Namen unserer einst so ruhmvollen Republik.
 
Das eigentlich Schlimme war ja, dass ich nicht wusste, was mit mir los war. Noch nie zuvor war ich ähnlich sarkastisch und ich hatte die letzten Wochen mit Sicherheit genug Unheil beobachten müssen, um mehrere Leben mit Trübsinn zu füllen. Und doch war ich seltsam aufgekratzt, fühlte mich wie von fremden Gedanken beherrscht und kaum in der Lage einen ernsthaften Gedanken zu fassen.
 
Zaghaft verlangsamte Eddie Erpel seinen Schritt und stoppte vor einer großen Tür. Rechts von uns trennte uns ein großer Zaun von dem, was sicher einmal der Innenhof für die Gefangenen war. Ein paar Sportgeräte standen oder lagen am Rand und sahen nicht danach aus, als wären sie in letzter Zeit in Benutzung gewesen. Von seinem Gürtel zog Sackgesicht ein Funkgerät und knurrte ein kurzes „Wir sind jetzt da“ hinein. In Folge wurde auch die vor uns liegende Tür entriegelt.
 
Durch die Tür hindurch gingen wir einen sauber geputzten Flur hinab. Sonne strahlte von der linken Seite durch vergitterte Fenster, während rechts von uns Tische und Stühle standen. Ein Schild wies den Bereich als Besucherzimmer aus. Dort gab es wieder eine eigene Wachstube, die von einem Schwarzhemd besetzt war, oder besser einem Schwarzunterhemd. Ja, selbst die Unterhemden waren schwarz. Oder vielleicht waren sie irgendwann auch weiß gewesen. Auf mich machte das vor uns liegende Exemplar nicht gerade den Eindruck, besonders viel Zeit auf Körperhygiene zu verwenden. Lässig lagen seine Füße auf der Arbeitsfläche vor ihm und sein Frühstück wiederum auf seinem stattlichen Bauch. Die Arme wurden von wilden Tätowierungen verziert, von denen mir am meisten ein Hakenkreuz ins Auge stach. Der glatt rasierte Schädel komplettierte das Bild des stolzen Herrenmenschen.

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