Mittwoch, 15. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 19

Auch wenn er mit seinem Bauch nicht gerade so aussah, als würde er seine Opfer länger als 100 Meter verfolgen können, wiesen ihn seine Muskeln zumindest als ernst zu nehmenden Gegner aus. Sein Oberarm hatte in etwa den Umfang meines Oberschenkels, positiv geschätzt. Jetzt war ich schon fast etwas froh darum, dass wir nicht von dem selbst ernannten Übermenschen in Empfang genommen wurden. Bei dem Koloss wär es mir möglicherweise nicht so leicht gefallen Stärke zu demonstrieren, wie bei Herrn Erpel.
 
„Karl, mach die Tür auf.“, raunte Eddie seinem Nazikumpel zu.
 
„Scheiße Albert, siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin?“, grunzte der zurück.
 
„Jetzt mach schon, Erwin will die Neuankömmlinge sehen.“
 
„Warum sagst du das nicht gleich?“ Plötzlich kam Bewegung in den Fleischberg und überraschend flink wand er sich aus seiner halb liegenden Sitzposition in eine aufrechte. Ein fieses Grinsen umspielte seine Lippen und zeigte dabei die obere Reihe von dem, was einmal seine Zähne waren. Grauschwarze Stummel saßen da und dazwischen noch Reste von seinem wahrscheinlich zweiten Frühstück. Mir schien, ich war hier in einem wahren Frauenparadies gelandet. Jede Frau würde mich ob dieser Traummänner beneiden.
 
Ein Druck, und die nächste Tür stand für uns offen. Dahinter wieder ein Flur, aber dieses Mal ohne Fenster. Verschiedene Türen zweigten davon ab und die meisten davon führten wohl in die früheren Zelltrakte. Auf die nahmen wir allerdings weniger Rücksicht und gingen geradewegs auf die am Ende des Flurs liegende Tür zu. Die grauen Wände erinnerten mich an unsere Bunkeranlage und waren der Beweis dafür, wie innovativ und einfallsreich der staatliche Bau in unserem Land war. Je näher wir der Tür kamen, umso unwohler wurde mir, trotz Obererpel Sackgesicht, der weiter vor uns her watschelte als gäbe es kein Morgen.
 
Trugen die anderen Türen Buchstaben-/Nummern-Kombinationen, war auf dieser ein profanes „Unbefugten ist der Zutritt untersagt“ zu lesen. Irgendwie rechnete ich damit, dass sich auch diese Türe nur über einen Schließmechanismus öffnen lässt und war umso erstaunter, als Sackschneider die Tür einfach aufdrückte und weiter marschierte und dabei den Blick auf ein Treppenhaus freigab.
 
Die Treppen verschlimmerten seinen watschelnden Gang noch und einmal mehr war ich knapp davor von dem Kerl erschossen zu werden. Leise gab ich bei jedem seiner Schritte quakende Geräusche von mir, bis mir ausgerechnet Keller von hinten einen Schlag zwischen die Schulterblätter versetzte. Mein überraschtes Zischen blieb auch Eddie Erpel nicht verborgen, der sich mit fragendem Gesichtsausdruck zu mir umdrehte, sich aber mit einer entschuldigenden Grimasse zufrieden gab. Ich fasste den Entschluss, Sebastian am Ende der Treppe einfach das Treppenhaus hinunter zu stoßen, tat es dann am Ende aber natürlich doch nicht.
 
Wieder eine Tür, noch ein Flur, Tür, Flur. Das verdammte Ding war kein Gefängnis, sondern ein Labyrinth aus Türen und Fluren und alle sahen sie gleich aus. Graugrüne Flure, rote, weiße und gelbe Türen. Der Traum eines jeden Innenarchitekten, würde ich sagen. Erst der vermeintlich letzte Flur unterschied sich von den vorangegangenen. Ein lichtdurchfluteter Raum mit Teppich und Pflanzen führte geradewegs zu einer großen Doppeltür aus dunklem Holz und goldfarbenen Griffen. Am Ende des Raums stand ein Schreibtisch und dort saß das eigentliche optische Highlight dieser ganzen Anlage.

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