Donnerstag, 16. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 20

Langes, volles dunkles und offen getragenes Haar umspielte ihr schmales leicht gebräuntes Gesicht, ein strenger Blick unter einer Brille mit dickem dunklen Rand verliehen ihr Autorität, die geschwungenen vollen Lippen Anmut und die zierliche Gestalt appellierte an den männlichen Beschützer Instinkt. Dezente silberne Ohrenstecker setzten diskrete Akzente und ihre braunen Augen waren trotz des strengen Blicks voller Wärme. Weil ihr Schreibtisch vor einem Fenster stand wurde sie förmlich in Sonnenlicht gebadet und jeder Lichtstrahl betonte ihre wunderschöne Figur, die auch eine blaue Bluse nicht vollständig verhüllen konnte.
 
Als sie ihren Mund öffnete war es, als würden Engelsposaunen ertönen. Ihre Stimme unterstrich ihre Autorität, hatte aber auch diesen anmutig zärtlichen Unterton, der die Hormone von Männern in Wallung brachte.
 
„Sind das die Ankömmlinge?“, kommentierte sie knapp, nachdem sie uns mit einem schnellen Augenaufschlag gemustert hatte.
 
Ohne, dass er in ihre Richtung sah oder sie überhaupt eines Blickes würdigte, bejahte Sackschneider die Frage und ging geradewegs weiter auf die Tür zu. Wir folgten nur zögernd und nicht nur meine Augen verloren sich in ihrer Ausstrahlung. Schon lange verloren geglaubte Gefühle eroberten sich meiner. Wäre da nur nicht dieses seltsam an mir nagende schlechte Gewissen gewesen, das mir vor Augen hielt, dass ich ein an sich glücklich verheirateter Mann war. Als sie mir in die Augen sah, war ich trotzdem für einen kleinen Moment verloren.
 
Hätte mich unsere Führerente nicht energisch am Arm gezogen, stünde ich wohl heute noch dort vor dem Schreibtisch und würde in die schönsten Augen der Welt starren.
 
„Ey, eingeschlafen, oder was?“, kam die Stimme des Sackabschneiders wie aus weiter Ferne. „An deiner Stelle würd ich in eine andere Richtung starren. Anabela ist die Schnitte vom Boss und der hat es gar nicht gern, wenn wir sie anstarren.“
 
Das Argument ließ mich dann schließlich doch aus meiner Starre erwachen und folgsam trottete ich unserem Aufpasser wieder hinterher. Nicht aber ohne Anabela einen letzten Blick zuzuwerfen. Die Sonnenstrahlen trafen sie jetzt im Profil und tauchten es zweifellos vorteilhaft in das goldene Licht der Sonne. In meinem Magen breitete sich ein Gefühl aus, als wär ich frisch verliebt.
 
Eine kurzlebige Emotion, die nicht nur aufgrund unserer jetzigen Umstände auf immer unerfüllt bleiben würde. Da war natürlich meine Familie. Aber auch ohne Frau und Kind wäre der hinter der dunkelbraunen Doppeltür wartende geheimnisvolle Erwin ein unüberwindbares Hindernis für unsere Liebe gewesen. Sofern sie sich natürlich mit einem unwichtigen Typen abgegeben hätte, der von seinem Vorgesetzten den Wölfen vorgesetzt worden war. So fühlte ich mich nämlich gerade wieder, als A. B. Sackschneider in unterwürfiger Haltung die Tür zu Erwins Reich öffnete.

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